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18.8.2017 : 1:17 : +0200

Die "Kulturell Kreativen" - Boomeritis

(aus: Ganzheitlich handeln, Arbor Verlag 2001, S. 44)

Der Soziologe Paul Ray hat vor kurzem herausgefunden, daß ein neues kulturelles Segment, dessen Mitglieder er "die kulturell Kreativen" nennt, erstaunliche 24 Prozent der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung ausmacht (oder etwa 44 Millionen Menschen). Um sie von den vorangegangenen kulturellen Bewegungen des Traditionalismus und des Modernismus zu unterscheiden, nennt Ray dieses Gruppe die "integrale Kultur". Wie "integral" dieses Gruppe wirklich ist, das bleibt abzuwarten. Doch glaube ich, daß die von Ray angeführten Fakten tatsächlich eine Reihe sehr realer Strömungen darstellen. Die Traditionalisten wurzeln in prämodernen mythischen Werten (Blau), die Modernisten in rational-industriellen Werten (Orange) und die kulturell Kreativen in postformalen/post-modernen Werten (Grün). Diese drei Bewegungen stellen also genau das dar, was wir aus der Perspektive unseres Überblicks über die Evolution des Bewusstseins erwarten würden (vom Präformal-Mythischen zum Formal-Rationalen zum frühen Post-Formalen).

Doch einige weitere Punkte fallen ins Auge. Was Ray die integrale Kultur nennt, ist nicht integral in dem Sinne, wie ich den Begriff verwende. Es wurzelt nicht in universalem Integralismus, reifer Schau-Logik oder Sekundärschicht-Bewußtsein. Vielmehr deuten Rays Untersuchungen daraufhin, daß die Mehrheit der kulturell Kreativen im Grunde das grüne Mem aktiviert, was klar aus ihren Werten hervorgeht: diese sind nämlich stark antihierarchisch, auf Dialog ausgerichtet und propagieren einen Flachland-Holismus ("Alles-und-Jedes-Ganzheitlichkeit", wie Ray es formuliert).

Echter Holismus beinhaltet jedoch verschachtelte Hierarchien oder Holarchie, und die kulturell Kreativen scheuen Holarchien. Deshalb ist ihre "Ganzheitlichkeit" gewöhnlich ein Amalgam aus monologischen Ganzheitsthesen (wie sie etwa von der Physik oder der Systemtheorie angeboten werden), einem Argwohn gegenüber konventionellen Formen von Fast-Allem-und-Jedem, einer bewundernswerten Sensibilität gegenüber der Ausgrenzung von Minderheiten, einem Engagement für pluralistische Werte und subjektivistische Vollmachten und einer weitgehend translatorischen (übertragenden) und nicht etwa transformativen (verwandelnden) Spiritualität. Don Beck selbst weist unter Verwendung umfangreicher Forschungsergebnisse darauf hin: "Die 'integrale Kultur' von Ray ist im wesentlichen das grüne Mem. Es gibt hier, wenn überhaupt, nur wenige Hinweises auf das gelbe oder türkisfarbene Mem. Mit anderen Worten: Bei den meisten kulturell Kreativen sind nur wenige Sekundärschicht-Meme anzutreffen."

Diese Interpretation wird durch weitere empirische Studien. gestützt. Ray behauptet, 24 Prozent der Amerikaner seien kulturell Kreative in einer integralen Kultur. Ich glaube, er hat tatsächlich "etwas" genau gemessen - doch ist es in Wirklichkeit die Tatsache, daß die meisten kulturell Kreativen, um die Begriffe von Jane Loevinger und Susanne Cook-Greuter zu verwenden, sich auf der individualistischen Stufe (Grün) befinden, nicht auf der autonomen oder integrierten Stufe (Gelb und Türkis). Aus der Forschung geht in der Tat hervor, daß sich weniger als zwei Prozent der Amerikaner auf der autonomen oder integrierten Stufe befinden. Das paßt auch gut zu Becks Forschungsergebnissen - weniger als zwei Prozent in der Sekundärschicht - sowie zu den Ergebnissen der meisten anderen Entwicklungsforscher. Kurz gesagt: Die kulturell Kreativen, von denen die meisten Boomer sind, sind nicht wahrhaft integral, sondern aktivieren grundsätzlich das grüne Mem.

Und da es tatsächlich das grüne Mem ist, welches das Entstehen einer Sekundärschicht-Integration verhindert, wenn es nicht losgelassen wird, ist das, was Paul Ray die "integrale Kultur" nennt, genau das, was die integrale Kultur verhindert. Wie auch immer wir die Daten aufdröseln, es zeigt sich, daß die "integrale Kultur" gar nicht so sonderlich integral ist.

Doch sie könnte es sein. Und das ist der entscheidende Punkt.

Wenn die kulturell Kreativen in die zweite Hälfte ihres Lebens gelangen, ist der Zeitpunkt gekommen, zu dem eine weitere Bewußtseinstransformation besonders leicht erfolgen kann, nämlich die vom Grün zum gereiften Sekundärschicht-Bewußtsein. Wie ich später zu zeigen versuche, ist diese Transformation zum integralen Sekundärschicht-Bewußtsein (und weiter zu wahrhaft transpersonalen Wellen) am einfachsten durch integrale transformative Praktiken zu bewerkstelligen. Ich kritisiere die "Boomeritis" deshalb in der Hoffnung, daß durch die Diskussion über einige der Hindernisse für diese weitere Transformation diese Transformation bereitwilliger erfolgen kann.

Die Hindernisse trifft man nicht ausschließlich bei Boomern oder Amerikanern an. Pluralistischer Relativismus ist eine universal anzutreffende Welle der Bewußtseinsentfaltung, und er hat seine eigenen Gefahren und Fallgruben, von denen ein starker Subjektivismus, ein Magnet für den Narzißmus, eine der gefährlichsten ist. "Boomeritis" beschränkt sich also keineswegs auf Boomer, sondern kann jeden befallen, der zum Sprung ins Sekundärschicht-Bewußtsein ansetzt, welches seinerseits das große Portal zu einem stabileren spirituellen und transpersonalen Gewahrsein ist.

03/2003 -mh-