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25.9.2017 : 4:47 : +0200

Multikulturalismus

aus: Eros Kosmos Logos, Krüger 1996, S. 253

Einstweilen sieht es für die große Mehrheit der Weltbevölkerung eher so aus, als brauchte sie noch keine Wege, die über die Rationalität hinausgehen, sondern müßte erst einmal zu ihr hin gelangen. Die meisten sozialen Holons der Welt sind immer noch in Magie und Stammesdenken oder in mythologischem Imperialismus befangen: Immer noch gibt es den Marxismus als mythisch-rationale Weltreligion; christliche und muslimische Fundamentalisten wollen, gern auch unter Zwang, die Welt ?bekehren?; mythisch-religiöse Missionare betreiben weltweit ihre Proselytenmacherei; wirtschaftlicher Imperialismus entwickelt sich zum Mythos eines Führungsanspruchs der entwickelten Länder; und das Allerseltsamste ist der Zerfall großer mythisch-imperialistischer Staaten der Moderne in ihre Subholons, in Stämme: Unter Strömen von Blut und in erbitterten Stammesfehden vollzieht sich die Rückversetzung großer Teile der Welt ins Zeitalter der Stämme.
Deshalb wäre es im Augenblick schon ein gewaltiger Wandel, wenn nur globale Rationalität und pluralistische Toleranz sich durchsetzen könnten, also das Egoisch-Rationale; das wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu zentaurischer Schau-Logik.

Die multikulturelle Bewegung mit ihrem Programm der Toleranz aller Kulturen, frei von logozentrischer, ratiozentrischer, eurozentrischer Herrschaft und Hegemonie, ist ein gutgemeinter Schritt in die richtige Richtung, der sich dann aber doch als widersprüchlich
und sogar heuchlerisch erweist. Diese Bewegung mag sich ?nicht-ratiozentrisch? darstellen, tatsächlich jedoch ist Rationalität als universal-pluralistische Haltung das, was kulturelle Toleranz sichert, nämlich durch die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen zu versetzen und dann die Sichtweise des anderen zu achten oder zumindest zu tolerieren, falls man nicht mit ihr übereinstimmt.
Nun mag einer vom Standpunkt der Rationalität aus beschließen, die Ideen eines mythisch denkenden Menschen zu tolerieren, doch damit wird er vermutlich nicht erreichen, daß solche im mythischen Denken befangenen Menschen auch ihn tolerieren ? eher werden sie ihn, historisch war es jedenfalls so, auf dem Scheiterhaufen verbrennen, um seine Seele zu retten (und solche Retter können Christen, Marxisten, Muslime oder Shintoisten sein).

Multikulturalismus ist also ein ebenso achtbarer wie rationaler Ansatz, der nur seinen eigenen Standort falsch einschätzt, in dem er nichtrational zu sein behauptet, wo in Wahrheit nur die Dinge, die er toleriert, nichtrational sind. Seine Toleranz ist durch und durch rational, und das kann auch nicht anders sein. Rationalität ist die einzige Struktur, die andere Strukturen zu tolerieren vermag.

Echter Multikulturalismus kann auch nicht einfach durch ?Gefühle? entstehen oder ?aus dem Herzen kommen?, denn meine Gefühle sind eben meine und nicht unbedingt auch deine oder deren. Nur im Raum eines rationalen Pluralismus können unterschiedliche Gefühle, Gedanken und Wünsche freies Spiel und gleiche Stimme haben. Nur von dieser Grundlage des rationalen Pluralismus aus können wir die nächste Stufe, die des wahrhaft Aperspektivisch-Integralen (und Universal-Integralen) erreichen.

Multikulturalismus ist also ein durchaus achtbarer Versuch, zur integral-aperspektivischen Struktur überzugehen, aber ähnlich vielen postmodernen Poststrukturalisten zieht er aus der Tatsache, daß keine Perspektive endgültig sein kann, den falschen Schluß, alle Perspektiven seien gleichwertig. Das kann schon deshalb nicht richtig sein, weil der Multikulturalismus alle engeren Perspektiven - mit Recht -zurückweist, also doch nicht alle Perspektiven als gleichwertig anerkennt. Kurzum, die ?Multikultis? haben den aperspektivischen Raum wohl ansatzweise richtig erkannt, aber dann verlieren sie völlig die Orientierung in der schwindelerregenden holonischen Schachtelung endlos gleitender Kontexte und bemerken nicht, daß dieses Gleiten keineswegs alles gleichmacht, sondern manches in dem Sinne besser ist als anderes, dass es mehr umfasst und mehr Tiefe besitzt.

Wenn alles relativ ist, heißt das also nicht, dass alles gleichrangig wäre. Weder Atome noch Moleküle sind die Grundbestandteile des Universums, aber wo auch immer Moleküle zu finden sind, da enthalten sie Atome als Komponenten, das heißt, es gibt im Gleiten der
Kontexte bei aller Relativität auch Durchgängiges und Bleibendes; und eben diese Stabilität in der Relativität ermöglicht richtige Aussagen wie die der Multikulturalisten, daß pluralistische Toleranz besser ist als engstirnige Intoleranz. Nur entspricht ihre eigene Theorie leider nicht dieser Haltung, sondern widerspricht ihr sogar. Da sie also nicht sehen, dass auch im Relativen immer etwas Definitives ist, fehlt ihnen jede Orientierung im aperspektivischen Raum, und der integrative Aspekt, der universal-integrative Aspekt ihrer eigenen Überzeugung entgeht ihnen völlig, sodass sie immer wieder mal mit einer Wahllosigkeit und Urteilslosigkeit daherkommen, die die Stärken ihrer eigenen Position zunichte macht.

So fand in den Vereinigten Staaten vor einiger Zeit ein Prozess gegen einen Chinesen statt, der seine (ebenfalls chinesische) Frau bei einem Seitensprung erwischt hatte. Er griff zum Hammer und erschlug sie mit äußerster Brutalität. Er wurde freigesprochen, weil man der Argumentation der Verteidigung folgte: ?So machen sie das halt in China, und wir haben den kulturellen Unterschieden Rechnung zu tragen, da keine Perspektive besser ist als irgendeine andere?.
Hier geht Multikulturalismus in Wahnsinn über.

02/2004 -mf/mh-