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21.9.2017 : 21:29 : +0200

Phänomenologie

(aus: Einfach "Das", Fischer Taschenbuch 2001) S. 285

...innerhalb der Hauptstrukturen des Bewusstseins gibt es verschiedene phänomenologische Zustände (Freude, Glück, Traurigkeit, Verlangen und so weiter). Der Punkt besteht darin, dass es innerhalb der allgemeinen Bewusstseinszustände [Wachen, Träumen, Tiefschlaf] Bewusstseinsstrukturen gibt, innerhalb derer phänomenologische Zustände existieren.

Erinnern wir uns, dass weder die Bewusstseinszustände noch die Bewusstseinsstrukturen direkt von Individuen erfahren werden. Was Individuen unmittelbar erfahren, sind spezifische phänomenologische Zustände. Demgegenüber werden Bewusstseinsstrukturen aus dem Verhalten verschiedener Subjekte abgeleitet. Die Regeln und Muster denen die unterschiedlichen kognitiven, linguistischen, moralischen usw. Verhaltensweisen folgen werden abstrahiert. Diese Regeln, Muster bzw. Strukturen sind sehr real, doch sie werden nicht unmittelbar durch das Subjekt erkannt (wie auch die Grammatikregeln selten explizit von den Sprechenden wahrgenommen werden, wenngleich sie sie auch befolgen). Aus diesem Grund werden Bewusstseinsstrukturen praktisch nie durch Phänomenologie erkannt, welche den gegenwärtigen andauernden Bewusstseinstrom untersucht, und daher lediglich phänomenologische Zustände entdeckt.

Dies ist eine bedeutende Einschränkung der Phänomenologie. Phänomenologie konzentriert sich üblicherweise auf phänomenologische Zustände, und scheitert, wenn es darum geht Bewusstseinstrukturen zu erkennen. Wenn man also die phänomenologischen Zustände von Körper und Geist innerlich betrachtet, wird man niemals etwas erkennen, was sich als ein "moralischer Gedanke der Stufe 4" (Kohlberg) zeigt; noch wird man etwas erkennen, was "die konformistische Stufe" (Loevinger) genannt wird; noch wird man "die relativistische Stufe" (Graves) erkennen.

Der einzige Weg, um diese intersubjektiven Strukturen zu erkennen, ist die Beobachtung von Populationen interagierender Subjekte, und nach Verhaltensregeln Ausschau zu halten, welche bestimmte intersubjektive Muster, Regeln oder Strukturen nahelegen. Phänomenologie ist daher ein nützlicher, wenn auch begrenzter Aspekt einer integraleren Methodologie...

Die Untersuchungen der ersten Person [singular] des Bewusstseins können sehr leicht phänomenologische Zustände und sogar auch phänomenologische Stufen erkennen. Im "höchsten Yoga" der Schule des Tibetischen Buddhismus (anuttaratantra yoga) gibt es zehn Hauptstufen der Meditation, jede davon gekennzeichnet durch sehr spezifische phänomenologische Erfahrungen: Während der Meditation macht die erste Person [ein ?ich'] eine spiegelähnliche Erfahrung, dann rauchähnlich, dann Feuerfunken, dann eine flackernde Lampe, dann eine ruhige Lampe (all diese Stufen, so wird gesagt, resultieren aus einer zunehmenden Transzendenz des grobstofflichen Körper/Geists [bodymind]); dann beginnt das Individuum den subtilen Bereich zu erfahren: eine Erweiterung wie klares Mondlicht im Herbst, dann klares Sonnenlicht im Herbst, was einen zum kausalen bzw. nichtmanifesten Bereich führt, mit einer Erfahrung wie "der dicken Schwärze einer Herbstnacht", und dann der Durchbruch zum Nichtdualen.

Diese spezifischen Erfahrungen scheinen authentische Stufen dieser speziellen meditativen [Entwicklungs-]Linie zu sein (von ihnen allen wird gesagt, dass sie notwendig seien, und dass keine übersprungen werden kann), und jeder Mensch, der in meditativer Haltung sitzt, kann diese Stufen selbst sehen, weil sie sich selbst als fortschreitende, wahrgenommene phänomenologische Zustände zeigen. Aus diesem Grund behaupte ich, dass die phänomenologische Methode phänomenologische Zustände und Stufen im "Ich" (oder im oberen linken Quadranten) erkennt. Und aus diesem Grund ist die kontemplative Weltliteratur voller Beschreibungen der Typen von Zuständen und Stufen.

Die phänomenologische Methode kann jedoch nicht ohne weiteres subjektive Strukturen erkennen (d.h. psychologische Strukturen im oberen linken Quadranten, wie sie von Graves, Piaget, Loevinger usw. entdeckt wurden), noch kann sie intersubjektive Strukturen und intersubjektive Stufen erkennen (diejenigen des unteren linken Quadranten, z.B. Gebser's Weltsichten, Habermas' Stufen der kommunikativen Kompetenz, interpersonelle moralische Stufen, Foucault's interpretativ-analytische Seite von Machtstrukturen, usw.)... und kein noch so großer Aufwand an individueller Introspektion wird soziale Strukturen oder unterdrückende Macht enthüllen (z.B. Foucault), oder moralische Stufen (z.B. Carol Gilligan), oder linguistische Strukturen (z.B. Chomsky), oder Stufen der Ich-Entwicklung (z.B. Jane Loevinger), oder Wertestufen (z.B. Clare Graves), und so weiter - all dies ist prinzipiell unsichtbar für Phänomenologie.

Daher sind phänomenologische Ansätze meist stark, wenn es um die "Ich"-Komponente geht, aber eher schwach in der "Wir"-Komponente. Dies ist der Hauptgrund dafür, dass die kontemplative Literatur der Welt über diese wichtigen intersubjektiven Aspekte des Bewusstseins so gut wie nichts aussagt. Aus dem gleichen Grund produziert eine Untersuchung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände, wie z.B. Grof's holotropes Modell des Geistes [mind], nur partielle und unvollständige Kartografien (Sowohl psychedelische Forschung als auch holotropes Atmen sind sehr gut darin, experimentelle, phänomenologische Zustände der ersten Person [singular] zu erfassen, doch sie sind nicht in der Lage, intersubjektive und interobjektive Muster zu erkennen; und daraus resultiert eine Schieflage bei derartigen Kartografien und ihr Unvermögen, mit vielen wesentlichen Aspekten des Bewusstseins in der Welt umzugehen).

Die ist vielleicht auch der Grund, warum viele zeitgenössische Meditationstheoretiker Konzeptionen mit Strukturen/Stufen feindselig gegenüberstehen - ihre phänomenologische Methode kann sie nicht erkennen, und so nehmen sie an, dass sie dem Bewusstsein durch kategorisierende Theoretiker mit zweifelhaften Motiven aufgezwungen werden.

Kurz gefasst: Die phänomenologischen Methoden zeichnen sich aus, wenn es um das Erkennen individueller phänomenologischer Zustände und phänomenologischer Stufen (im oberen linken Quadranten) geht, aber nicht individueller Strukturen; und ihnen entgehen praktisch alle intersubjektiven Strukturen und intersubjektiven Stufen (im unteren linken Quadranten; ganz abgesehen von all den rechtsseitigen Mustern, die wir hier gar nicht diskutieren). Ein integralerer Ansatz kombiniert Ich-, Wir- und Es-Dimensionen, indem er Untersuchungsmethodologien verwendet, die "alle Ebenen, alle Quadranten" umfassen.


01/2004 -mf-