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24.4.2017 : 21:01 : +0200

Translative und transformative Praktiken

Zitate aus One Taste (dt. Einfach Das, Verlag Fischer TB Spirit ) Kapitel 11. Februar ab Seite 42ff

Die erste Funktion der Religion, die sinnstiftende, ist eine Form horizontaler Bewegung, die zweite, die das Selbst transzendierende, eine Form vertikaler Bewegung (höher oder tiefer, je nachdem, welches Bild man bevorzugt). Ersteres habe ich Translation genannt, letzteres Transformation.

Translation bietet dem Selbst einfach eine Möglichkeit, sich die Wirklichkeit anders vorzustellen. Das Selbst bekommt einen neuen Glauben: vielleicht eines holistische Haltung statt einer atomistischen, eine nachsichtige statt einer vorwurfsvollen, eine beziehungsorientierte statt einer analytischen. Dann lernt das Selbst, seine Welt und sein Wesen in den Begriffen dieser neuen Überzeugung, dieser neuen Sprache oder dieses neuen Paradigmas zu "transferieren", und diese neue und verzaubernde Translation lindert oder vermindert zumindest vorübergehend das Grauen im Herzen des getrennten Selbst.

Bei einer Transformation dagegen wird der Prozess der Translation selbst in Frage gestellt, einer objektiven Betrachtung unterworfen, unterminiert und schließlich ausgelöscht. Das Wesen der Translation besteht darin, dass dem Selbst (oder Subjekt) eine neue Betrachtungsweise der Welt (oder von Objekten) angeboten wird; das Wesen einer radikalen Transformation besteht dagegen darin, dass das Selbst erkundet, an der Gurgel gefasst und buchstäblich erdrosselt wird.

Bei der Translation taumelt das Selbst schläfrig in die Welt, stolpert benommen und kurzsichtig in den Albtraum des Samsara, bekommt eine mit Morphium überzogene Landkarte, mit der es sich in der Welt zurechtzufinden versucht.

Bei einer echten Transformation geht es nicht um irgendeinen Glauben, sondern um den Tod des Glaubenden, nicht um eine Translation der Welt, sondern um eine Transformation der Welt, nicht darum, Trost zu finden, sondern darum, auf der anderen Seite des Todes Unendlichkeit zu finden. Das Selbst wird nicht getröstet: es wird geröstet.

Aber wiewohl ist ich nun offensichtlich die Transformation gepriesen und die Translation verworfen habe, ändert dies nichts an der Tatsache, dass in der Gesamtschau beide Funktionen unglaublich wichtig und völlig unverzichtbar sind. Der Mensch kommt in aller Regel nicht erleuchtet auf die Welt?. Er beginnt schon früh, sich verschiedene Möglichkeiten der Translation seiner Welt anzueignen, sich einen Reim auf sie zu machen, ihr einen Sinn zugeben und sich gegen die Schrecken und Qualen zu wappnen, die ständig dicht unter der glatten Oberfläche des Selbst lauern.

Aber wie sehr wir alle uns vielleicht wünsche, die bloße Translation zu transzendieren und zu einer echten Transformation zu gelangen, so sit ist und bleibt doch Translation ein unabdingbares und entscheidendes Element des größten Teils unseres Lebens. Wem es nicht gelingt, in angemessener Weise und einem hohen Maß an Integrität und Genauigkeit zu transferieren, der gerät rasch in eine schwere Neurose oder sogar Psychose: Die Welt verliert einfach ihren Sinn - die Grenzen zwischen dem Selbst und der Welt werden nicht transzendiert, sondern beginnen sich vielmehr aufzulösen. Dies ist kein Durchbruch, sondern ein Zusammenbruch, keine Transzendenz, sondern ein Desaster.

Aber irgendwann im Laufe unseres Reifungsprozesses bietet diese Translation, wie richtig und notwendig sie auch sein mag, plötzlich keinen Trost mehr?. Der einzig noch verbleibende Weg ist nicht ein erneuerter Glaube an das Selbst, sondern die Transzendierung eben dieses Selbst.

Man muss mit hilfreichen Translationen beginnen, bevor man wirksame authentische Transformation anbieten kann. ?Dass man nicht nur eine echte und radikale Transformation anbieten muss, sondern auch für die vielen hilfreichen Modi geringerer und translativer Praktiken sensibel sein und diese pflegen muss. Eine solche großzügige Einstellung erfordert also eine "integrale Haltung" hinsichtlich der Gesamttransformation, eine Haltung, die auch translative Praktiken einbezieht und so die physischen , emotionalen, geistigen, kulturellen und sozialen Aspekte des Menschen als Vorbereitung auf die höchste Transformation gelten lassen kann.

09/2004 -mf- zum Tag der Offenen Tür