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30.4.2017 : 8:57 : +0200

Denken über das Denken

aus: Sociocultural Evolution, CW 4 S. 328 (geschrieben 1983)

Ich glaube dass - auf der Grundlage der verfügbaren Forschungsergebnisse - die Aussage zulässig ist, dass das Denken, welches auf das Denken einwirkt [thougt-operating-on-thought] (oder wie immer man sich das vorstellen mag) eine quasi-universelle Tiefenstruktur ist, mit im wesentlichen gleichen Merkmalen, unabhängig davon ob sie in Amerika, Indien, Japan oder Malaysia auftritt, wobei die spezifische Ausgestaltung zu einem großen Teil kulturabhängig und historisch bedingt ist. Ich ziehe ebenso die Schlussfolgerung, dass die Fähigkeit des Denkens über das Denken sich in der heutigen ontogenetischen Entwicklung frühestens erst mit dem Erwachsen werden entwickelt, wenn überhaupt; dass es sich historisch - von wenigen Ausnahmen abgesehen - erst seit 1000 v. Chr. entwickelt hat; und dass es erst in der industriellen bzw. modernen Zeit zu einer wichtigen und bestimmenden Struktur wurde; und dass es jetzt dabei ist, den Weg für seine Nachfolger frei zu machen.

Es gibt andere, mehr philosophische Gründe die dafür sprechen, dass das Denken-über-das-Denken ein echtes und bedeutendes Stufenphänomen ist. Die gesamte Idee von Evolution und Bewusstsein schließt die Vorstellung mit ein, dass jede Grundstruktur der Entwicklung ihre Vorgänger sowohl transzendiert als auch beinhaltet. Auch Piaget erkannte die größere Bedeutung dessen was er tat: "Diese Gesamtstrukturen sind integrativ und nicht miteinander austauschbar. Jede resultiert aus ihren Vorgängern, welche sie als eine untergeordnete Struktur integriert, und gleichzeitig bereitet diese Struktur das Nachfolgende vor, in welchem sie dann selbst integriert wird." Das Ganze einer Stufe wird zu einem Teil der nachfolgenden Stufe; das Subjekt einer Stufe wird zum Objekt der nachfolgenden - und so weiter. Jede Stufe des Bewusstseins transzendiert ihre Vorgänger, und kann aus genau diesem Grund diese wahrnehmen, sich ihrer bewusst sein, und auf sie einwirken. Durch das Denken im weitesten Sinn konnten Männer und Frauen die unmittelbare physische Umgebung und die unmittelbaren Zwänge des physischen Körpers transzendieren und auf sie einwirken (Kontrolle der Impulse, Wille, Techniken usw.). Das Denken welches auf das Denken einwirkt repräsentiert einfach den Punkt, an dem das Bewusstsein beginnt das Denken selbst zu transzendieren, und so auf das Denken einwirken kann. An diesem Punkt beginnt gewissermaßen der gesamte mentale Bereich ein Objekt des Bewusstseins zu sein, und nicht mehr nur ein Subjekt. Es ist der Beginn der Transzendenz des Geistes, auf dem Weg hin zu einer übermentalen Entwicklung.

Ich denke diese Ansicht hilft - unter anderem - dabei, die tief greifenden Veränderungen in der modernen Philosophie zu erklären. Die traditionelle Philosophie tendierte dazu einfach anzunehmen, dass Denken und Sprache offenkundige Werkzeuge zur Erfassung der Wirklichkeit wären; das heißt Denken und Sprache waren unproblematische Subjekte. Eine der größten Bewegungen der modernen Philosophie bestand darin, dass Sprache zum Objekt einer anhaltenden philosophischen Reflektion wurde; das Denken über das Denken wurde sich zunehmend der Struktur seiner eigenen Existenz bewusst. Dies führte zu Ergebnissen wie: linguistischer Analyse, Hermeneutik, Strukturalismus und Semiotik, und sie alle stimmen folgerichtig mit denjenigen Phänomenen überein, welche man als Emergenz auf dieser Stufe der Evolution erwarten kann.

05/2005 -mh/fs-