Sie sind hier: IF-HOME > Grundlagen des Integralen > Kurz Gefasst  > Geld
DeutschEnglishFrancais
21.9.2017 : 21:38 : +0200

Geld

aus: Halbzeit der Evolution Goldmann 1990, S. 120f.

Hätte das Ackerbaubewußtsein den Überschuß nur physisch durch den Raum bewegen können, dann wäre es genötigt gewesen, fast die gesamte neu gewonnene Zeit damit zu verbringen, diese Güter von einem Ort zum anderen zu transportieren. Der Mensch hätte sein Leben mit physischen Tauschgeschäften vergeuden müssen. Er brauchte also eine mentale Form für materiellen Transfer, ein Mittel für schnellen und überorganischen Transfer, ein symbolisches Transfermittel. Und das war das Geld. Mit Geld konnte der Mensch eine spezifizierte Menge materieller Güter symbolisieren. Statt diese Güter immer von einem Punkt zum anderen, von einem Markt zum anderen, vom Feld in die Stadt zu schleppen, konnte man in vielen Fällen einfach die Symbole transferieren. Geld als etwas mental Symbolgeladenes bedeutete eine bemerkenswerte Transzendenz des physischen Bereichs, ein kleines aber unschätzbares Vehikel evolutionärer Transzendenz. Mit ihm konnte man auf den physischen Bereich einwirken und in ihm Dinge bewegen und transferieren, ohne sich mühselig mit den Begrenzungen dieses Bereichs herumschlagen zu müssen. Statt fünf Tonnen Weizen mit sich herumzuschleppen, konnte man fünf Goldmünzen bei sich tragen. Mehr noch: Da physische Nahrung und Güter durch körperliche Arbeit erschaffen werden, wurde Arbeit ebenfalls symbolisiert - durch Lohn, der wie jedes Geld zum Einkauf von Nahrungsmitteln und Gütern benutzt werden kann. (*) Keiner dieser Vorteile (oder ihre mißbräuchlichen Anwendungen) wäre ohne die Kraft des symbolisierenden Verstandes möglich gewesen, der die erste größere Transzendierung der materiellen, körperlichen und naturhaften Welt mit sich brachte.

(*) Anmerkung:
Jede Transzendenz (ausgenommen natürlich die allerletze) hat [jedoch] zwei Seiten. Einerseits liefert sie ein neues und höheres Potential, andererseits aber auch eines, das missbraucht werden kann, oft mit schrecklichen Folgen. Das gilt auch für das Geld: Weil symbolates Geld physische Güter transzendieren und repräsentieren kann, kann es sie auch falsch repräsentieren. In gewissem Sinne ist dies das Thema der Wirtschaftswissenschaft, die die Produktivkräfte und ihre Beziehungen zur materiellen Sphäre erforscht. Darüber hinaus studiert sie die Erkrankungen der Beziehungen zwischen den mentalen Symbolen und den von ihnen repräsentierten Gütern.


Soll beispielsweise ein Symbol (etwa Geld) niedere Ebenen richtig präsentieren, dann muß es auch die Verhältnisse dieser niederen Ebenen richtig reflektieren, selbst wenn es diese in mancher Hinsicht transzendiert. Ist die von einer Gesellschaft geschaffene Menge symbolhaften Geldes größer als die Menge der erzeugten Güter, dann kommt es zur Inflation. In einer Inflation weitet sich der Aspekt der mentalen Sphäre, der als symbolates Geld physische Güter repräsentieren soll, aus psychodynamischen Gründen über die Kapazität der physischen Sphäre selbst aus, tendiert also dazu, diesen Aspekt der mentalen Sphäre abzuwerten und einen Kollaps der physischen zu verursachen. Inflation ist ein Beispiel dafür, wie es einer höheren Ebene mißlingt, eine niedere richtig zu bestätigen und zu reflektieren. Strukturell ist sie identisch mit einer Abspaltungsneurose, die zu manisch-depressivem Verhalten führt (Inflation/Rezession). Alles das sind Beispiele für ein höchst allgemeines Phänomen, das in jeder Entwicklungshierarchie auftreten kann (d. h. im Bereich der gesamten Großen Kette): die Spaltung von Höherem und Niederem statt der Differenzierung und Integration von Höherem und Niederem.....
Einige rudimentäre Formen von Geld hat es wahrscheinlich schon seit der typhonischen Periode gegeben (in Form von Muscheln, Fischgräten usw.). Geld im heutigen Sinne kommt aber erst auf den Märkten der ackerbautreibenden Gemeinschaften zur Geltung und erweist sich als zweischneidiges Schwert. Einerseits war es Ausdruck eines neuen und höheren Bewusstseins, das niedere und physische Ebenen der Realität zu symbolisieren und darzustellen vermochte sowie die Macht, physischen durch symbolischen (monetären) Austausch zu transzendieren.

Andererseits aber - und hier stimme ich völlig mit Becker überein - konnte Geld dadurch zu einem äußerst mächtigen Symbol der Unsterblichkeit, Leugnung des Todes und des Kosmozentrismus werden. Statt Geld dazu zu verwenden, eine vertikale Transzendenz in höhere mentale Ebenen zu ermöglichen, wurde das horizontale Anhäufen von Geld zu einem Ziel an sich. Becker schrieb zutreffend: "Gold wurde zum neuen Unsterblichkeit. Das Prägen von Goldmünzen paßte bestens in dieses Schema, weil nun jedermann in den Besitz der kosmischen Kräfte gelangen konnte, auch ohne in den Tempel gehen zu müssen...

Ein Bankier ist einfach ein Ersatzpriester, denn er handelt mehr mit der Währung "Unsterblichkeitssymbole" als mit der zeitlosen Transzendenz selbst. Viele derjenigen, die wir heute Priester oder Prediger nennen, sind in Wirklichkeit Bankiers - sie versprechen nicht zeitlose Erlösung, sondern andauernde Ich-Erhaltung.

02/2004 -mf-/-mh-