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21.9.2017 : 21:37 : +0200

Schatten-Kommunikation

(aus: Up from Eden 1981 dt. Halbzeit der Evolution Goldmann TB Seite 314ff)

Die Unterbrechung oder Störung ichhaften Austausches (historisch oder ontogenetisch) durch Verdrängung oder Überschussverdrängung führt zu einer Spaltung des Ego in solche personae, die akzeptabel und solche, die nicht akzeptabel, nicht benötigt oder gefürchtet sind. Die nichtakzeptablen personae werden als «Schatten» oder «unbewußte personae» entfremdet. Eine unbewußte persona oder Schatten wird zu einem «versteckten Gesicht», einer «geheimen Persönlichkeit», die sich ständig in die bewußten Kommunikationen des Ego einschleicht, sie verzerrt und zensiert. Eine Schattenpersona ist die Art und Weise, wie ein Individuum Kommunikation vor sich selber verbirgt; es ist ein persönlicher Text, dessen Autorenschaft abgeleugnet wird, eine Stimme, zu der man sich nicht bekennt, ein unerlaubtes Antlitz.


Der Schatten ist eine Quelle der unbewußten Bearbeitung, der Fehldeutung und Fehlübersetzung von Teilen des eigenen linguistischen Ich und seiner erzählenden Geschichte. Der Schatten ist ein hermeneutischer Alptraum, der Sitz absichtlicher, wenn auch unbewußter Fehldeutung. (*)


.... Das ist der Grund, warum ich den Schatten unmittelbar mit hermeneutischen Betrachtungen in Verbindung bringe. Hermeneutik ist, wie Sie sich erinnern werden, die Wisschaft der Deutung: Was ist die Bedeutung von Hamlet? Oder von Schuld und Sühne oder Ihres eigenen Verhaltens, Ihrer Handlungen, Ihres Lebens? Man wird sofort erkennen, daß es keinerlei empirische Methoden gibt, die Antworten darauf zu verifizieren. Geben Sie mir einen wissenschaftlich-empirischen Beweis dafür, daß Sie die prä-Bedeutung von Hamlet, von Endstation Sehnsucht oder Ihres Traumes der letzten Nacht kennen. Das geht aus folgendem Grund nicht: Sobald wir die Ebenen erreicht haben, die über das sinnlich Erfassbare hinausgehen (1/2), sobald wir zum Stadium der Gruppenzugehörigkeit oder des Geistes (3/4) gelangen, haben wir es mit Bedeutungsstrukturen zu tun, für die kein empirischer, auf Sinneswahrnhemungen beruhender Beweis mehr möglich ist.......

Man darf den Schatten nicht mit dem Es (Typhon) verwechseln.
Das Es ist emotional-sexuelle Energie, der Schatten weitgehend eine verbale und syntaktische Struktur. (**)

.....Sobald eine Persona-Geschichte dem Ego entfremdet und von ihm dissoziiert ist (um zum Schatten zu werden), wird sie unweigerlich mit uroborischen und typhonischen Ausflüssen vermengt, und der ganze Komplex bildet dann den Kern von Neurosen oder, genauer ausgedrückt, von Charakterstörungen. Wir gelangen jetzt an einen entscheidenden Puntk: Selbstachtung kann nicht entstehen, wenn das Ego in akzeptable personae und Schatten-personae dissoziiert ist, denn dann kann man sich selbst und auch andere nicht richtig und ehrlich (an)erkennen. Wer sich selbst nicht in allen Einzelheiten klar sieht, kann auch nicht vollwertig und ehrlich am wechselseitigen ichhaften Austausch teilnehmen. ...

Das unbewußte Ego glaubt, es kommuniziere wahrheitsgemäß und offen mit anderen und sich selbst, während es in Wirklichkeit den Schatten vor sich selbst versteckt; es kommuniziert nicht so sehr Lügen als halbe Wahrheiten.....
Dieser Stand derDinge läßt sich nur umkehren, wenn das Individuum in den Text seines Lebens die Erzählung des Schattens einbezieht ? wenn es sich mit dem Schatten anfreundet und seine ?Story? als eine legitime Episode
des gesamten Textes des Ego akzeptiert.....

Ich ... will es für völlig offensichtlich halten, dass hermeneutische Interpretation das Kernstück jeder sinnvollen Psychotherapie ist.... das Ego beginnt seine Versöhnung mit dem Schatten, indem es lernt, die Symptome (Depression, Angstgefühle, usw.) richtig zu interpretieren, in denen der Schatten sich jetzt verbirgt ...

... Das Problem mit dem persönlichen Ego ist nämlich: Wie alle Formen des separaten Ich erkennt es nicht, dass es selbst nichts als ein flüchtiger Augenblick in einem viel weitergespannten Bogen der Evolution ist;
zweifellos ein notwendiger und wünscheswerter Augenblick, nichtsdestoweniger ein nur vorübergehender, ein Zwischenspiel.

(*) Warum verbirgt ein Individuum Kommunikation vor sich selbst? Es verbirgt jene Aspekte kommunikativen Austauschs, die die Existenz des Ego oder der verbalen Ich-Vorstellung zu bedrohen scheinen. Es «opfert» diese Aspekte, «bringt sie um», stößt sie aus, entfremdet sie, um das eigene ichhafte Unsterblichkeitsprojekt zu bewahren. Der Schatten ist also ein Ersatzopfer der mental-ichhaften Form des Atman-Projekts.

(**) Hier nehme ich entschieden Stellung für Jung, Lacan und andere und gegen den frühen Freud: Das ?Unbewusste? besteht nicht nur aus nichtverbalen Energien und Vorstellungsbildern. Es kann hochstrukturierte und linguistische Systeme enthalten, von denen der Schatten eines ist. Das Es (Typhon) ist prä-verbal und besteht aus sexuellen und aggressiven Trieben; der Schatten ist linguistisch und hermeneutisch und besteht aus sinnvollen, aber dissoziierten erzählenden Einheiten.

02/2004 -mf-