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24.3.2017 : 5:15 : +0100

Psychopathologien

(aus: Exzerpt C, S. 71f )

Ein Mann und eine Frau leben in einer Beziehung; der Mann verletzt (mit oder ohne Absicht) den emotionalen Raum der Frau, was bei ihr normalerweise Zorn auslösen würde. In vielen Fällen, und in bestimmten Grenzen, ist Zorn eine natürliche und gesunde Reaktion auf die Verletzung von Grenzen ? gesunder Zorn entspricht den T-Zellen des psychologischen Immunsystems, welche die Integrität der Selbst-Grenze (und den phänomenologischen Ich-Raum) schützen. Doch in diesem Beispiel ist die Frau auf ihren Liebsten, diesen Trottel, nicht zornig, weil sie ein netter Mensch ist, und nette Menschen werden nicht zornig; sie ist dann jedoch aus einem unerfindlichen Grund sehr traurig und deprimiert. Der Zorn, welcher natürlicherweise aufsteigt und sich auf den anderen Menschen richtet, der ihren inneren Raum verletzte, wird nun ?zurückreflektiert? und auf das eigene Selbst gerichtet, woraufhin sie sich selbst bestraft, den Zorn, der sich auf jemanden anderen richtete, auf sich nimmt und sich selbst damit ohrfeigt, und an dieser Stelle wird aus Wut Traurigkeit ["mad" has become "sad"]. Das ist ihr erlaubt, weil nette Menschen traurig sein dürfen; aber sie weiß nicht, warum sie traurig ist, oder wie es dazu kam, und sie hat keine Kontrolle über diese Depression. Mit anderen Worten: sie übersetzt die Phänomene innerhalb des Ereignishorizontes ihres Selbst nicht mehr in einer angemessenen und richtigen Weise; stattdessen tauchen diese Ereignisse nun als fremde Symptome auf, welche ihr ein Rätsel sind, eine Interpretation verlangen, nicht ihrer Agenz gehorchen, und damit beginnen, einen eigenen Willen zu haben...

Viele psychologische Symptome ? innere Angstgefühle, Depression, Phobien, Obsessionen, Zwänge ? sind versteckte Formen von Gefühlen und Impulsen, welche, aus welchem Grund auch immer, zu gefährlich sind, um im Ich-Raum in ihrer rauen, nackten Form erscheinen zu dürfen, und müssen ? um akzeptiert werden zu können - ?verhüllt? werden. Klar und deutlich gesagt: die Psyche belügt sich selbst, betrügt sich, und ist nicht mehr wahrhaftig, was die eigene Innerlichkeit betrifft ? mit dem Preis von psychologischem Schmerz und Leiden. (Erinnern wir uns, dass Wahrhaftigkeit der Selektionsdruck bzw. Gültigkeitsanspruch des oberen linken Quadranten ist. Die Arten von Psychopathologie, die wir hier untersuchen, behandeln Verletzungen dieser Integrität oder Wahrhaftigkeit, die mit psychologischen Qualen, Leiden und Angst bezahlt werden. Wenn das Selbst unaufrichtig ist, verletzt es innerliche Regeln und Grenzen, bzw. die Wege der aufrichtigen Unterscheidung zwischen einem wahren Selbst und einem falschen Selbst. Mit einer Geschichte von innerlicher Täuschung, Unaufrichtigkeit, Selbstbelügen und Selbstbetrug wird begonnen, ein falschen Selbst-System auszubauen, der Beginn einer kosmischen Gewohnheit, eine negative karmische Strömung der Integritätsauflösung, auf Lügen aufgebaut. Es ist das falsche Selbst, welches wir hier kurz untersuchen, was nicht heißt, dass nicht auch andere Dinge ebenso psychologische Störungen verursachen können, z.B. ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter, familiäre Probleme (unterer linker Quadrant), ökonomische Faktoren (unterer rechter Quadrant) und so weiter. Wir konzentrieren uns auf die Manifestation des kosmischen Knotens im oberen linken Quadranten, welche als ?psychologisches Symptom? identifiziert wird.).......

In milderen Fällen werden diese abgetrennten Impulse vom Ich als extern erfahren, aber nicht als äußerlich. Der Zwang zu essen, beispielweise, überkommt mich nicht so wie ein Apfel, der mir auf den Kopf fällt, er kommt nicht von ?da draußen? ? der Zwang zu essen kommt irgendwo aus meinem Inneren, aber er kommt nicht von mir! Ich kann ihn nicht kontrollieren. Ich möchte nicht essen, ich hasse es, mich zu überfressen, und doch ist der Zwang dazu stärker als ich. Der Zwang wird definitiv als etwas Innerliches erfahren, aber er ist keine Erfahrung eines internen Teils meines Ich, er ist nicht Teil meiner Intentionalität; er ist in bezug auf das Ich extern. Erinnern wir uns daran, dass die Definition von ?intern? bedeutet ?alles, was der Agenz des Holons folgt.? Nun, dieser verdammte Zwang will einfach nicht meiner Agenz, meinem Willen und meiner Intentionalität folgen: er ist in bezug auf mein Ich definitiv etwas Externes (aber er ist nicht da draußen). In schweren Fällen kann dieser abgetrennte Komplex tatsächlich in seiner offensichtlichen Gesamtheit auf die äußere Welt projiziert werden, wo er sich dann als eine halluzinierte erste Person zeigen kann.

Die Aufgabe der Tiefenpsychologie besteht natürlich darin, die Integrität der Selbstgrenze wieder herzustellen, ihre internen Regeln, Schnitt- und Kontaktstellen, so dass übertriebener Selbstbezug gelöst, Projektionen zurückgegeben, und fremde Elemente ausgelöscht oder angenommen werden können.

In vielen Fällen wird der Erfolg der Therapie daran gemessen, wie erfolgreich es einem Menschen gelingt, Symptome der dritten Person (bzw. ?es?-plural), welche ihm ein völliges Rätsel sind, zu Ereignissen der zweiten Person umzuwandeln, mit denen er zu kommunizieren beginnt, bis hin zu Ereignissen der ersten Person, die er sich dann zu eigen gemacht hat.

Eine Frau sagt z.B.: ?Dieses depressive Gefühl entsteht einfach, wann immer ich in der Nähe von Joe bin. Ich kann nichts dagegen tun.? Diese Depression, die in ihrer Innerlichkeit auftaucht, ist ein Ereignis der dritten Person bzw. des ?es? (ein Ereignis der dritten Person in ihrem Ich-Raum der ersten Person). Wenn sie damit beginnt, sich in diesen Zustand einzufühlen, mit ihm körperlich und emotional kommuniziert als einer realen gegenwärtigen zweiten Person, die ihr etwas Wichtiges zu sagen hat (eine Gegenwärtigkeit der zweiten Person mit einer Intentionalität, welche verstanden werden kann), dann werden verschiedene gefühlte Bedeutungen allmählich unverschlüsselt in ihrem Ich-Raum zu emergieren beginnen (so können z. B. reale und authentische Gefühle von Zorn im Ich-Raum emergieren). An diesem Punkt ist sie vielleicht in der Lage, nicht mehr zu behaupten ?diese Depression widerfährt mir einfach?, sondern ?ich habe einen echten Zorn auf Joe? ? und das bedeutet, dass sie nicht traurig, sondern verdammt wütend ist. Sie hat ihre eigene Intentionalität wieder in Besitz genommen.

Die Freundschaft mit einer davor fremden Subjektivität verläuft vom ?es? der dritten Person zum ?du? der zweiten Person zum ?ich? der ersten Person, (in einer Umkehrung des Entstehungsverlaufes des Symptoms, wo ein Ich-Impuls, zensiert und verboten, zu einem dissoziierten ?es? der dritten Person wurde).

02/2003 -mh-