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24.4.2017 : 21:07 : +0200

"Wir" - Nexus - Nexus Agenz

(aus: Exzerpt C Seite 85 ff)

Was ist ein "Wir"?

Du und ich unterhalten uns. Wir sind Freunde. Das bedeutet, dass wir bereits eine Art von kulturellem Hintergrund miteinander teilen (wie z.B. Netzwerke einer gemeinsamen Sprache). Mit anderen Worten, du und ich sind bereits in einer Art von phänomenologischem Raum der ersten Person plural, genauer gesagt einem "Wir-Raum"... Wir verstehen einander: zwei "Ich's" überlappen bzw. überschneiden sich in einem "Wir"... Du und ich sind also "Teil" dieses "Wir". Aber dieses "Wir" ist kein Über-Ich, welches dich und mich in einem einzigen Organismus subsumiert, der dann alles, was wir denken und tun, subsumiert. Mit anderen Worten, du und ich sind in diesem "Wir", aber wir sind nicht internalisiert in bezug zu ihm.

Diese einfach Unterscheidung ist der Schlüssel zum Verständnis von individuell und kollektiv... Du und ich sind in einem kulturellen Holon, mit seinem eigenen Ereignishorizont und seinen eigenen phänomenologischen Grenzen. Wie alle innerlichen Grenzen kann man diese Wir-Grenze in der äußeren, sensomotorischen, rechtsseitigen Welt nicht sehen. Doch du und ich wissen genau, wo diese Grenze verläuft. Du und ich sind in einem "Wir", einem Wir mit definierten Grenzen. Doch du und ich sind nicht internalisiert in bezug zu diesem wir, d.h. du und ich sind keine Komponenten, Subholons oder Teile dieses "Wir" - du und ich sind keine Glieder eines Leviathans, dergestalt dass wir beide mitgeschleift werden, wenn dieses "Wir"-Monster sich fortbewegt. Du und ich sind Mitglieder, keine Stränge - unsere individuellen Ich's sind Partner in einem Wir, und nicht Teile eines wir. (Nochmals: "Wir sind Mitglieder eines kulturellen Holons, aber keine Komponenten: du und ich sind in diesem Holon, aber nicht internalisiert.")

Was nun ist in bezug auf dieses "Wir" internalisiert', bzw. was sind die tatsächlichen Komponenten dieses gegenwärtigen "Wir"?

Mein Vorschlag dazu lautet: Du und ich sind in einem "Wir", wenn unsere Austauschbeziehungen in bezug auf dieses Wir internalisiert sind...
Dieses "Wir" ist nicht irgendwo an irgendeinem Platz; es ist nicht über uns, geht uns nicht voraus, ist nicht außerhalb von uns - du und ich tragen es in uns, doch es kann nicht auf dich oder mich reduziert werden, und auch nicht von dir oder mir alleine abgeleitet werden. Es ist ein Ganzes, welches mehr ist als die Summe seiner Austauschbeziehungen - was der Grund dafür ist, warum es ein Eigenleben hat. Ich kann aus mir selbst heraus dieses Wir nicht verändern; und du kannst es auch nicht; wir können diesen Tanz nur gemeinsam tanzen, dieses Wunder von Fürsorge und Gnade, welches sich im Kosmos unseres Zusammenseins erhebt...

Nexus

Die hermeneutische Art und Weise zu wissen wird oft "geschichtlich-hermeneutisch" genannt. Das gegenwärtige Wir kann nur aufgrund seiner Vorfahren verstanden werden... Auch hier ist wieder "Tetrahäsion" - (der Zusammenhang aller vier Seinsbereiche A.d.Ü) - in allen vier Quadranten, was in allen Bereichen die eigentliche Essenz des kosmischen Karma darstellt: alle Holons, in allen Quadranten, transzendieren-und-enthalten ihre Vergangenheit. Dieses ?Wir' ist ein Nexus. Ein Nexus ist einfach ein anderes Wort für ein Netzwerk, ein Kollektiv, ein kommunales Holon, ein System, jedoch mit spezieller Betonung jener gemeinsamen Beziehungen, die Kollektive darstellen....... Ein Nexus ist der Raum der inter-individuellen bzw. inter-holonischen Ereignisse... (...der UL Quadrant ist jeglicher intersubjektive Nexus, der UR jeglicher interobjektive Nexus)...Einfach gesagt ist ein Nexus jegliche Art von Raum, in dem sich zwei Holons auf irgendeine Art berühren... In einem Nexus bleiben wir Individuen, doch wir sind nichts ohne den anderen... Es ist kein Paradoxon: Wenn du und ich als komplexe Individuen uns in einem hermeneutischen Kreis befinden, sind jene Aspekte von uns, die ausgetauscht (und/oder tele-wahrgenommen) werden nichts, das sich außerhalb dieses Kreises befindet (und sie existieren nirgendwo anders als eben im Austausch, da sie die Wellen im Fluss des Austausches selbst darstellen). Das ist im Wort "Transaktion" sehr gut ausgedrückt, z.B. kaufen und verkaufen. Sobald jemand etwas kauft, hat - zugleich und im selben Vorgang - jemand anders etwas verkauft. Es gibt ganz einfach keinen Kauf ohne einen Verkauf.....Systeme sind nicht aus Individuen oder Organismen zusammengesetzt, sondern aus ihrem Austausch bzw. ihrer Kommunikation: Das Interne bzw. Internalisierte eines Systems ist die Kommunikation, sind nicht die Organismen. Organismen sind nicht die Fäden in einem Gewebe, sondern ihr Interagieren ist es. Organismen sind Mitglieder eines Systems, ihre Transaktionen sind Komponenten oder Teile des Systems.......Immer, wenn eine Gruppe jemandem Neuen erlaubt, in diesen Kreis des Wir einzutreten, wird der Wir-Nexus selbst bestimmend agieren, nicht das neue Individuum oder Mitglied, sondern die Berührungspunkte und die Interaktion des neuen Mitglieds mit uns. In unsere Gruppe einzutreten bedeutet, die Muster der Gruppe zu verstehen und demgemäss zu agieren, Muster, die den Fluss des gegenseitigen Verstehens bestimmen.....Dieser kulturelle oder intersubjektive Nexus besitzt eine fast unendliche Zahl an Dimensionen. Wie wir sehen werden, hat Kultur auf gewisse Weise Ströme (die wiederum Wellen haben) und Zustände (welche keine Wellen haben); und Arten und Merkmale und Zeichen, Hügel und Schneisen, Hierarchien und Heterarchien, Nischen und eingefahrene Gleise/ausgetretene Pfade. Und natürlich ist jeder kulturelle Nexus an einen sozialen Nexus oder ein System gebunden....., ein ?wir' ist nicht nur viel komplexer als wir uns das vorstellen können, es ist sogar weitaus komplexer als überhaupt vorstellbar - ein unendliches Spiegelkabinett, eine endlose Umhüllung von Nexi innerhalb von Nexi, unbeackterte Felder von Gefühlen innerhalb von Gefühlsfeldern - in alle Ewigkeit...... Einige Aspekte dieser intersubjektiven Netzwerke dominieren, andere sind im Hintergrund; einige manifest, andere latent; manche interpretativ, andere prä-interpretativ; einige bewusst, einige unbewusst, vor-bewusst, unterbewusst, überbewusst; einige sind Inhalt, andere Kontext; einige vorsprachlich, einige sprachlich, einige jenseits der Sprache.....

 

Nexus Agenz

Hat ein Nexus eine Agenz? Hat ein System bzw. kollektives Holon eine Agenz?.. Wenn man sagt, "dieses Wir führt ein eigenes Leben", was genau bedeutet das?.. Wir haben gesehen, dass eine Gesellschaft in mancherlei Weise wie ein Organismus ist, in mancherlei Weise aber auch nicht... Wenn wir mit Agenz ganz allgemein intentionale Aktion meinen, dann, ja, besitzen kollektive Holons eine Agenz... Wenn wir mit Agenz eine einzige Intentionalität, ein sensitives Zentrum, oder ein dominantes ?Ich" meinen, dann, nein, haben kollektive Holons keine Agenz.....Doch wenn wir vorsichtig formulieren, dann können wir uns auf eine Nexus-Agenz (oder Netzwerk-Agenz oder System-Agenz) beziehen. Diese Nexus-Agenz führt "ein Leben für sich" - was bedeutet, ein Leben bestimmt durch ihre eigene Geschichte, Gewohnheiten und Muster. Die Nexus-Agenz wird nicht durch die Individuen festgelegt, die sich innerhalb des Nexus befinden, sondern durch die Interaktionen (der Individuen), die in bezug auf den Nexus internalisiert sind. .. Dieses ?Wir' führt ein Eigenleben, aufgrund seiner Vergangenheit im Raum unserer gemeinsamen Berührung, ein Karma unseres Zusammenseins...Interaktionen, Überschneidungen, Transaktionen in diesem Wir-Raum werden daher machtvoll durch die Muster, Strukturen, Gewohnheiten und die Geschichte dieses speziellen Wir bestimmt - werden also entscheidend bestimmt von der Nexus-Agenz dieses Wir.... Weil ein kollektives Holon eine Nexus-Agenz besitzt, ist alles, was dieser Nexus-Agenz folgt, in diesem kollektiven Holon internalisiert - und das, was der Nexus-Agenz eines jeden Netzwerkes folgt, sind die Interaktionen der Mitglieder des Netzwerkes...Jede Kultur hat eine Geschichte, eine kosmische Gewohnheit, welche jede neue Kultur transzendieren und umfangen muss (auch zum Preis von Pathologie). Wenn eine vorangegangene Kultur nicht transzendiert wird, wird nichts Neues in den Kreis aufgenommen; die Kultur ist auf ihre Vergangenheit fixiert, eingefroren im Gestern. Und wenn die vorangegangene Kultur nicht aufgenommen wird, dann erfolgt Dissoziation, Repression, kulturelles Vergessen - und wir alle wissen, was unsere Bestimmung ist wenn wir die Vergangenheit vergessen...Die Art und Weise wie du und ich uns gestern berührten, ist eingefaltet in unsere heutige Berührung; wie du und ich heute in diesen hermeneutischen Kreis eintreten, ist teilweise bestimmt durch die Art und Weise, wie wir gestern in ihn eingetreten sind. Und das bedeutet, dass die kosmischen Gewohnheiten unseres "wir" in diesem Kreis weitergetragen werden, in diesem Brauch unseres Zusammenseins, in dieser Gewohnheit unserer Herzen.

03/2003 -mf/mh-