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29.3.2017 : 13:01 : +0200

Ebenen/(Grund-)Strukturen, (Übergangs-)Stadien/Phasen

(aus: Die drei Augen der Erkenntnis (Eye to Eye) Wilber III ? 1983, S. 197)

Praktisch alle [bekannten] östlichen und westlichen, orthodoxe, transpersonalistische, humanistische, mystische Modelle und Schemata des Bewußtseins enthalten jedoch keinen Hinweis darauf, dass zwischen den Ebenen und Strukturen des Bewusstseins und den Stadien oder Phasen des Bewusstseins ein erheblicher Unterschied besteht.... Die Ebenen und Strukturen sind im wesentlichen dauerhafte, bleibende und grundlegende Komponenten des Bewusstseins; die Stadien und Phasen sind im wesentlichen vorübergehende, durch andere ersetzbare und transitorische Bewusstseinszustände. ..Im Verlauf der Entwicklung entstehen verschiedene Strukturen, Abläufe und Funktionen, die teilweise bestehen bleiben, zum Teil wieder verschwinden. ...Die ernährungsbezogene Struktur der Oralität/Analität entwickelt sich in den frühesten Stadien der Entwicklung; dasselbe ist beim oralem Stadium der psychosexuellen Entwicklung der Fall. Dem Bedürfnis nach Nahrung entwächst man zeitlebens nicht, der oralen Phase jedoch ? idealerweise ? durchaus (abgesehen von ihrer neurotischen Fixierung oder Verdrängung).

..Im kognitiven Bereich z.B. bleibt eine einmal entwickelte und ausgereifte Fertigkeit - der Umgang mit Bildern oder Symbolen, die Begriffs- und Regelbildung ? im großen und ganzen bestehen; höhere kognitive Strukturen umfassen im allgemeinen die niedrigeren und integrieren sie.

In der moralischen Entwicklung hingegen beobachten wir, dass die höheren Stadien die niederen weniger einschließen als vielmehr ersetzen; die niederen Stufen scheinen sich im wesentlichen aufzulösen oder werden geleugnet. In diesem Fall könnte man von Übergangsstadien oder ersetzbaren Phasen sprechen, im vorigen Beispiel von Grundstrukturen. Piaget z.B. hat gezeigt, dass die kognitive Entwicklung vier grundlegende Stadien durchläuft, bzw. vier Grundstrukturen aufweist:

Das sensomotorische, präoperatorische Denken (präop), [repräsentatorisches Denken, kann Symbole und Begriffe bilden und dadurch nicht nur Dinge sondern auch Klassen von Dingen geistig vergegenwärtigen. Kann z.B. zählen aber nicht ohne weiteres multiplizieren und dividieren. Weitgehende Unfähigkeit, die Rolle des anderen einzunehmen].

Das konkret-operatorische Denken (konop) und das formal-operatorisch Denken (formop) ? formal-reflexiver Verstand. Jede dieser kognitiven Strukturen ist eine notwendige Voraussetzung für die jeweils höheren Denkvorgänge und trägt aktiv zu ihrem Ablauf bei....Wichtig ist, dass sich (z.B.) die sensomotorische Intelligenz nicht wieder legt und auch nicht an Bedeutung verliert....obwohl sie sich schon gegen Ende des zweiten Lebensjahres fast voll entwickelt hat.

Kohlbergs Studien liefern jedoch vor allem Beispiele für Übergangsstadien bzw. ersetzbare Phasen. Kohlberg hat nachgewiesen, dass sich die Moral des Menschen ? sein Sinn für Gut und Böse ? in (mindestens) sechs Hauptstadien entwickelt. Hat jemand ein bestimmtes Stadium ? sagen wir Nr. 5 erreicht, hören fast alle für die vorausgegangenen Stadien charakteristischen Reaktionen auf. Alle vorausgegangenen Stadien sind zwar notwendig, sie werden aber in die späteren Stadien keineswegs einbezogen, sondern von diesen fast völlig ersetzt. In gewisser Hinsicht sind also die Grundstrukturen Entwicklungsstadien, über die man nicht hinauswächst, die Übergangsstadien hingegen Strukturen, denen man entwächst....

....(Seite 202) Die gesamte Menschheit hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt der Geschichte so weit entwickelt, dass sie kollektiv auf der Stufe des formal-operativen Denkens steht; daher kann sich jeder heutzutage geborene Mensch mehr oder weniger darauf verlassen, dass er sich bis zu dieser Ebene entwickeln wird. Jenseits dieser Ebene ist man jedoch ?auf sich selbst gestellt?. Wenn mehr und mehr Menschen nach diesen höheren Ebenen streben und sie auch erreichen, kann man sich ohne weiteres vorstellen, dass eines Tages diese höheren Ebenen ebenfalls kollektiv an die nachfolgenden Generationen vererbt werden.

03/2003 -mf-