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18.8.2017 : 1:15 : +0200

Sex in den drei Körpern

ST [Sounds True]: ... Wir haben uns somit einmal die männliche und die weibliche Typologie hinsichtlich der Entwicklung durch die Ebenen angesehen, im oberen linken Quadranten und ebenso biologisch im oberen rechten [Quadranten] und du hast auch erwähnt, dass man ebenso die männliche und weibliche Typologie hinsichtlich der Zustände ? grobstofflich, subtil und kausal ? betrachten kann.

KW [Ken Wilber]: Ja, ..ganz allgemein gesprochen, und ich habe das bereits im Zusammenhang mit David Deidas Arbeit in der spirituellen Praxis erwähnt - die tantrischen Traditionen ganz allgemein - und Davids Arbeit speziell, doch es gibt viele, die sich damit beschäftigen - am einfachsten kann man sagen: Wir haben einen grobstofflichen, einen subtilen und einen kausalen Körper - darüber haben wir [in diesem Interview] schon gesprochen. Man kann also..... beim Sex zum Beispiel, ob als Mann oder als Frau - mit dem grobstofflichen Körper lieben, mit dem subtilen Körper lieben, und man kann im kausalen Körper lieben.

ST: Können wir da mal kurz anhalten? Kannst du mir sagen, wie Mann oder Frau im subtilen oder kausalen Körper Liebe machen?

KW: o.k. Dies entspricht in groben Zügen den drei Stufen, über die wir bereits bei der Diskussion von Carol Gilligans Stufen des Wachstums [Selbstbezogenheit, Fürsorge, universelle Fürsorge] gesprochen haben. Im grobstofflichen Körper - und im Wesentlichen sind wir in diesem Körper... -

ST: [unterbricht ihn] Diesen Teil habe ich schon verstanden?.!

KW: [lacht] Ich wollte das gerade demonstrieren... im grobstofflichen Körper kenne ich mich nämlich aus, da bin ich wirklich gut?.

ST:[lacht] Ja, wirklich gut?..

KW: [sehr erheitert] -also lass mich das nicht übergehen...!
Im grobstofflichen Körper geht es also im Wesentlichen nur um Sex für mich. Ich möchte loslegen, ich möchte meine Erregung, du bist einfach nur da, es spielt eigentlich keine Rolle, wer du bist, so lange du mitmachst oder zumindest keinen Widerstand leistest und nicht die Polizei rufst. Es ist eine selbstbezogene Haltung in der sexuellen Beziehung, [lacht] und jeder geht von Zeit zu Zeit da hinein - es ist eine Frage des Bewusstseinsschwerpunktes -  und es ist eben so, wie es ist.

Im subtilen Körper bewegst du dich bereits in eine Energie hinein, welche über dich hinausreicht und andere Wesen umfängt. Es ist - in etwa - das Äquivalent zu Gilligans zweiter Welle der Fürsorge: Sex ist nun eine beziehungsorientierte Aktivität. Du nimmst Anteil an deinem Partner, dein Partner erwidert das, du fühlst, dass du liebst, es ist nicht diese grobstoffliche, physische rein-raus Angelegenheit, es ist eine subtile, fühlende Beziehung. Wir beziehen uns auf einen anderen Menschen, als einen bewussten, fühlenden Menschen, und das ist bereits eine andere Erfahrung - du kannst beides tun. Worum es bei all diesen höheren Zuständen und Stufen geht, ist, dass sie die Junioren transzendieren und umfassen - idealerweise geht es darum, mit allen drei Körper zu lieben. [ironisch] Ich bin auf der Suche nach einer Nutte, die so was kann, aber das ist eine andere Geschichte, das möchte ich hier nicht erzählen..

ST: Würde Gilligan diese Entwicklung auch so sehen? [beide lachen]

KW: Es gibt also eine Menge beziehungsorientierten Yoga, welcher den subtilen Körper mit einbezieht, ebenso Sex. Viele der tantrischen Traditionen arbeiten damit, sie setzen dazu einen entsprechend geschulten Partner ein, und bringen subtile Energien und subtile Gefühle im Sexualakt zur Anwendung, unter Einbeziehen einiger der höheren Dimensionen und Bereiche. Wir könnten auch darüber sprechen. Aber das ist es, was Sex im subtilen Körper bedeutet - es kann auch dem Normalbürger passieren, wenn er/sie sich in einer sexuellen Beziehungssituation befindet.

Kausal oder universell - der dritte Zustand - bedeutet: Viele Menschen hatten sexuelle Erfahrungen, bei denen sie plötzlich nicht mehr sie selbst und auch nicht in Beziehung mit ihrem Partner waren. Sie waren eins mit allem, in kleinste Teilchen explodiert, aus ihrem Körper-Geist [bodymind] herausgeschleudert, in diese unendlichen, gewaltigen Bewusstheitszustände von Wahrnehmung, Wonne und Liebe - und dies ähnelt sehr dem Kausalen oder Selbst, oder der Einheit mit allen Erscheinungen. Und das bedeutet es, im kausalen Körper zu lieben - der kausale Körper dehnt sich über alle Manifestation hinaus. Es ist eine subtile Energie, eine sehr subtile Energie, die sich ausdehnt, und auch dafür gibt es Praktiken, welche man ausüben kann, einschließlich spiritueller, tantrischer, religiöser Praktiken.

Es gibt eine maskuline und eine feminine Form in den drei Stufen, und ich kann sie schnell skizzieren, und - noch einmal - Männer und Frauen können beide Formen haben, aber sie tendieren generell zu einem der beiden Pole. Das maskuline Prinzip ist das Prinzip von Autonomie, Agenz und des Schauens - das Schauen ist klassischerweise ein männlicher Anteil. Als maskuliner Typ hält man auf jeder dieser Stufen Distanz, hält sich zurück, es ist ein Schauen, eine Art des Betrachtens.

Das Feminine möchte nicht sehen, es möchte gesehen werden. Das Feminine ist strahlende Schönheit, sie leuchtet. Sie möchte nicht Abstand nehmen und schauen, sie möchte betrachtet werden, sie möchte strahlen, tanzen, und wir schätzen eine Frau nach ihrer Ausstrahlung ein, ihrer Schönheit, ihrem Leuchten, wohingegen wir Männer nach ihrer Tiefe einschätzen, nach ihrer Fähigkeit einer unbewegten Tiefe und Gegenwärtigkeit. Wenn man das also tut, als ein Spiel unterschiedlicher Energien, dann bedeutet das für den maskulinen Pol Tiefe, Gegenwärtigkeit und diese Intensität des Betrachtens. Und auf der femininen Seite gibt es Bewegung, Fluss und Leuchten, und eine Frau möchte in diesem Fließen sein, fühlen und strahlend - dies spielt sich alles auf den verschiedenen Stufen ab, je nachdem, ob man es einfach nur für sich selbst tut oder in einem in-Beziehung-Sein, oder in einer Einheit mit Allem.

Für die Frau also, selbst wenn sie make-up trägt, sich modisch angezogen hat und im femininen Modus ist - wenn sie das auf der Stufe 1 macht, dann ist es etwas nur für sie selbst - sie ist selbstorientiert, sie möchte, dass jeder sie anschaut, und das ist auch schon alles. Auf der Stufe 2 ist es mehr beziehungsorientiert und sie tut es, um andere Menschen glücklich zu machen, sie möchte zu anderen Menschen in Beziehung treten, sie möchte für die Menschen strahlen, die ihr etwas bedeuten, sie möchte denen, die ihr etwas bedeuten, dieses Geschenk machen, und es ist eine leuchtende Fürsorge, die sie verschenkt, welche sich als eine strahlende Schönheit manifestiert, selbst wenn jemand rein "physisch" nicht schön ist. Wir alle wissen, was geschieht, wenn ein Mensch - ob Mann oder Frau - zu strahlen beginnt - diese Menschen werden ungemein attraktiv, wunderschön, ein wunderbares Leuchten scheint durch sie hindurch, die Haut leuchtet, wird schimmernd und weich - das ist das Feminine der Stufe 2.

Und auf Stufe 3 ... beginnen das Maskuline und das Feminine zusammenzukommen. Sie nähern sich einer Einheit. Und es gibt sowohl das Bezeugen wie auch das Strahlen, und es wird zu einer Art nicht-dualen Einssein.
Aber auf der maskulinen Seite ist es immer noch eindeutig das Bezeugen, und Männer erfahren sich selbst als Bewusstheit, als Leere, als Freiheit, und sie wollen Freiheit - wohingegen Frauen sich als strahlend erfahren, als Fließen, als Leuchten, und sie wollen Fülle. Sie möchten erfüllt sein.

Das drückt sich sogar biologisch aus - Männer tendieren beim Orgasmus dazu sich zu entleeren und sich erschöpft zu fühlen, und Frauen tendieren zur Fülle und Erfülltheit. Die Hauptbeschwerde einer Frau ist die der Unerfülltheit, sie hat z.B. Essstörungen. Die Hauptbeschwerde eine Mannes ist: "Ich bin nicht frei, ich möchte hier raus, ich möchte autonom sein."

Man erkennt dieses Spiel von männlicher Freiheit und femininer Fülle auf diesen drei Stufen. Die eine Form ist das bezeugende Bewusstsein, die maskuline Freiheit - und Fülle, Strahlen, Leuchten, Schönheit ist das Feminine - und diese Spiel findet im Sex statt, in Beziehungen, in der Welt insgesamt, durch diese drei Stufen hindurch. Wir sollten aber auch die pathologischen Varianten erwähnen, kranker Junge, krankes Mädchen, auf jeder dieser drei Ebene.

Mit der Verwendung dieser Typologien kann man diese Energien in sich selbst entdecken, im Partner, im Liebesleben, in der Arbeit, usw. - und man kann auch damit beginnen diese Körper zu trainieren und die eignen Stärken zu erkennen - bei vielen wechselt das hin und her - man kann das maskuline Prinzip im grobstofflichen Wachbereich leben: Ein Firmenchef, dominierend, machtvoll. "Wenn du dieses nicht machst, dann trete ich dir in den Hintern!", und dann geht er zu einer Domina, um dominiert zu werden, er möchte, dass jemand anders für eine Zeit die Kontrolle übernimmt. Menschen, die damit arbeiten, wie David Deida zum Beispiel, können unendlich viele Geschichten darüber erzählen, wie das Prinzip hin- und herwechseln kann. Man kann sehr maskulin im grobstofflichen Körper sein und sehr feminin im subtilen Körper, und dann wieder sehr maskulin im kausalen Körper. Es wechselt hin und her - gesund und ungesund.

Das gibt uns einmal einen kurzen Einblick, man kann darüber noch viel ausführlicher reden. Man beginnt, das interessante Spiel der verschiedenen Typen und Energien auf den verschiedenen Bewusstseinsebenen zu erkennen.

05/2004 -mf/mh-