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29.3.2017 : 13:00 : +0200

Die Jahreszeiten des Lebens

(aus: Boomeritis, Shambhala 2002, S. 393)

Morin's klangvolle Stimme füllte den Saal. "Die Boomer treten jetzt in ihre zweite Lebenshälfte ein. Die äußerlich orientierten Aufgeregtheiten um Job, Geld, Heirat und Familie neigen dazu, gelöst zu sein; man wird mehr und mehr mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert, was auf eine wunderbare Weise den Geist konzentriert und ihn von den weltlichen Dingen befreit. Das endliche Selbst wird immer transparenter, lässt immer leichter los, und ein bestimmter spiritueller Duft beginnt sich auszubreiten, wenn das nicht schon vorher bereits geschehen ist. In dieser zart-subtilen Atmosphäre können in der Tat eigenartige Dinge passieren.

Psychologen, welche die menschliche Entwicklung über eine ganze Lebensspanne verfolgen, haben herausgefunden, dass die meisten Menschen eine ganze Reihe wesentlicher Transformationen von der Geburt bis zum Erwachsenwerden durchlaufen, wo dieser Transformationsprozess dann allmählich zu einem Ende zu kommen scheint. Während in dieser Zeit viele horizontale Translationen erfolgen - die 'Jahreszeiten eines persönlichen Lebens' - scheint die vertikale Transformation hin zu höheren Ebenen jedoch vollständig zum Stillstand zu kommen. Zwischen den Lebensaltern von etwa 25 bis etwa 55 Jahren scheint nur sehr wenig vertikale Transformation stattzufinden. Es gibt einige Ausnahmen, die wir später diskutieren werden, doch dies sind wirkliche Ausnahmen. Darüber gibt es viele Forschungsergebnisse. Tests, welche die kognitive, moralische, interpersonelle und die Selbstentwicklung messen, wurden ganz unterschiedlichen Erwachsenen vorgelegt, und es trat so gut wie keine vertikale Entwicklung auf. Es ist beinahe unmöglich, einen erwachsenen Menschen zu einer Transformation zu bewegen."

Morin machte eine Pause und schaute sich im Auditorium um, welches in eine leicht depressive Stimmung hinübergeglitten war. ?Aber lassen Sie mich das positiver formulieren. Dies bedeutet, dass Transformation wesentlich leichter ist, wenn man entweder ein junger oder ein alter Erwachsener ist. Es gibt hier eine Art U-Kurve, mit viel Transformation davor und danach, jedoch nur wenig in den mittleren Jahren dazwischen. Warren Bennis, der ein geschätztes Mitglied im IC ist [A.d.Ü.: eine Anspielung auf das Integrale Institut], spricht im Zusammenhang mit diesem Phänomen von 'Grünschnäbeln und Grauen Panthern.' [geeks and geezers]... Das ist ein wichtiger Punkt: sowohl ihr Jüngeren wie auch ihr Älteren seid 'auf dem Sprung' - bereit, euch von Grün und dem ersten Rang hin zu Gelb und dem zweiten Rang zu bewegen. Ihr seid unterwegs vom Fragmentarischen zum Integralen...

Warum gibt es diese U-Form der Transformation? Nun, der Anfang davon ist wahrscheinlich leicht zu verstehen. Mit der Geburt bis zum frühen Erwachsenwerden geht ein Mensch durch mindestens ein halbes Dutzend wesentlicher Transformationen hindurch. Warum so schnell so viele? Weil jedes Individuum in nur zwei Jahrzehnten jene Haupttransformationen wiederholt, durch welche die Menschheit in ihrer gesamten Evolution gegangen ist. Vor einer Million Jahren brauchte man nur durch eine oder zwei Transformationen hindurchzugehen, um erwachsen zu werden - man musste sich nur von beige zu purpur bewegen - doch heute braucht man mindesten fünf oder sechs Transformationen, um erwachsen zu werden, und die Psyche scheint genau für diesen Prozess offen zu bleiben. Die Psyche bleibt also relativ formbar während der ersten Jahrzehnte, und je mehr Transformationen man in diesen Zeitabschnitt unterbringen kann, um so besser. Deswegen ist eine integrale Bildung und Erziehung so wichtig. Wie auch immer, dies ist der Bereich der Kurve, der die Grünschnäbel betrifft.

Und nun zu den Grauen Panthern: Während der mittleren Jahre scheint sich manches zu verkrusten; für mehrere Jahrzehnte, also die meiste Zeit des Erwachsenenlebens, richten sich die Menschen im trostlosen Trott und der dumpfen Routine ihres Lebens ein. Doch dann werden sie ? neben anderen Dingen - auch alt, und so um die fünfzig und sechzig herum findet sich eine außerordentliche Anzahl von Kräften zusammen, setzt die psychologischen tektonischen Platten erneut in Bewegung, und vertikale Transformation wird wieder möglich, ja sogar wahrscheinlich. Man hat schon Menschen, die man liebt verloren, war vielleicht auch selbst schon von einer unheilbaren Krankheit betroffen - man kann die Sterblichkeit nicht länger leugnen. Man hat das Meiste von dem erreicht, was man in seiner Arbeit erreichen kann, und sie verliert ihre Anziehungskraft. Die Kinder sind erwachsen und gehen ihre eigenen Wege und wollen von einem vielleicht gar nichts mehr wissen. Das Herumrennen im Flachland ist vielleicht auch nicht mehr so aufregend, wie es einmal war. Man befindet sich seit beinahe dreißig Jahren auf der gleichen psychologischen Entwicklungsstufe, und das ist echt beschissen. Und so ist man, ob einem das bewusst ist oder nicht, sehr sehr offen für die entsetzliche Katastrophe, welche auch als Transformation bezeichnet wird.

Die Untersuchungen legen sehr stark nahe, dass die Boomer die Kindheit, das jugendliche Alter und die frühe Erwachsenenzeit durchlaufen haben - von Beige zu Purpur zu Rot zu Blau zu Orange zu Grün ? und sich dann dort - im 'Grünen' - für die kommenden dreißig Jahre eingerichtet haben. Die Boomer waren die erste große Generation in der Menschheitsgeschichte, die Grün erreichte - und sie sind daher auch die erste Generation, welche ebenso offen ist für das pathologische Grün, das miese grüne Mem, Pluralismus infiziert mit Narzissmus - Flachland, welches von einem großen Ego bewohnt wird ? oder eben einfach Boomeritis.

Die Boomer hatten praktisch drei Jahrzehnte Zeit, um das grüne Mem zu schmecken, um seine vielen außerordentlichen und segensreichen Vorteile umzusetzen - vom Umweltschutz zum Feminismus zu den Bürgerrechten - sie sind aber auch des Anspruchs müde, die letztgültige Weisheit zu besitzen. Eine große Anzahl von Boomern sind daher bereit, den Sprung zum Bewusstsein des zweiten Ranges zu tun, was in der Tat einem kulturellen Erdbeben von atemberaubenden Ausmaßen gleichkäme. Eine integrale Welle würde nicht nur tiefgreifende und weitreichende soziale Praktiken einführen, sie würde auch damit beginnen, den Schaden zu beheben, der durch das miese grüne Mem dreissig Jahre lang verursacht wurde.

03/2003 -mh-