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20.10.2017 : 23:40 : +0200

Subpersönlichkeiten

(aus: Integrale Psychologie, Arbor Verlag 2001, S.118)

Ich habe erwähnt, daß das Selbst zahlreiche Subpersönlichkeiten enthält, und nirgendwo wird das deutlicher oder bedeutsamer als in der Pathologie, Diagnose und Behandlung.

Fachleute auf dem Gebiet der Subpersönlichkeiten weisen darauf hin, daß ein Durchschnittsmensch ein Dutzend oder mehr Subpersönlichkeiten hat, die unter verschiedenen Bezeichnungen bekannt sind: als Zustand des Eltern-Ego, als Zustand des Kind-Ego, als Zustand des Ego des Erwachsenen, als Top-dog, Underdog, Gewissen, Ich-Ideal, idealisiertes Ego, falsches Selbst, authentisches Selbst, reales Selbst, als strenger Kritiker, Überich, libidinöses Selbst und so weiter. Die meisten von ihnen werden, zum Teil jedenfalls, als verschiedene innerlich hörbare oder beinahe hörbare Stimmen im eigenen inneren Dialog erfahren. Manchmal werden eine oder mehrere Subpersönlichkeiten fast ganz dissoziiert, was im Extremfall zu einer multiplen Persönlichkeitsstörung führen kann. Bei den meisten Menschen streben diese verschiedenen Subpersönlichkeiten einfach nach Beachtung und Dominanz im Verhalten und bilden so eine Art unterbewußte Gesellschaft von Formen des Selbst, die vom proximalen Selbst auf jeder seiner Stufen verhandelt und ins Gleichgewicht gebracht werden müssen.

Jede dieser Subpersönlichkeiten kann in jeder ihrer Linien auf einer anderen Ebene der Entwicklung sein. Mit anderen Worten, Subpersönlichkeiten können sich praktisch bei jedem der Drehpunkte bilden: archaische Subpersönlichkeiten (D- 0, D-l), magische Subpersönlichkeiten (D-2, D-3), mythische Subpersönlichkeiten (D-3, D-4), rationale Subpersönlichkeiten (D-5, D-6) und sogar Seelen-Subpersönlichkeiten (D- 7, D-8) . Deshalb ergibt umfangreiche Forschung, daß sich nicht nur die verschiedenen Entwicklungslinien relativ unabhängig voneinander entfalten können, sondern ebenso auch jede der verschiedenen Subpersönlichkeiten. Daher kann aus diesen beiden Gründen ein Mensch Facetten seines Bewußtseins auf vielen verschiedenen Ebenen von Moral, Weltsicht, Abwehrmechanismen, Pathologien, Bedürfnissen und so weiter haben...

Zum Beispiel wird der Zustand des Kind-Ego gewöhnlich auf D-2 und D-3 gebildet (mit präkonventioneller Moral, magischer Weltsicht und Bedürfnissen nach Sicherheit), was ganz offensichtlich wird, wenn ein Mensch von einem Zustand des Kind-Ego (z.B. einem explosiven Wutanfall, mit egozentrischen Forderungen, narzißtischer Weltsicht) erfaßt wird, der durch die Persönlichkeit hindurchfegt, sie minuten- oder stundenlang beherrscht und dann so schnell wieder vergehen kann, wie er gekommen war, und die Person dann wieder ihrem eher typischen, durchschnittlichen Selbst (das sonst vielleicht hoch entwickelt ist) überläßt.

Deshalb bedeutet es, wenn ich neun oder zehn Ebenen des Bewußtseins, von Weltsicht, Pathologie, Behandlung und so weiter umreiße, nicht, daß ein Mensch einfach auf einer Stufe ist, mit einem Abwehrmechanismus, einer Art Pathologie, einer Art Bedürfnis und einer Art Behandlung. Jede der ein Dutzend oder mehr Subpersönlichkeiten kann sich auf einer anderen Ebene befinden, so daß der Mensch zahlreiche Typen und Ebenen von Bedürfnissen, Abwehrmechanismen und Pathologien besitzt (z.B. von Borderline zu neurotisch zu existentiell bis spirituell) und deshalb auf ein weites Spektrum von therapeutischen Interventionen reagieren wird.

Subpersönlichkeiten in ihrer gutartigen Form sind einfach funktionale Selbst-Repräsentanzen, die bestimmte psychosoziale Situationen steuern (eine Vater-Persona, eine Ehefrau-Persona, ein libidinöses Selbst, ein leistungsorientiertes Selbst). Subpersönlichkeiten werden nur im Maße ihrer Dissoziation problematisch, die von milde über mäßig bis schwer abgestuft ist. Die Schwierigkeit entsteht, wenn auf grund eines wiederholten Traumas, von Fehlentwicklungen, dauerndem Streß oder selektiver Unaufmerksamkeit eine dieser funktionalen Subpersönlichkeiten stark dissoziiert oder vom Zugang durch das bewußte Selbst abgespalten ist. Diese untergetauchten Personae - mit ihrem in diesem Moment dissoziierten und fixierten Bestand an Moral, Bedürfnissen, Weltsichten und so weiter - machen sich im Keller breit, wo sie weiteres Wachstum und weitere Entwicklung sabotieren. Sie bleiben "verborgene Subjekte", Facetten des Bewußtseins, mit denen das Selbst die Identifikation nicht mehr lösen und die es nicht mehr transzendieren kann, weil sie in unbewußten Kammern der Psyche isoliert sind, von denen sie symbolische Abkömmlinge in Form schmerzhafter Symptome aussenden.

Der heilende katalytische Faktor besteht wiederum darin, Bewußtheit auf diese Subpersönlichkeiten wirken zu lassen, sie so zu objektivieren und in einer mitfühlenderen Umarmung aufzunehmen. Allgemein gesprochen werden Individuen eine Symptomatologie präsentieren, bei der ein oder zwei Subpersönlichkeiten und ihre Pathologien dominieren (ein strenger innerer Kritiker, ein Underdog, der zu Versagen neigt, ein Ichzustand geringen Selbstwertgefühls, usw.), und so tendiert die Therapie dazu, sich auf diese eher sichtbaren Themen zu konzentrieren. Wenn dominante Pathologien Besserung zeigen (und ihre Subpersönlichkeiten integriert sind), werden oft weniger auffallende dazu neigen, aufzutauchen, manchmal mit Macht, und die therapeutische Aufmerksamkeit wendet sich natürlicherweise ihnen zu. Diese Subpersönlichkeiten können eher primitive Formen des Selbst (archaische, magische) umfassen und alle möglichen neu auftauchenden transpersonalen Formen des Selbst (Seele, GEIST).

Entsprechend sind die verschiedenen Subpersönlichkeiten oft kontextbedingt. Einem Menschen geht es in einer Situation gut, und dann löst eine andere plötzlich Panik, Depression, Angst und so weiter aus. Erleichterung des vorherrschenden Problems in einem Bereich erlaubt oft weniger auffälligen Pathologien, an die Oberfläche zu kommen, und sie können dann durchgearbeitet werden. Der therapeutische Wirkstoff - Bewußtheit einwirken zu lassen - hilft dem Individuum, sich seiner Subpersönlichkeiten bewußter zu werden und sie so von "verborgenen Subjekten" in "bewußte Objekte" zu verändern, wo sie in das Selbst integriert werden können und so am andauernden Fluß der Evolution des Bewußtseins teilnehmen, statt auf die niedrigen Ebenen fixiert zu sein, wo sie ursprünglich dissoziiert wurden.

Ganz gleich wie zahlreich die Subpersönlichkeiten sind, es ist die Aufgabe des proximalen Selbst, eine Art Integration oder Harmonie im Chor der Stimmen zustande zu bringen und so mit mehr Sicherheit seinen Weg zu ihrer gemeinsamen Quelle zu beschreiten.

02/2003 -mh-