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24.3.2017 : 5:13 : +0100

Evolution (Entgegnung)

Aus: Ken Wilbers Blog ? 4. Dezember 2007

Einige Kritiker konzentrieren sich auf eine von mir bisweilen benutzte Metapher, um meine Sicht der Evolution zu kritisieren. Sie halten diese Metapher für das, was ich unter Evolution verstehe. Ein Fall ist genau der, den Sie anführen: nämlich ein Flügel, der ?100 Mutationen? benötigt, bis er Gestalt angenommen hat. Es liegt mir fern zu glauben, dass der Flügel tatsächlich 100 Mutationen durchlaufen hat. Damit sage ich nur, was sie sagen - und zwar in allgemeinerer Weise: dass die komplexen Formen der Evolution, die sich uns zeigen, wie z.B. das Immunsystem, nicht das Produkt einer rein zufälligen Mutation und natürlichen Auslese sind. Das Universum verfügt vielmehr über die Fähigkeit zur Selbstorganisation, und auf diese Kraft (auch Eros genannt) ist zumindest teilweise die Emergenz komplexer Formen zurückzuführen, die die Evolution hervorbringt.

Ich bin nicht der einzige, für den sich die Emergenzen, die uns in der Evolution begegnen, allein mit dem Zufallsprinzip und der natürlichen Auslese erklären ließen. Stuart Kaufman und viele andere haben kritisch angemerkt, dass sich diese Emergenzen nicht allein auf reinen Zufall und natürliche Auslese zurückführen lassen (er sieht die Notwendigkeit, auch die Selbstorganisation einzubeziehen). Mir ist selbstverständlich klar, dass natürliche Auslese nicht allein auf reinem Zufall beruht. Immerhin bleiben bei der natürlichen Auslese zuvor erfolgte Selektionen erhalten. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass höhere, adäquate Formen emergieren. Doch selbst dies reicht meines Erachtens noch nicht aus, die bemerkenswerte Emergenz einiger außerordentlich komplexer Formen zu erklären, die die Natur hervorgebracht hat. Schließlich hat es vom Urknall bis zu den Gedichten von William Shakespeare eine ganze Weile gedauert, und viele Wissenschaftsphilosophen sind sich einig, dass reiner Zufall und Auslese diese bemerkenswerten Emergenzen nicht adäquat erklären können.

Das Universum tendiert leicht in Richtung Selbstorganisationsprozesse. Wie es Prigogine als erster darlegte, bedeutet dies, dem Chaos auf der gegenwärtigen Ebene durch einen Sprung auf höhere Ebenen der Selbstorganisation zu entfliehen ? dieser ?Druck? ist meines Erachtens überall in der Physiosphäre, der Biosphäre und der Noosphäre auszumachen.

Das meine ich, wenn ich die Metapher des Flügels (bzw. die an anderer Stelle benutzte Metapher des Augapfels) verwende, um darauf hinzuweisen, wie bemerkenswert die zunehmende Emergenz ist. Ich will dies jedoch nicht als ein spezifisches Modell oder ein Beispiel dafür verstanden wissen, wie die biologische Emergenz tatsächlich funktioniert! Bei der natürlichen Auslese bleiben zuvor erfolgte Mutationen erhalten ? doch auch dies kann die kreative Emergenz (oder das ?kreative Fortschreiten ins Neue?, das laut Whitehead die fundamentale Natur dieses manifesten Universums darstellt) nicht erklären.

Evolutionärer Zufall bedeutet eigentlich: ?Ich habe keine Ahnung, was hier vor sich geht? ?das ist genau das, was ich in Eros, Kosmos, Logos als Philosophie des ?Hoppla!? bezeichne. Hier weist die Theorie von reinem Zufall und Selektion eine große Lücke auf. All dies ist gemeint, wenn ich die Metapher der 100 Mutationen benutze. Mir ist vollkommen bewusst, dass bei jeder Selektion jede zuvor erfolgte Selektion erhalten bleibt (wobei diese Aussage an sich noch problematisch ist, denn warum würde ein halber Flügel das Rennen erleichtern???), doch selbst wenn man den Evolutionstheoretikern hier Recht gäbe (wozu ich bereit bin), so weist die Theorie immer noch eine Lücke auf.

Die Alternative besteht darin, eine Art von Eros im Universum wirken zu sehen. Das muss keine metaphysische Kraft sein, sondern einfach eine allem innewohnende Kraft der Selbstorganisation. Evolution ist ? mit Jantsch? Worten ? ?Selbsttranszendenz durch Selbstorganisation?. Dies ist genau der Punkt, um den es Prigogine im Zusammenhang mit dissipativen Strukturen ging, und genau der Punkt, um den es mir geht, wenn ich von Flügeln oder Augen spreche: Es sind Metaphern und Beispiele für diese außerordentliche Fähigkeit zur kreativen Emergenz, die dem Universum innewohnt (genau wie es Whitehead darlegte). Also, nein, ich nehme diese Kritik an meiner Arbeit nicht ernst, dennoch ist sie ein gutes Beispiel für Flachland-Denken, wie Sie bemerken.

Ken

(Übersetzung: Conni Eder)

12/2007 -mf-