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27.3.2017 : 14:38 : +0200

Literaturkritik

(aus: Boomeritis, Shambhala 2002, S. 312)

?Meine Damen und Herren, Dr. Margaret Carlton.? Sie betrat die Bühne, und die erste Überschrift des Tages erschien auf der Projektionsleinwand: ?Literaturtheorie?.

?Wir haben gesehen, dass viele der tiefgehenden Einsichten des Postmodernismus ? wie die Bedeutung des Pluralismus, Kontextualismus, und der Interpretation ? durch Boomeritis und das miese grüne Mem ins Extreme überdehnt wurden, mit Ergebnissen, welche sich von komisch zu kriminell bis hin zu tragisch erstrecken. Nur wenige jedoch waren so unterhaltsam wie die literarische Theorie.?...

?In früheren Generationen war die Literaturtheorie dazu bestimmt, Wege zu finden, um die Bedeutung eines Textes zu verstehen ? was ist z.B. die Bedeutung von Macbeth? oder Howard's End? oder Remembrance of Things Past? Es ging mit anderen Worten darum, die Wahrheit über einen Gegenstand herauszufinden, und zu versuchen, die großen Kunstwerke zu verstehen.

Überflüssig zu sagen, dass im Bermudadreieck von Boomeritis ? in dem viele Wahrheiten auf Nimmerwiedersehen verschwanden ? Literaturtheorie nicht mehr länger die Suche nach etwas derartigem bedeutete. Es entsprach der Logik des Narzissmus, dass die Grossartigkeit früherer Kunstwerke eine Verringerung der Grossartigkeit des Boomers bedeutete. Und daher brauchte man einen Weg, der sich nicht mehr auf die Grossartigkeit irgendeines Kunstwerkes konzentrierte, sondern die Grösse desjenigen verkündet, der das Kunstwerk betrachtet!?

Carlton begann zu lächeln. ?Keine leichte Aufgabe, oder? Aber nicht für Boomeritis, liebe Freunde. Treten wir also ein in den Bereich der Hermeneutik, der Kunst oder Wissenschaft der Interpretation. Hermeneutik ist einfach das Studium der verschiedenen Arten und Möglichkeiten, einen Text zu interpretieren und ihn zu verstehen. Doch Boomeritis fügte noch seinen narzisstischen Dreh hinzu: da alle Kunstwerke irgendwann auch ein Publikum benötigen, damit sie bekannt und gesehen werden, folgt daraus, wie John Passmore es zusammengefasst hat, ?Der richtige Bezugspunkt bei der Diskussion von Kunstwerken ist eine Interpretation, wie sie in einem Publikum hervorgebracht wird; diese Interpretation ? oder die Klasse derartiger Interpretationen ? ist das eigentliche Kunstwerk, was immer auch die Absichten des Künstlers waren, der das Werk geschaffen hat. In Wirklichkeit erschafft der Interpretierende das Kunstwerk, und nicht der Künstler.'

?Der Interpretierende, und nicht der Künstler erschafft das Kunstwerk! Da haben wir es. Mit den Worten der Kritikerin Catherine Belsey: ?Indem man nicht mehr länger schmarotzend einen gegebenen literarischen Text durchgeht, dekonstruiert die Kritik nun dessen Objekte und erschafft das Werk.' Nicht der Künstler, sondern der Leser oder der Kritiker ? mit anderen Worten der Boomer ? erschafft in Wahrheit das Kunstwerk!? Carlton lächelte noch ausgeprägter.

?Was natürlich für die meisten Künstler absolut neu war.? Das Auditorium lachte zustimmend. ?Die Teilwahrheit der Hermeneutik wurde zu einem Ausgangspunkt für den Betrachter eines Kunstwerkes als dessen Erschaffer, und dies hat immer noch Hochkonjunktur. Sagen wir es auf gut Deutsch: Mein Ego erschafft das Kunstwerk! Wie großartig muss ich sein, um diese großen Kunstwerke geschaffen zu haben, welche dumme frühere Generationen Michelangelo, Shakespeare, Rembrandt, Dostojewski und Tolstoi zugeschrieben haben. Ich bin erstaunt, erstaunt von meiner Brillanz, ihr nicht auch??

Mehreren im Auditorium kam dies bekannt vor, und sie stöhnten auf.

?Narzissmus, welcher seine eigene Wirklichkeit erschafft, machte die Literaturtheorie ? auch als ?Theorie? bekannt, wie um die Überzeugung zu unterstreichen, dass Theorie das Einzige ist, was zählt ? zum einzig Wahren. Ohne faktische Verankerung, losgelöst von Beweisen ? erinnern wir uns, es gibt keine Fakten, sondern ausschließlich Interpretationen ? eine omnipotente Schöpfungsmacht wurde in die Hände des Egos des Literaturkritikers gelegt. Literarische ?Theorie' bestand in einer Selbstbespiegelung von Boomeritis, einer doppelten Dosis von Selbstgefälligkeit, welche die Fakten verschwinden ließ. Und was für ein wunderschönes Bild reflektierte der Teich, als Narziss hineinschaute: der Kritiker, nicht der Künstler erschafft das Kunstwerk.

Erneut erkennen wir den enormen Vorteil dieser Theorie für alle diejenigen, denen es an künstlerischem Talent mangelt. In der Vergangenheit musste man, wenn man sich Anerkennung für ein Kunstwerk erwerben wollte, ein Kunstwerk erschaffen; nun war die Kritik eines Kunstwerkes das einzige, was dazu notwendig war.

03/2003 -mh-