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21.9.2017 : 21:29 : +0200

Die Phänomenologie des Ich-Raumes

(aus: Exzerpt C, www.shambhala.com, Anmerkung 28 und 29)

Hinweis zum Begriff Phaneroskopie: Dieser Begriff wurde u.a. von Charles Peirce verwendet. Mit Phaneron wird die Gesamtheit dessen bezeichnet, was sich dem Geist innerlich präsentiert. Phaneroskopie ist das Studium dieses Phanerons.

Die Phänomenologie des Ich-Raumes ist, - das erübrigt sich festzustellen - ein enorm reichhaltiges und komplexes Thema. In dieser einführenden Übersicht [dem Exzerpt C] nehme ich verschiedene Abkürzungen. Der Ich-Raum selbst, der Raum der Introspektion, intro-Wahrnehmung oder Phaneroskopie setzt sich (mindestens) zusammen aus dem proximaten Ich und dem distalen Ich/mein, ersteres ist eine erste Person singular/subjektiv, letzteres eine erste Person singular objektiv. Es gibt weiterhin - bei vertiefter Phaneroskopie -ein Ich-Ich bzw. ursprüngliches Ich.

Weiterhin gibt es ein ganzes Bündel innerer Objekte (innere zweite Personen, wenn mit ihnen kommuniziert wird, und innere dritte Personen, wenn nicht). Innere Artefakte (Bilder, Symbole, Zeichen, Visionen) sind innere Objekte der dritten Personen. Es gibt auch innere Subjekte (bzw. Einheiten einer mini-ersten Person), und Subpersönlichkeiten, ebenso wie unterdrückte Subjektivitäten und unterdrücke/abgespaltene Impulse der ersten Person, wie Verlangen und Antriebe. Vorbewusste Subjekte und Objekte können durch Phaneroskopie erfasst werden; unterdrückte Subjekte und Objekte hingegen nicht (jedenfalls nicht ohne eine therapeutische Zurücknahme der Unterdrückungsschranke). All dies vereinfache ich im Haupttext, wenn ich von "dem" Ich-Raum spreche, und ich setze ebenso vereinfachend das "Ich" und "das Selbst" gleich (wohingegen viele Aspekte des Selbst unbewusst oder vorbewusst sind)... Wir müssen zwischen den bewussten und den unbewussten Aspekte der Psyche unterscheiden, von denen jeder aus verschiedenen funktionalen Einheiten besteht (von denen jede wiederum eine Agenz bzw. eine Intentionalität hat). Ein unterdrückter egoischer Impuls von Zorn ist bezüglich des Ego-Willes externalisiert - d.h. er ist in Bezug auf das bewusste Ego nicht internalisiert - aber er ist dennoch internalisiert in Bezug auf die Psyche. Neurose ist im wesentlichen eine innen/außen Verwechslung von Ereignissen, die alle internalisiert sind in Bezug auf die Psyche. Psychose demgegenüber ist eine Verwirrung von intern und extern, ein Zusammenbruch des Grenzen zwischen Selbst und Nicht-Selbst. Neurose ist eine Verwirrung hinsichtlich innen/außen, Psychose ist eine Verwirrung hinsichtlich intern/extern. Eine Psychose ist ähnlich dem Beispiel eines Virus, welcher die DNA einer Zelle übernimmt, und deren Internalitätscode so sehr verändert, dass die Zelle nicht länger sie selbst ist. Bei einer Neurose ist die Selbst-Grenze intakt, aber die Invasoren überwinden diese Grenze (Introjektion), oder etwas innerhalb der Grenzen ist unterdrückt (und erscheint daher außerhalb des Ego, ist aber dennoch in der Psyche und in Bezug auf sie internalisiert) oder wird projiziert (und erscheint daher außerhalb des Ego und außerhalb der Psyche, ist aber dennoch internalisiert in Bezug auf die Psyche, d.h. es folgt nach wie vor der Agenz der Psyche, selbst wenn es auf andere "da draußen" projiziert wird). Bei der Psychose ist die Agenz der Psyche selbst beschädigt, der Code ihrer Internalität ist gebrochen, und die Selbst-Grenze ist zerstört. Borderline steht zwischen Psychose und Neurose, die Selbst-Grenze bildet sich, ist aber noch nicht stabilisiert. Dies ist ein sehr fruchtbares Thema für weitere Untersuchungen - die Rekonzeptualisierung der Psychopathologie innerhalb einer Matrix ursprünglicher Perspektiven.

04/2004 -mf/mh-