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27.5.2017 : 10:01 : +0200

Evolution der religiösen Erfahrung

aus: Halbzeit der Evolution, Goldmann 1990, S. 288

Erläuterung:

Die Ebenen des Bewusstseins werden in Halbzeit der Evolution wie folgt bezeichnet:

8. Höchste Einheit (Svabhavikakaya)
7. Kausale Stufe (Dharmakaya)
6. Subtile Stufe (Sambhogakaya)
5. Psychische Stufe (Nirmanakaya)
4. Entwickelter Geist (rationale, mental-ichhafte Stufe)
3. Früher Geist (verbale, mythische Gruppenzugehörigkeitsstufe)
2. Körper (höchste körperliche Lebensformen, typhonische magische Stufe)
1. Natur (physische Natur und niedere Lebensformen)

Fassen wir zusammen, was wir bisher über das Wesen und die verschiedenen Ebenen des jeweils am höchsten entwickelten Bewusstseins in Erfahrung gebracht haben, dann erhalten wir einen groben Umriss der hierarchischen Evolution der religiösen Erfahrung, der zugleich ein Abriss der aufeinanderfolgenden Ebenen der überbewussten Sphäre ist. Das sieht dann folgendermaßen aus:

Nirmanakaya-Ebene (5): schamanische Trance, Shakti, psychische Fähigkeiten, Siddhis, Kriyas, elementare Kräfte (Naturgötter/-göttinnen), emotional-sexuelle Transmutation, Körperekstase, Kundalini- und Hatha- Yoga.

Sambhogakaya-Ebene (6): subtiler Bereich; Vision von Engeln und Archetypen; Ein Gott/Eine Göttin, Schöpfer aller niederen Bereiche (Ebenen 5-1); der Demiurg oder archetypische Herrgott; Religion der Heiligenverehrung ? subtiles Licht und subtile Klänge (Nada, Mantra); Nada- und Shabda- Yoga, Savikalpa-Samadhi, Saguna-Brahman.

Dharmakaya-Ebebe (7): kausaler Bereich; nichtmanifeste LEERE; Leere, Urgrund, Gottheit; Einheit von Seele und Gott, Transzendenz des Subjekt/Objekt-Dualismus, Vereinigung von Menschlichem und Göttlichem; die Tliefe, der Abgrund, der Urgrund Gottes und der Seele; Ich und der Vater sind Eins; Jnana Yoga, Nirvikalpa-Samhadi, Nirguna-Brahman.

Svabhavikakaya-Ebene (8): Höhepunkt der Dharmakaya-Religion; Identität von Manifestem und Nichtmanifestem, des gesamten Weltprozesses und der LEERE; vollkommene und radikale Transzendenz in das und als das Höchste Bewusstsein-an-Sich oder in das absolute Brahman-Atman; Sahaja-Yoga, Bhava-Samadhi...

Sehen wir uns an, wie die Gestalten der Grossen Göttin, von Gott dem Vater und der LEERE/GOTTHEIT im Laufe der Geschichte gesehen wurden, dann scheinen sie auf ganz eindeutige Weise den verschiedenen Ebenen religiöser Erfahrung zu entsprechen. Wie wir gesehen haben, wurde die erste Schau des subtilen EINSSEINS oft durch die Große Göttin repräsentiert. Sie war aber noch ziemlich unreif, in einem frühen Stadium und dazu vom Polytheismus durchsetzt, also noch an niedere Ebenen im allgemeinen und Ebene 5 im besonderen gebunden. Noch heute verehren Yogis der Ebene 5 überwiegend die Grosse Göttin. Diese aber repräsentiert gewöhnlich den Höhepunkt der Ebene 5 und den Anfang von Ebene 6.
Mit dem Aufkommen des Patriarchats wurde dieses subtile EINSSEIN deutlicher gesehen ? Aton, Jehova usw. ? und fand in den monotheistischen Religionen Ausdruck. Mit der Reife des Patriarchats selbst - um die Mitte der ichhaften Periode - wurde der subtile Eine Gott transzendiert in der Schau der LEERE/GOTTHEIT, in der ?Ich und der Vater eins sind?. Somit repräsentierte der patriarchalische ?Gott Vater? den Höhepunkt von Ebene 6 und den Beginn von Ebene 7.

Fassen wir zusammen: Historisch gesehen beginnt die Große Göttin im Nirmanakaya und verschwindet in den Sambhogakaya; Gott der Vater beginnt im Sambhogakaya und verschwindet in den Dharmakaya; die LEERE beginnt im Dharmakaya und verschwindet in den Svabhavikakaya (und der Svabhavikakaya ist der URGRUND und die Bedingung von ihnen allen).
Ich will nicht behaupten, die Religion evolviere zwangsläufig von der Großen Göttin zu Gott dem Vater zur Gottheit; vielmehr evolviert sie aus dem Nirmanakaya über den Sambhogakaya zum Dharmakaya und schliesslich zum Svabhavikaka; historisch gesehen jedoch haben sich die Große Göttin, Gott der Vater und die Gottheit auf deutlich erkennbare und ebenso hierarchische Weise in diese hierarchische Evolution eingereiht. Diese Reihung mag sexistische, natürliche, zufällige oder sonstige Gründe gehabt haben. Da ich jedoch herausgefunden habe, daß diese Parallelen sich fast universal wiederholen, bietet sich diese Einteilung jedoch als generelle Richtschnur an.

Schließlich ist diese Hierarchie religiöser Erfahrung - von Ebene 5 zu 6 zu 7 zu 8 - nicht nur historisch interessant. Sie hat noch zwei andere damit zusammenhängende Bedeutungen: Zum einen ist sie der Weg der künftigen Evolution insgesamt, zum anderen der Weg der heutigen Meditation. Um mit dem zweiten anzufangen: Ein sorgfältiges Studium der Berichte über die Meditation, wie sie heute betrieben wird, zeigt uns, dass fortgeschrittene Meditation in derselben Reihenfolge genau die [Tiefenstrukturen] der höheren Bewusstseinsebenen enthüllt, die erstmalig im historischen Ablauf von den ehemaligen transzendenten Helden der verschiedenen Epochen entdeckt wurden. Das heißt: Der heutige Mensch (Ebene 4), der eine gut geleitete meditative Praxis beginnt und ?erfolgreich? abschließt, erfährt im allgemeinen zuerst schamanische Intuition (5), dann subtiles EINSSEIN (6), dann kausale LEERE (7), dann endgültige und vollständige Erleuchtung.

Zweitens: wenn wir alle uns zur Zeit kollektiv genau an dem Punkt der Geschichte (Ebene 4) befinden, an dem die exoterische Kurve (Ebenen 1-4) in die esoterische Kurve (Ebenen 5-8) einzumünden beginnt, läßt unsere, Analyse darauf schließen, daß die zukünftige Evolution in ihrer Gesamtheit in dieselben höheren Strukturen einmünden wird, die zuerst von den esoterischen Helden der Vergangenheit geschaut wurden. Trifft unsere Analyse zu, dann wird diese Tatsache zwangsläufig ein höchst wichtiges, allgemeines Werkzeug soziologischer Prognose sein.

02/2004 -mf-/-mh-