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30.4.2017 : 8:54 : +0200

Bodhisattva-Gelöbnis

(aus: Halbzeit der Evolution, Goldmann 1990, S. 353)

Für mich liegt die Schönheit des Zwillingsbegriffs von Evolution und vielschichtiger Individualität in Folgendem: Meine heutige Existenz - obwohl sie nicht auf niedere Ebenen reduzierbar ist oder von ihnen abgeleitet werden kann ? hängt dennoch von den niederen Ebenen ab und beruht auf ihnen, den Ebenen, deren früheres Ringen und deren Erfolge den Weg für mein Entstehen geebnet haben. Dafür bin ich ihnen dankbar. Sie sind aber auch mir dankbar, denn in meiner eigenen vielschichtigen Individualität sind die Minerale, die Pflanzen und das Animalische Teil eines höheren mentalen Bewußtseins - etwas, was sie aus sich selbst niemals verwirklichen konnte. Und schließlich ist es in der vielschichtigen Individualität des vollkommenen Erleuchteten allen niederen Ebenen gestattet, an der absoluten Erleuchtung teilzuhaben und sich im Glanze des GEISTES zu baden. Das Mineral als Mineral, die Pflanze als Pflanze und das Tier als Tier könnten niemals erleuchtet sein ? der Bodhisattva jedoch nimmt alle Manifestationen mit sich ins Paradies, und das Gelöbnis des Bodhisattvas lautet, niemals Erleuchtung zu akzeptieren, ehe nicht alle Dinge am Geist teilhaben. Meines Erachtens gibt es keine edlere Haltung als diese.

02/2004 -mf/mh-

Erläuterungen zum Bodhisattva-Gelöbnis aus:

Sogyal Rinpoche: Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben Seite 427 ff

Die Natur Ihres eigenen Geistes zu erkennen, bedeutet nämlich, im Grunde Ihres Wesens zu einem Verständnis zu gelangen, das Ihre gesamte Sicht der Welt verändert. Dadurch wird es Ihnen möglich, den natürlichen und unmittelbaren Wunsch zu wecken, allen Wesen zu dienen, verbunden mit dem direkten Wissen, wie Sie das unter allen Umständen, in denen Sie sich befinden mögen und unter Einsatz aller Ihrer Begabungen geschickt in die Tat umsetzen können. Ich bete daher, daß Sie den Kern Ihres Seins kennenlemen und die Wahrheit der folgenden Worte Nyoshul Khenpos an sich selbst erfahren mögen:

Es entsteht ein müheloses Mitgefühl für alle Wesen, die ihre wahre Geist-Natur noch nicht erkannt haben.
Doch nicht nur Mitgefühl allein, auch die entsprechenden und angemessenen Mittel sind vorhanden, sobald du die Natur des Geistes selbst verwirklichst. Von allem Leid und aller Furcht, wie vor Geburt und Tod und vor den Zwischenwelten, bist du dann wie von selbst befreit.
Und solltest du berichten von der Glückseligkeit und Freude, die diese Einsicht bringt, so heißt es bei den Buddhas, daß alle Herrlichkeit und Freude, Lust und Glück der Welt zusammen nicht einem Bruchteil dieses Glücks der Erkenntnis der Natur des Geistes nahekämen.

Der Welt aus dieser dynamischen Vereinigung von Weisheit und Mitgefühl heraus zu dienen, bedeutet, höchst wirkungsvoll an der Bewahrung des Planeten Erde mitzuarbeiten. Meister aller religiösen Traditionen der Welt wissen, daß spirituelle Schulung wesentlich ist, und zwar nicht nur für Mönche und Nonnen, sondern für alle Menschen, gleich welchen Glau- bens oder welcher Lebensart. Was ich in diesem Buch (Das Tibet. Buch vom Leben und vom Sterben) zu zeigen versucht habe, ist die aktive, effektive und äußerst praktische Natur spiritueller Entwicklung.

Wie es in einer berühmten tibetischen Unterweisung heißt:
"Wenn die Welt voller Übel ist, dann muß alles Mißgeschick in den Pfad zur Erleuchtung verwandelt werden. "Die Gefahr,der wir allesamt ausgesetzt sind, macht es unabdingbar, daß wir spirituelle Entwicklung nicht länger für Luxus halten, sondem sie als unerläßlich für unser aller Überleben erkennen......

Die Einsicht, die das Mitgefühl meiner Tradition am deutlichsten beweist, und ihr edelster Beitrag zur spirituellen Weisheit der Menschen ist das Verständnis und die tatkräftige Umsetzung des Bodhisattva-Ideals.

Bodhisattvas nehmen das Leid aller fühlenden Wesen auf sich und unternehmen die beschwerliche Reise zur Erleuchtung nicht allein für ihr eigenes Wohl, sondem um allen anderen zu helfen. Nachdem sie Befreiung erlangt haben, fliehen sie nicht vor den Schrecknissen von Samsara oder lösen sich im Absoluten auf, sondern erscheinen freiwillig wieder und wieder, um ihre Weisheit und ihr Mitgefühl dem Dienst an der ganzen Welt zu widmen. Unsere Welt braucht nichts dringender als diese aktiven Diener des Friedens : Menschen, die - wie Longchenpa es ausdrückte - "die Rüstung der Geduld tragen", die der Vision der Bodhisattvas und der Verbreitung der Weisheit in alle Bereiche unserer Erfahrung verpflichtet sind.
Wir brauchen Bodhisattva-Rechtsanwälte, Bodhisattva-Künstler und -Politiker, Bodhisattva-Ärzte und -Wirtschaftsexperten, Bodhisattva- Lehrer und -Wissenschaftler, Bodhisattva-Techniker und -Ingenieure, Bodhisattvas in allen Bereichen, die auf jeder Stufe und überall in der Gesellschaft bewußt als Kanäle des Mitgefühls und der Weisheit wirken, die daran arbeiten, ihr Bewußtsein und ihr Handeln sowie das anderer zu verwandeln, die in der Gewißheit, von den erleuchteten Wesen unter- stützt zu werden, unermüdlich für die Bewahrung unserer Welt und für eine bessere Zukunft arbeiten. Wie Teilhard de Chardin sagte: "Wenn wir eines Tages den Wind, die Wogen, die Gezeiten und die Schwerkraft in den Griff bekommen haben... . . werden wir die Energien der Liebe nutzbar machen. Dann wird der Mensch - zum zweiten Mal in seiner Geschichte - das Feuer entdecken."

03/2004 -mf-