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23.3.2017 : 9:16 : +0100

Mythologie

(aus: Eros Kosmos Logos, Krüger Verlag 1996, S. 479

Überall da, wo kontemplative Philosophen und Weise auf Mythologie stießen, wandten sie sich direkt gegen sie (was eine sehr heikle Sache war, wie Sokrates am eigenen Leibe erfahren mußte; die alten Götter schiebt man nicht so einfach weg, vor allem dann nicht, wenn sie als kulturelles "Bindemittel" dienen), oder sie ließen sich auf die behutsame, allmähliche rationale Umdeutung der Mythen ein. Dadurch konnte der Mythos bewahrt, seine ursprüngliche Bedeutung aber negiert werden.

Das ist sicherlich eine der faszinierendsten Seiten der ganzen Ära, ob wir die Gnostiker betrachten ("Wenn man die Systeme der Gnostiker liest, bekommt man das Gefühl, daß sie die Mythologie rationalisiert haben. Und dieses Gefühl ist richtig.") oder Philo ("Er hält an der verbalen Inspiration des Alten Testaments fest, und doch verwandelt er es durch seine Theorie der rationalen Allegorese in ein moralisches und metaphysisches Märchen.") oder Platon und Aristoteles ("Platon hatte ganz entschieden behauptet, Religion müsse in ihren frühen Stadien mythologisch sein ...eine ?therapeutische Lüge'; er mahnt uns, sie niemals wörtlich zu nehmen.").

Von dieser Gesinnung war auch Origenes.

Ganz unverblümt verhöhnt er alle wörtlich genommenen Mythen. "Origenes spricht mit Verachtung von jenen Christen, die die Versprechungen und Drohungen des Alten Testaments wörtlich nehmen". Er glaubt nicht an das Weiterleben der Einzelseele oder des Ich, er glaubt nicht, dass das Heil in so etwas wie Fortdauer des Ich besteht - das wäre sogar die Hölle. Erlösung liegt für Origenes vielmehr in der Entdeckung, daß Gott alles in allem ist - kurz, er war von ganz und gar neuplatonischer Ausrichtung. Er glaubte nicht einmal an die Auferstehung des Leibes. "Kaum vermag er seine Ungehaltenheit zu zügeln angesichts der grobschlächtigen Anschauungen der Traditionalisten über den Jüngsten Tag und die Auferstehung der Toten: Die Evangelien sind nicht wörtlich zu nehmen. Wie soll man stoffliche Körper wieder zusammensetzen, deren sämtliche Bestandteile längst in andere Körper eingegangen sind? Zu welchem Körper gehören diese Moleküle? Da sieht man mal, bemerkt er höhnisch, in welche Tiefen des Unsinns der Mensch abzusteigen bereit ist, wenn er nur zu frommen Versicherungen wie ,bei Gott ist nichts unmöglich' seine Zuflucht nehmen kann."

Nun war Origenes aber auch Christ (und schon mit achtzehn Jahren Lehrer an der Katechetenschule von Alexandria), also bis zu einem gewissen Grade an die Heilige Schrift gebunden. Da verfiel er auf eine glänzende Lösung, für die er (zusammen mit Philo) zu Recht berühmt ist und zu Recht als Genie angesehen wird; dieser Lösung würde man sich fortan immer dann bedienen, wenn Mythologie sowohl negiert als auch bewahrt werden sollte: die allegorische Methode.

Ein Mythos, sagt er mit Blick auf das Alte Testament, läßt sich auf drei Ebenen auslegen, wörtlich, ethisch und allegorisch, wobei jede nächstfolgende Lesart als "höher" aufzufassen ist. Die wörtliche Auffassung ist einfach das, was der Mythos an der Oberfläche sagt; die ethische Auffassung bereitet den Mythos rational für die Anwendung auf vorliegende ethische Fragen auf; die allegorische kann dem Mythos praktisch jede mystische oder spirituelle oder transrationale Bedeutung geben, die man nur will.

Das Geniale dieses Einfalls liegt darin, daß man sich einen prärationalen Mythos hernimmt und ihn auf der rationalen wie auf der transrationalen Ebene so aufbereitet, daß man ihm entnehmen kann, was jeweils notwendig ist - ganz unabhängig von der ursprünglich intendierten Sinngebung. Die Auslegung also trägt den Mythos weit über sich selbst hinaus, zuerst in den Raum der Vernunft und dann in den Raum des GEISTES. So wird er ganz bewahrt und ganz negiert.

So kann Origenes den Mythen jede höhere Bedeutung geben, die ihm vorschwebt - und dabei die Autorität der Schriften sowohl hochhalten als auch umgehen. Das blieb auch weiterhin ein probates Mittel für viele - von der katholischen Kirche bis zu Joseph Campbell -, wenn sie einen Mythos etwas anderes sagen lassen wollten, als er nach eigenem Bekunden meinte.

02/2003 -mh-