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26.5.2017 : 11:08 : +0200

Zustände und Stufen [states and stages]

(aus: www.integralnaked.org, Telefonmitschnitt)

Hinweis: Während Wilber in den frühen Werken den Schwerpunkt auf die Ebenen oder Stufen des Bewusstseins sezte, kann spätestens seit Wilber 4 (siehe Grundlagenkonzept "Die vier Phasen von KW") davon nicht mehr die Rede sein. Mit der Einführung des integralen Ansatzes betont Wilber die - gleichermaßen wichtige - Bedeutung von Quadranten, Linien, Stufen, Zuständen und Typen. Auch wenn bei Betrachtung seines Gesamtwerkes die Behandlung der Stufen des Bewusstseins rein vom Umfang her ins Auge fällt, so sind doch die anderen Faktoren ebenso bedeutend, worauf Wilber immer wieder hinweist. So sind die Zustände des Bewusstseins - neben den Stufen - ein wichtiger Faktor (z.B. bei einer integralen Psychologie). Die Unterscheidung zwischen beiden, und das Verhältnis beider zueinander ist für Wilber ein zentrales Anliegen. Er widmet sich diesem Thema ausführlich in der Ausführung G (sidebar G) zum Roman Boomeritis (eine Übersetzung ist auf www.integralworld.net veröffentlicht).

In dem nachfolgenden Telefonmitschnitt eines Gesprächs mit Studenten des Integralen Instituts skizziert er erneut, worum es dabei geht.

Lasst mich mit ein paar Kommentaren zu den Zuständen (des Bewusstseins) beginnen, und was sie hinsichtlich des Transpersonalen usw. bedeuten. Zu allererst würde ich niemals sagen, dass das Subtile und Kausale grundsätzlich transpersonale Zustände sind, weil der Begriff "transpersonal" - wie auch der Begriff "spirituell" - mindestens vier verschiedene Bedeutungen hat. Man muss schon sehr präzise hinsichtlich dessen sein, was genau man meint, wenn man von "transpersonal" oder "spirituell" spricht, bevor man dann über Zustände spricht.

Ich möchte zuerst etwas darüber sagen, wie die Begriffe grobstofflich, subtil und kausal in den Traditionen verwendet werden, und wie auch ich sie verwende - das erschöpft natürlich nicht ihren Gebrauch, und es ist nicht die einzig mögliche Art, sie zu verwenden, aber es ist eine wichtige Art und Weise, sich auf sie zu beziehen. Technisch gesprochen gibt es die Zustände Wachen, Träumen und (traumloser) Tiefschlaf, z.B. im Vedanta, und diese stehen in Beziehung zu dem, was als grobstofflicher Körper, subtiler Körper und kausaler Körper bezeichnet wird. Grobstofflich, subtil und kausal bezieht sich daher explizit nur auf diese Körper bzw. die Energien, welche in diesen Zuständen auftreten. Aber weil einem manchmal die Worte ausgehen, verwende ich grobstofflich, subtil und kausal auch als Zustandsbezeichnungen, und spreche auch von grobstofflichen Bewusstseinszuständen, oder subtilen oder kausalen Zuständen, aber die eigentliche Bedeutung im technische Sinn ist diejenige, welche ich gerade beschrieben habe. Vedanta und Vajrarana sind sehr spezifisch hinsichtlich dessen, was diese allgemeinen Bewusstseinszustände definiert, und zwar durch die Art phänomenologischer Objekte, welche in diesen Zuständen erscheinen.

So ist der grobstoffliche Wachzustand nicht durch die Tatsache, dass man wach ist, definiert, weil Wachheit etwas ist, was sich beim Hindurchgehen durch die Bereiche ändert - Wachheit kann vom grobstofflichen Zustand zum subtilen Zustand wechseln, dem luziden Träumen, und sich weiter zum kausalen Zustand bewegen, was als turiya bezeichnet wird, eine andauernde Bewusstheit. Wachheit (mit großem "W") ist daher nicht an den sogenannten Wachzustand gebunden, und definiert ihn auch nicht. Der Wachzustand ist durch die Tatsache definiert dass grobstoffliche Objekte wahrgenommen werden. Im Wachzustand sieht man Felsen und Bäume und Gaia und Materie und so weiter. Im Traumzustand und ein einigen meditativen Zuständen sieht man subtile Objekte, Bilder, Körper, Gefühle usw. Und im Kausalen existieren die subtilsten Objekte überhaupt, so z.B. ein unermesslicher, sich ins Unendliche erstreckender Bereich von Seligkeit, ananda, eine Strahlen, Klarheit und so weiter, das anandamayakosha beispielsweise.

Bei den Zuständen ist es - im Unterschied zu den Stufen - so, dass dort keine Entwicklung stattfindet, und dass sie sich gegenseitig ausschließen. Selbst ein erleuchteter Buddha ist sich, wenn er sich im Traumzustand befindet und träumt - des Wachzustandes nicht bewusst, er ist sich keiner Felsen oder Hunde oder Bäume bewusst. Man kann nicht gleichzeitig betrunken und nüchtern sein, die drei verschiedenen Zustände sind gegenseitig unvereinbar. Was sie Zusammenhält ist turiya, der Zeuge dieser Zustände.

Der Zeuge kann sich durch die verschiedenen Zustände bewegen, und bindet letztendlich diese drei Zustände zusammen. Der Zeuge ist die Lokalisation der Wachheit, immergegenwärtiger Wachheit, und beim durchschnittlichen Menschen beginnt die Wachheit im grobstofflichen "Wachbereich", und beschränkt sich auch meistens darauf. Doch noch einmal: Die Definition des Wachbereiches besteht nicht darin, dass man wach ist. Mit dem Fortschreiten der Entwicklung dehnt sich die Wachheit auf den subtilen Zustand aus, und mit dem weiteren Fortschreiten dann auch in den kausalen Bereich hinein, dem kausalen [traumlosen] Tiefschlaf. Und dann hat man turiya erreicht, andauernde Bewusstheit, als eine kennzeichnende Verwirklichung. Turiya, der bezeugende Atman, ist der Zeuge all der verschiedenen Zustände.

Der Inhalt der Zustände wird von den Stufen bereitgestellt. Wenn ein Säugling - wir nehmen Spiral Dynamics als ein Beispiel - sich auf der purpurnen Ebene befindet, dann werden - unabhängig vom jeweiligen Zustand - die jeweiligen Inhalte durch diese Stufen geformt. Ein Säugling im Traumzustand kann purpurne Bilder haben, er hat jedoch keinen orangen, grünen, gelben oder türkisen Gedanken. Im Traumzustand hat das Neugeborene keinen physischen Körper - es hat lediglich den subtilen Körper. Selbst wenn das Neugeborene - als ein Beispiel - sich auf der purpurnen Stufe befindet, und daher lediglich über eine purpurne Kognition verfügt, befindet es sich in einem Traumzustand, wenn es träumt, und in diesem Zustand hat es purpurne Bilder.

In diesem Zustand können Heilung, Wiederherstellung usw. stattfinden, das streite ich überhaupt nicht ab - das ist eine klassische Art einer oben rechts (OR) Betrachtung des Traumzustandes - ich bestreite das keineswegs -, aber die Frage ist, in was für einem Zustand befindet sich jemand, der sich - im Traumzustand - auf der purpurnen, roten oder blauen Stufe befindet - ist das ein spiritueller Zustand? Das hängt davon ab, was man unter "spirituell" versteht! Wenn man darunter versteht dass man keinen physischen Körper hat, herumfliegen kann und das Physische bis zu einem gewissen Grad transzendiert, dann ist es ein spiritueller Zustand.
Ist das transpersonal? Ich würde es nicht als eine transpersonale Stufe bezeichnen, überhaupt nicht, weil wir die transpersonalen Stufen als türkis oder höher betrachten - und nicht purpur oder rot. Ein Säugling im Traumzustand ist daher definitiv nicht auf einer transpersonalen Stufe, und das ist es was ich schon immer sage. Viele Kinder haben jedoch diese Erfahrungen des Einssein mit der Natur, oder erfahren ein intensives Licht und Seligkeit - ist das spirituell? Es ist eine mögliche Definition von spirituell, ja, Kinder haben "spirituelle" Zustände. Manche Menschen verwenden "spirituell" und "transpersonal" gleichbedeutend, ich bin da sehr vorsichtig. Aber wenn man das so definiert, wie wir es gerade gesagt haben, ja, dann hat ein Kind eine transpersonale Gipfelerfahrung. Aber es hat damit keine transpersonale Stufe erfahren.

Ich denke wir können durch die Berücksichtigung all dieser Variablen die Dinge viel differenzierter betrachten, sehr sorgfältig definieren, was wir meinen, und dann weiter voranschreiten. Ich würde also niemals sagen, dass das Subtile ein transpersonaler Zustand ist und damit basta! Das ist ganz sicher falsch. Und all dies erlaubt uns dieses wirklich wundervolle Zusammenspiel zwischen Zuständen und Stufen zu betrachten. Phänomenologisch liegt der Grund für diese Betrachtung durch die Traditionen - wie schon gesagt - darin, dass selbst für einen erleuchteten Buddha die Zustände nach wie vor unvereinbar sind. Man kann erleuchtet sein, aber wenn man betrunken ist, dann ist man nicht nüchtern. Es ist eine sehr differenzierte Phänomenologie, die dort erstellt wurde.

Sowohl Vedanta als auch Mahayana und einige der neo-platonischen Schulen haben diese drei nicht aufeinander reduzierbaren Variablen. Sie haben Bewusstseinszustände, welche miteinander unvereinbar sind: Wachen, Träumen, Tiefschlaf; sie haben weiterhin Stufen oder Ebenen des Bewusstseins, die fünf koshas oder die sieben Chakren, und dann haben sie Körper, grobstofflich, subtil und kausal. Dies sind drei unabhängige Variable, sie beziehen sich aufeinander auf eine sehr differenzierte Art und Weise, und all das habe ich in [dem Buch] Integrale Psychologie berücksichtigt. Dies gibt uns eine große Differenziertheit bei der Verfolgung all dieser verschiedenen Veränderungen.

Nimmt man den Ort der Wachheit - turiya bzw. den Zeugen -, und betrachtet dann alle diese Variablen, und verwendet die fünf koshas als ein Beispiel -, von annamayakosha, dem Physischen, zu pranamayakosha, dem Emotional/Sexuellen, zu manomayakosha, dem Mentalen, zu vijnanamayakosha, dem höheren Mental, zu anandamayakosha, transzendentaler Liebe und Seligkeit - dann beginnt Wachheit bei der Identifikation mit der Ebene 1 dieser fünf koshas, eine Verlorenheit im materiellen Bereich. Das Neugeborene hat Zustände des Wachens, des Träumens und des traumlosen Tiefschlafs, aber es befindet sich erst auf beige oder purpur, und das entspricht etwa Ebene 1. Sowohl der Wach- wie auch der Traumzustand haben beige und purpurne Bilder, aber - sozusagen - nichts darüber hinaus.

Mit der Entwicklung von Wachheit bzw. Bewusstheit verschiebt sich der Bewusstseinsschwerpunkt hin zur Ebene 2, was etwa im dem Alter von 3 oder 4 Jahren beginnt, und sich dann bis ins frühe Erwachsenenalter hinzieht. Die Wachheit erstreckt sich jetzt über die Ebenen 1 und 2 - das Kleinkind objektiviert seinen materiellen Körper und identifiziert sich mit der Ebene 2 - wir sprechen hier von Drehpunkten der Selbstentwicklung. Wachheit wurde ausgedehnt, aber bezieht sich immer noch nur auf den Wachzustand - das Kleinkind träumt nicht luzide, aber es ist sich der Ebenen 1 und 2 bewusst, und das kann man nun weiter verfolgen: Ebene 3 der fünf koshas ist manomayakosha, und das bedeutet für Vedanta etwa einen Bereich von purpur über rot zu blau zu orange und zu grün (dies [Spiral Dynamics] ist ein weiter verfeinertes Schema als Vedanta, aber Vedanta hat es auf den Punkt gebracht, was das allgemeine Bild angeht).

Das Individuum hat nun die Ebenen 1 und 2 transzendiert, und ist sich dieser Ebenen als Objekt gewahr, es ist sich des physischen Bereiches bewusst, es ist sich seiner emotionalen Gefühle, Bedürfnisse und Impulse bewusst, es ist mit dem mentalen Bereich identifiziert, und es ist sich aber noch nicht - auf irgendeine zusammenhängende Art und Weise - der höheren Ebenen bewusst, es ist sich nicht - wenn es bei blau ist - grün, gelb, türkis korallenfarben usw. bewusst. Aber es ist nach wie vor eingetaucht in die Zustände des Wachens, Träumens und Tiefschlafes, und hat Zugang zu grobstofflichen, subtilen und kausalen Energien. Mit Ebene 4 ist man sich er ersten drei Ebenen bewusst, Wachheit beginnt sich nun in den Traumzustand hinein auszudehnen, die luziden Träume nehmen zu, möglicherweise auch schon anhaltendes luzides Träumen. Aber der Traumzustand ist dennoch unvereinbar mit dem Wachzustand und umgekehrt, das ändert sich nicht. Mit dem Erreichen von Ebene 5, dem anandamayakosha, kann man alle diese Ebenen objektivieren, Wachheit - mit einem großen "W" - befindet sich jetzt auf der Ebene 5, und das bedeutet, dass man sich der ersten 4 Ebenen bewusst ist, sie transzendiert und aufgenommen hat, und sich Wachheit nun in den kausalen Bereich hinein ausgedehnt hat. Das ist turiya, der kausale Zustand, eine immer gegenwärtige Wachheit im Zustand des Wachens, Träumens und des Tiefschlafes. Der Inhalt dieser Zustände wird durch die Stufen bereitgestellt, auf denen man sich im Laufe dieser evolutionäreren Entfaltung befindet.

02/2004 -mf/mh-