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24.4.2017 : 21:03 : +0200

über die Liebe

(aus: Einfach "Das", Fischer Taschenbuch 2001, S. 247)

Liebe zu einem bestimmten Menschen hat etwas Strahlendes, wenn sie in der Leerheit entsteht. Es ist immer noch Liebe, die immer noch intensiv persönlich und auf diesen bestimmten Menschen gerichtet bleibt, aber es ist eine Welle, die sich aus einem Ozean der Unendlichkeit erhebt. Es ist, wie wenn ein großes Meer der Liebe eine Welle hervorbrächte, und diese Welle trägt in jedem ihrer brechenden Kämme die Kraft und die Erregung des ganzen Meeres. Es ist eine Empfindung wie bei einem Sonnenaufgang in der Wüste: In einer weiten, offenen, klaren, blauen Geräumigkeit erhebt sich am Horizont ein intensives gelbrotes Feuer. Man ist der unendliche Himmel der Liebe, an dem sich ein einzelner Feuerball persönlicher Liebe erhebt.

Eines ist gewiss: Unendliche und persönliche Liebe schließen einander nicht aus - letztere ist nur eine einzelne Welle in einem unendlichen Ozean. Wenn ich am frühen Morgen wach neben ihr [Marci] liege und meditiere, verändert sich in der Kontemplation im Grunde nichts, nur dies: Eine den ganzen Körper erfassende Seligkeit, die in paradoxer Weise schwach und intensiv zugleich ist, umsäumt mein Bewusstsein. Es ist sexuelle Energie, die die Verbindung zu ihrem Ursprung in den subtilen Regionen des Körpergeistes wiedergefunden hat. Oft berühre ich sie beim Meditieren leicht; damit wird ganz eindeutig ein Energiekreis geschlossen, und auch sie spürt es.

Dies ist, was Männer und Frauen (und ebenso gleichgeschlechtliche Paare) füreinander tun können, und dies ist auch die zentrale Behauptung des Tantra: Die Vereinigung von Mann und Frau ist in einer sehr konkreten Weise die Vereinigung von Eros und Agape, von Aufstieg und Abstieg, von Leerheit und Form, von Weisheit und Mitgefühl. Es geht dabei ganz konkret um die tatsächliche Verteilung von Prana oder Energieströmen im Körper. Deshalb auch genügt in den höchsten Tantra-Lehren (Anuttaratantrayoga) die bloße Visualisierung der sexuellen Vereinigung mit dem göttlichen Partner nicht für die endgültige Erleuchtung. Vielmehr braucht man einen echten Partner, echten Sex, um die Kreise wirklich schließen zu können, die zu einer Erkenntnis des immer schon erleuchteten Geistes führen.

01/2003 -mh-