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27.4.2017 : 16:47 : +0200

Prä/trans Verwechselung - Reduktionismus ? Elevationismus ? Freud - Jung

(aus: Eros, Kosmos, Logos, Krüger Verlag 1996, S. 259)

Seit ich angefangen habe, über den Unterschied von prärationalen oder präpersonalen und transratrionalen oder transpersonalen Bewußtseinszuständen beziehungsweise ihre Verwechselung - ich spreche hier von "Prä/trans-Verwechselung" - nachzudenken, wächst eine Überzeugung, daß es ganz entscheidend ist, hier Klarheit zu gewinnen, wenn wir die Natur höherer (tieferer) oder wahrhaft spiritueller Bewusstseinszustände verstehen wollen.

Gemeint ist mit "Prä/Trans-Verwechslung" zunächst etwas ganz Einfaches: Da prärationale und transrationale Zustände beide auf ihre je eigene Weise nichtrational sind, können sie dem ungeschulten Auge als ähnlich, wenn nicht identisch erscheinen. Sind jedoch prä und trans erst einmal verwechselt oder gleichgesetzt, kommt es zu Denkfehlern zweierlei Typs:
Durch einen Denkfehler der ersten Art werden alle höheren und transrationalen Zustände auf niedrigere und prärationale reduziert. Echte mystische oder kontemplative Erfahrungen beispielsweise werden als Regression zu infantilem Narzißmus, ozeanischem Adualismus, Indissoziation oder sogar primitivem Autismus gedeutet. Diesen Weg nahm beispielsweise Freud in Die Zukunft einer Illuison.

Solche reduktionistische Darstellungen setzen die Rationalität als den großen endgültigen Omega-Punkt der individuellen und kollektiven Entwicklung, als Hochwassermarke aller Evolution.

Tiefere, weitere oder höhere Kontexte gelten als nichtexistent. Also lebt man sein Leben entweder rational oder neurotisch. (Freuds Neurosebegriff beschreibt im Grunde all das, was die Entstehung einer rationalen Sicht der Dinge behindert - was soweit ganz richtig ist, aber nicht weit genug reicht). Da es keine höheren Kontexte geben kann, müssen echte transrationale Zustände sofort als Regression zu prärationalen Strukturen erklärt werden. Das Überbewußte wird auf das Unterbewußte, das Transpersonale auf das Präpersonale reduziert. Und das Emergieren von etwas Höherem muß als Einbruch des Niedrigeren gedeutet werden. Alle atmen erleichtert auf und der rationale Welt-Raum bleibt ungeschoren (durch "die schwarze Schlammflut des Okkultismus" - wie Freud es so bildkräftig ausdrückte.)

Ist man andererseits für höhere und mystische Zustände aufgeschlossen, verwechselt aber trotzdem prä und trans, dann wird man alles Prärationale zu transrationaler Glorie erheben oder elevieren wollen, indem man z.B. den infantilen primären Narzißmus als unbewußtes Schlummern in der unio mystica auffasst. Jung und seine Nachfolger haben häufig diesen Weg beschritten und müssen tiefe Transpersonalität und Spiritualität in lediglich undissoziierte und undifferenzierte Zustände hineinlesen, denen jegliche Integration mangelt.

Für den elevationistischen Standpunkt ist die transpersonale und transrationale mystische Vereinigung der letzte Omega-Punkt, und da die egoische Rationalität dazu neigt, diesen höheren Zustand zu leugnen, muß sie den Tiefpunkt menschlicher Möglichkeiten darstellen, eine Verderbtheit, die Ursache aller Sünde und Trennung und Entfremdung. Hat man die Rationalität aber erst zum Anti-Omega erklärt, wird man bald alles Nichtrationale als direkten Weg zu Gott verherrlichen, und alles - wie infantil, regressiv und prärational es auch sein mag, ist uns recht, wenn es nur die böse, skeptische Rationalität aus dem Feld schlägt. "Ich glaube, weil es absurd ist" - das ist der Schlachtruf der Elevationisten (und alle Romantik ist zutiefst davon geprägt). Freud war ein Reduktionist, Jung ein Elevationist - die beiden Seiten der Prä/Trans-Verwechslung.

01/2003 -mf-