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18.11.2017 : 13:11 : +0100

Sex(ualität) im Flachland - Tiefenpsychologie

(aus: Eros, Kosmos, Logos, Krüger Verlag 1996, S. 552)

Es wird uns kaum wundern, daß die Ego-Deutung der Natur als die grundlegende reflektierte Wirklichkeit und das Öko-Bemühen, die Natur zu spiritualisieren, auf einen Punkt konvergieren, nämlich auf die Sexualität.

Wie Foucault gezeigt hat, war der Aufstieg der Moderne nicht so sehr von der Repression der Sexualität begleitet (wenngleich auch das geschah), sondern Sexualität wurde eher zur Obsession. Das ganze, etwa ein Jahrhundert vor Freud beginnende Zeitalter erlebte eine regelrechte Explosion des Interesses an allem Sexuellen - in der Medizin, Psychiatrie, Literatur und Erziehung....

Wenn die Natur die grundlegende und in mancherlei Hinsicht letzte Wirklichkeit ist (für das reflexive Ego) und gleichzeitig ein Quell tieferer, höchster und häufig verborgener Wahrheiten (für das Öko), dann liegt ihr gemeinsamer Nenner eigentlich schon auf der Hand: der Glaube, daß Sexualität das Geheimnis der menschlichen Persönlichkeit birgt. Wenn die Natur oder Biosphäre die letzte Wirklichkeit ist, was für Geheimnisse sollte es dann noch geben?

Es war (und ist) an dieser obsessiven Beschäftigung mit Sexualität etwas, das fast allen Bewohnern dieser Flachland-Welt etwas zu bieten hatte. Da war hedonistsisches Glück für die Utilitaristen; für die Psychologen gab es Deutungen auszugraben, die jedoch seicht blieben und sich kaum über das Flachland, das Empirisch-Sensorische, hinauswagten, und es waren in der Natur die tiefsten Antriebe des Menschen zu finden, was die Romantiker entzückte.

....die Sexualität wurde immer mehr das, was allen Menschen alles sein konnte: das letzte Geheimnis der menschlichen Persönlichkeit, die treibende Kraft des Menschen, die große Lebenskraft, der wir uns ergeben können, um Freiheit zu finden ? eigentlich also der GEIST des Universums. Und wo die Sexualität vergöttlicht und die Natur zur Herrscherin über alles erklärt wird, kann es nur noch den Zug des Bios geben und nichts darüber hinaus.

Das ist ein sehr schönes Beispiel für die Technik des Einebnens: Der bereits zum Kosmos planierte Kósmos bot dem wirklich Profunden nirgendwo Raum, und so erklärte man das Oberflächliche und Seichte zum Profunden. Wieder einmal wurde das Grundlegende mit dem Bedeutsamen verwechselt.

Deshalb wird Freud Ansatz zu Unrecht Tiefenpsychologie genannt und ist eigentlich "Untiefen-Psychologie", nämlich seichte Psychologie. (Nicht so seicht natürlich wie der Behaviorismus; gegen den nimmt sich die Psychoanalyse in der tat tief aus. In der neunschaligen Zwiebel des Ich ? die neun Drehpunkte ? ist die Materie die erste Schale oder Hülle und die Libido oder Prana ist die zweite. Natürlich ist das Vordringen zur zweiten Schale besser als das Verharren bei der Außenhülle, aber was ist mit den sieben weiteren Schalen darunter?)

Indem man also die Libido "ergründet?, dringt man nicht in allzu große Tiefen vor, sondern suspendiert eher alle höheren oer tieferen kognitiven Fähigkeiten, um vorübergehend auf eine niedrigere und seichtere, im ontologischen Sinn oberflächlichere Ebene zu regredieren.....

Bei der Libido zu bleiben ist ungefähr so, als müßte man sich an der Meeresoberfläche halten (anstatt loszulassen und sich in die Tiefe - des höheren Bewußtseins - sinken zu lassen.) Man muß unentwegt strampeln, um sich an der Oberfläche zu halten. Jeder weiß es: Hedonismus ist absolut aufreibend.

Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Die Sexualität steht dem GEIST weder fern, noch ist sie gegen ihn gerichtet: sie ist nur einfach eine seiner niedrigsten oder grundlegendsten Ausdrucksformen, weshalb die sexuelle Natur des Menschen einer der am leichtesten zugänglichen Fäden sein kann, entlang derer man sich zum GEIST zurücktastet (was auch eines der Hauptziele des Tantra ist, leider meist mißverstanden). Es gibt wirklich die Lebenskraft, es gibt Prana oder "kosmische Libido?, aber sie ist eine der niedrigsten Hüllen des GEISTES, die nämlich, die man in der Natur oder Biosphäre findet.

01/2003 -mf-