Sie sind hier: IF-HOME > Grundlagen des Integralen > Kurz Gefasst  > Gerechtigkeit
DeutschEnglishFrancais
27.5.2017 : 10:04 : +0200

Gerechtigkeit

aus: www.integralnaked.org, Telefonkonversation zwischen Serj Tankian und Ken Wilber

Hinweis:

Serj Tankian ist Armenier, und das Gespräch handelt an dieser Stelle von dem Völkermord an den Armeniern 1915, und den Ungerechtigkeiten unter den Völkern der Welt.

... und es gibt eine merkwürdige Parallele, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist, eine Parallele auf der akademischen und philosophischen Seite, in der Welt der Ideen, welche am Ende nicht wichtiger ist, aber mindestens so wichtig wie das, was in der ?wirklichen? Welt geschieht, weil so vieles von dem, was in der wirklichen Welt geschieht von Vorstellungen angetrieben wird. Was die Vorstellungen anbelangt, habe ich einen Widerwillen gegen Ungerechtigkeiten, die man als philosophische Unterdrückung bezeichnen könnte. Es gibt ? mit anderen Worten ? eine große Anzahl von Wahrheiten in den Traditionen der Welt ? prämodern, modern und postmodern -, aber nur sehr wenig davon ist in der akademischen Welt zugelassen.

Es gibt eine Art von weit verbreiteter philosophischer Gewalt. Eigentlich bedeutet ein Diplom an den meisten Hochschulen auch ein Diplom darin, zu lernen wie man die Ideen anderer hasst... diese Art von Ungerechtigkeit bringt mein Blut zum Kochen und brachte mich dahin zu sagen: ?Nehmen wir doch einfach alle großen Philosophien der Welt und anstatt einen Völkermord an ihnen zu begehen, legen wir sie alle auf den Tisch, und versuchen Gemeinsamkeiten zu entdecken, und zu schauen, wie sie alle zu einem reicheren Universum beitragen.?
Ein Ergebnis davon sind Bücher wie Eine kurze Geschichte des Kosmos, wo ein Überblick gegeben wird, eine Art von Orientierungsrahmen, welcher uns erlaubt, jede dieser philosophischen Schulen zu würdigen, weil sie alle wichtig sind und uns etwas Wichtiges zu sagen haben. Irgendwann einmal ? und ich denke, wir sind gerade am Beginn dieses Spiels ? aber es wird die Zeit kommen wo diese Art von philosophischer Einheit oder umfassendem Bewusstsein zu einer politisch umfassenden Sicht führt, wo sowohl intellektueller Völkermord wie auch real stattfindender Völkermord überwunden werden, weil wir damit einen Raum geschaffen haben, der groß genug ist, um all diese Unterschiede zu tolerieren, und wir müssen weder Menschen noch Vorstellungen auslöschen, nur weil sie nicht mit uns übereinstimmen...
Es ist ein integraler Impuls, der in gewisser Weise sehr lohnend ist, aber anderseits auch sehr frustrierend sein kann. Da ist dieses Potenzial für ein Bewusstsein einer integralen oder vereinigten Geräumigkeit, wo Unterschiede Platz haben und gehalten werden können - ob es sich dabei um Kunst, Wissenschaft, Politik oder Philosophie handelt -, dies macht das Ganze so faszinierend. Das ist sehr ermutigend, es verdeutlicht die Möglichkeit einer authentisch humanitären Veränderung. Es repräsentiert und berücksichtigt das Beste einer jeden Kultur, und das Beste der modernen Aufklärung, der modernen Wissenschaft insgesamt. Auf der anderen Seite ist es wirklich frustrierend, weil wir ? denke ich ? gerade erst ganz am Tor zu diesem gelobten Landes stehen ...

Wir warten also auf eine Welt, die Türken und Armenier und Palästinenser und Amerikaner zusammenführt, wie unterschiedliche Melodien eines Liedes, aber so weit sind wir noch nicht ...

Wir pendeln alle in gewisser Weise einerseits zwischen unserem zusammengezogenen egoischen Selbst und unserem offenen, strahlenden und liebenden Herzen anderseits hin und her, und dieser Herausforderung begegnen wir von Augenblick zu Augenblick. Wenn wir über jemanden sehr wütend sind, kann es Wochen und Monate und Jahre dauern, diesem Menschen zu vergeben ? man kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn eine Nation eine andere Nation hasst. Dies ist ein weiterer frustrierender Aspekt dabei...

Was wir tun können, ist ... eine Kerze in der Dunkelheit anzuzünden.

04/2003 -mh-