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27.3.2017 : 14:38 : +0200

Das Geist/Körper Problem

(aus: Collected Works Vol. 6, shambhala 2000 p 451)

Relativ unbemerkt von der philosophischen Öffentlichkeit hat sich Ken Wilber an ein "klassisches" ungelöstes philosophisches Problem gewagt, und dieses in einigen wenigen Schritten - und unter Zuhilfenahme des Vier-Quadrantenmodells - gelöst (siehe Grundlagenkonzepte: Die Vier Quadranten). Es handelt sich dabei um das Problem der Beziehung von Geist und Körper zueinander. Wilber behandelt dieses Problem ausführlich in Integrale Psychologie (Arbor Verlag), und - knapper dargestellt - in der überarbeiteten zweiten Ausgabe von Sex, Ecology, Spirituality. (Hinweis: auf deutsch ist derzeit - Januar 2004 - lediglich die erste Ausgabe erschienen, unter dem Titel Eros Kosmos Logos). Der nachfolgende Text ist aus der zweiten überarbeiten Ausgabe von Sex, Ecology, Spirituality.

Das Geist/Körper Problem ist ein Produkt des Flachlandes. Es hat sich vor dem Hintergrund der modernen Verflachung [d.h. der Reduzierung von Innerlichkeiten auf Äußerlichkeiten, dem "Flachland" A.d.Ü] als besonders hartnäckig erwiesen, weil sowohl "Geist" [mind] als auch "Körper" mindestens zwei völlig unterschiedliche Bedeutungen haben, was uns zu vier verschiedenen Problemen führt, welche in einem einzigen Problem versteckt sind. Aber es ist nicht so schlimm wie es sich anhört, und man kann es sich sehr leicht anhand des Vier Quadranten Modells klarmachen. Beginnen wir mit dem Begriff "Körper" - er kann den biologischen Organismus als ein Ganzes bezeichnen, einschließlich des Gehirns, (dem Neokortex, dem limbischen System, dem Hirnstamm usw.) - mit anderen Worten, "Körper" kann die Bedeutung des oberen rechten Quadranten haben, was ich als "den Organismus" bezeichnen werde. Der Begriff "Körper" kann jedoch auch, und das ist für den Normalbürger der Fall - die Bedeutung subjektiver Gefühle und Körperempfindungen haben. So sagt jemand beispielsweise; "Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper", und er meint damit, dass sein Wille gegen seine körperlichen Neigungen kämpft (wie z.B. Sex- oder Nahrungsgelüste). In dieser allgemein gebräuchlichen Bedeutung bezieht sich "Körper" auf die unteren Ebenen der eigenen Innerlichkeit... Wechselt man nun vom Körper zum Geist, dann setzen viele wissenschaftliche Forscher "Geist" einfach nur mit "Gehirn" gleich, und sie sprechen dann nur noch von Gehirnzuständen, Neurotransmittern, kognitiver Wissenschaft usw. Ich werde den Begriff "Gehirn" für diejenige Bedeutung verwenden, welche sich auf den oberen rechten Quadranten bezieht (beispielsweise den Neokortex). Andererseits meint jedoch ein Mensch mit der Aussage: Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper" nicht, dass sein Neokortex sein limbisches System bekämpft. Mit "Geist" meint er hier die oberen Ebenen seiner eigenen Innerlichkeit, die oberen Ebenen des oberen linken Quadranten (wenngleich er nicht genau diese Worte verwenden würde)- mit anderen Worten, sein rationaler Wille kämpft gegen seine Gefühle oder sein Verlangen (Ebene 4 bekämpft Ebene 1). Der Geist wird in einer phänomenologischen Darstellung der ersten Person unter Verwendung der Ich-Sprache beschrieben, wohingegen das Gehirn aus der Perspektive der dritten Person heraus objektiv in Es-Sprache beschrieben wird.

(Dies ist eine weitere allgemeine Bedeutung für Geist/Körper: "Geist" kann die inneren Dimensionen ganz allgemein bezeichnen - die linke Seite [des Vier Quadranten Modells A. d. Ü.] - und "Körper" ganz allgemein die äußeren Dimensionen - bzw. die rechte Seite; ich werde bei Verwendung dieser Definition darauf bezug nehmen).

Diese verschiedenen Definitionen von Geist und Körper wurden nebeneinander verwendet, sowohl um das Geist/Körper Problem zu erschaffen, als auch um es zu lösen. Der Reduktionist reduziert den Geist einfach auf das Gehirn, und da das Gehirn in der Tat ein Teil des Organismus ist gibt es keine Dualismus: Das Geist/Körper Problem ist gelöst! Und es stimmt - das Gehirn ist ein Teil des Organismus, ein Teil des großen Netzes des Lebens und der empirischen verbundenen Ordnung, also gibt es auch keinen Dualismus; und es gibt auch nirgendwo irgendwelche Werte, Bewusstheit, Tiefe oder Göttlichkeit in diesem daraus resultierenden Universum. Und genau dieser Reduktionismus ist auch die "Lösung", welche das grundlegende Aufklärungsparadigma der Wirklichkeit auferlegt, eine "Lösung" welche sich immer noch in den meisten Formen der kognitiven Wissenschaft, der Neurowissenschaft, Systemtheorie usw. wild wuchernd verbreitet: Reduziere das Linke auf das Rechte, und behaupte dann das Problem sei gelöst.

Doch der Grund dafür, warum die meisten Menschen, sogar die meisten Wissenschaftler, sich bei dieser "Lösung" unbehaglich fühlen - und der Grund dafür warum das Problem ein Problem bliebt - liegt darin, dass wenngleich der materielle Monoismus verkündet dass es keinen Dualismus gibt, die meisten Menschen es doch besser wissen, weil sie den Unterschied zwischen ihrem Geist und ihrem Körper fühlen können - sie fühlen es jedes mal wenn sich bewusst dazu entscheiden ihren Arm zu bewegen, sie fühlen es bei jeder Ausübung ihres Willens. Und der Normalbürger hat in gewisser Weise recht: Es gibt einen Unterschied zwischen Geist und Körper, Noosphäre und Biosphäre, und dieser kann in den Bereichen der Innerlichkeit bzw. den linksseitigen Bereichen gefühlt werden. Dies ist kein rigider Dualismus, wie das einige Philosophen postuliert haben, sondern eher ein Fall von "tranzendiere und umfange", und praktisch jeder rationale Erwachsene hat einen Sinn für diesen transzendierenden Teil, wo der Geist, wenn er gut "drauf" ist, den Körper und sein Verlangen kontrollieren kann. All dies sind phänomenologische Wahrheiten der linksseitigen Bereiche (genauer gesagt: Formop [formaloperationales Denken A.d.Ü.] ist in der Tat unerschieden vom Sensorimotorischen: formop transzendiert und beinhaltet das Sensorimotorische, und kann es daher steuern). Aber keine dieser inneren Stufen der Entwicklung wird erfasst, wenn "Körper" sich auf den rechtsseitigen Organismus bezieht, und mit "Geist" das rechtsseitige Gehirn bezeichnet wird - all diese wichtigen Unterscheidungen gehen im materiellen Monismus komplett verloren, was das Problem nicht löst, sondern es verdeckt.

Ein "alle Ebenen - alle Quadranten" Ansatz hingegen hat Raum für alle diesen Definitionen von Geist und Körper und Gehirn und Organismus, weil jede von ihnen einen realen und nicht-reduzierbaren Wirklichkeitsaspekt repräsentiert. Diese Integration der vier Quadranten (und der Ebenen in jedem) - eine Aufgabe der Schau-Logik - hilft, die vielen Formen des Geist/Körper Problems zu entwirren. Es erlaubt (und fordert) eine gleichberechtigte Berücksichtigung von phänomenologischen Darstellungen der ersten Person ("Ich"), von Strukturen der zweiten Person ("Wir"), und organischen Systemen der dritten Person ("Es"). Darüber hinaus kann das endgültige Körper/Geist Problem - die Beziehung zwischen dem innerlich-Subjektiven und dem äußerlich-Objektiven - nur im nichtdualen Erwachen gelöst werden, welches alle Quadranten transzendiert und beinhaltet. Ich behaupte also, dass ein "alle Ebenen alle Quadranten" Ansatz das Geist/Körper Problem in all seinen Hauptformen von Grund auf behandelt. Die Ausführung der Einzelheiten dieser Behauptung würde natürlich ein eigenes Buch ergeben...

11/2004 -mf/mh-