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26.6.2017 : 21:08 : +0200

Ken Wilber über Typologien

(aus: Integral Naked, Typology and Social Evolution Mitschnitt von einem Integral Sustainability Seminar vom 14.9. 06)

Einleitung der IN Redaktion

Ken spricht in diesem Beitrag über die Bedeutung von Typen, dem „fünften Element“ des AQAL Modells, was Typologien einschließt wie maskulin/feminin, Myers-Briggs, das Enneagramm und sogar Astrologie. Das Erlernen dieser Typologien kann, wie Ken erläutert, das Verständnis der Welt um uns herum verfeinern und unsere Aufmerksamkeit schärfen für die unterschiedlichen Muster, die sich auf jeder der Entwicklungsstufen ereignen können. Danach erläutert Ken die Evolution der unterschiedlichen techno-ökonomischen Modalitäten im geschichtlichen Verlauf und wie sie alle ihren Einfluss auf die menschliche Kultur und das Bewusstsein ausübten. 

Transkript

Frage: Ich möchte eine Frage zu den Typen stellen. Ich habe das Gefühl, dass man sich um die Typen des AQAL Modells am wenigsten kümmert. Können Sie mir sagen, worum es bei Typologien geht und warum sie mit aufgenommen wurden?

KW: Erinnern wir uns dabei zuerst daran, dass die fünf AQAL Elemente lediglich die fünf wichtigsten Elemente darstellen. Man kann natürlich noch weitere hinzufügen. Diese fünf sind jedoch unserer Meinung nach das Minimum, das man berücksichtigen sollte, wenn man integral sein möchte. Wir stellen fest, dass üblicherweise 1, 2, 3 oder 4 dieser Elemente nicht berücksichtigt werden.

Viele kennen beispielsweise Myers-Briggs als eine Typologie, die im Business sehr verbreitet ist, und es gibt zwei Arten, wie man Typologien verwenden kann – man kann sie zum einen auf sich selbst anwenden, oder auf andere Menschen, oder Außenweltsituationen, d. h. mit welchem Typ von Mensch oder Situation (Ökosysteme, Wettersituationen, evolutionäre Strömungen usw.) hat man es zu tun. Typologien können sehr wichtig sein, wenn man seinen Blick auf bestimmte Menschen [oder Situationen] oder auch auf sich selbst schärfen möchte. Manche Menschen finden das Enneagramm sehr nützlich. Wer von euch [an die Zuhörer gewandt] kann damit etwas anfangen? [etwa ein Viertel bis ein Drittel der Teilnehmer hebt die Hand]. Speziell diejenigen Modelle, die auf Forschung beruhen, aber auch jedes andere Modell kann hilfreich sein und zur Anwendung kommen. Wenn man feststellt, dass jemand sich auf einer bestimmten Entwicklungsebene befindet, auf orange beispielsweise, dann sagt das nicht viel mehr aus als eben diese Entwicklungshöhe. Doch es gibt alle möglichen Arten von Menschen auf dieser Entwicklungsebene. Wenn man seine eigenen Fähigkeiten, sich mit jemandem auszutauschen, verfeinern will, können Typologien sehr wertvoll sein, indem man beispielsweise das Enneagramm verwendet.

Dies ist auch ein klassisches Beispiel dafür, dass man das AQAL System auf die unterschiedlichsten Bereiche anwenden kann. Es gibt dabei Bereiche, für die ich das nicht verwenden würde, aber wenn andere das machen möchten, ist das OK. Viele setzen das AQAL Modell beispielsweise für Astrologie ein, was ich nicht machen würde. Auch im Bereich Psychotherapie sind Typologien sehr nützlich, und wir [am I-I] arbeiten auch damit. Es gibt Typologien in allen vier Quadranten.  

Frage: zum Beispiel?

KW: Im oberen rechten Quadranten gibt es Typologien, die sich – am Beispiel der Psychotherapie – mit der Klassifizierung von Störungen der Gehirnchemie bei Geistesstörungen beschäftigen. Davon gibt es sehr viele. (Und natürlich gibt es dabei auch die Tendenz, Psychologie und Psychotherapie insgesamt auf den oberen rechten Quadranten zu reduzieren, d. h. auf Störungen der Gehirnchemie. Diese Störungen spielen natürlich eine bedeutende Rolle, aber sie ändern beispielweise nichts daran, welche Art von Gedanken man denkt. Wenn man negative und dumme Gedanken hat, und dann Prozac [ein Antidepressivum] einnimmt, dann hat man entspannte negative und dumme Gedanken. Daran ändert sich überhaupt nichts. [Lachen] Man muss also beides machen, zum einen die Reparaturarbeiten im Physischen, dem Grobstofflichen, Subtilen und Kausalen, und zum anderen sich mit der Art, wie man denkt und fühlt, – die linksseitigen Quadranten – beschäftigen).

Im unteren rechten Quadranten finden wir Typen techno-ökonomischer Strukturen, in denen man sich befindet, und auch jede Entwicklungsabfolge kann man als eine Typologie betrachten. Man kann beispielsweise Spiral Dynamics als eine Typologie verwenden und z. B. sagen, dass jemand überwiegend „ein roter Typ“ ist. Das wird oft gemacht. Es geht im unteren rechten Quadranten auch um Typen von Praktiken, und das war etwas, was Karl Marx verfolgte. Jemand, der sich heute sehr damit beschäftigt, ist Gerhard Lenski, und wir arbeiten [am I-I] damit. Er war übrigens derjenige, der die mittlerweile allgemein akzeptierte Entwicklungsabfolge von Jagen und Sammeln, Gartenbau, Ackerbau, industriell und informationell einführte, mit maritimen Subtypen ... [KW spricht über den großen Einfluss einer jeweils bestehenden Produktionsweise auf das individuelle und kollektive Bewusstsein und das Geschlechterverhältnis]. Dies führte Karl Marx zu der Vorstellung, dass der untere rechte Quadrant alles bestimmt. Seine sehr berühmte Aussage dazu ist: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Man kann verstehen, wie er zu dieser Vorstellung gelangt ist, doch natürlich gibt es noch viele andere Dinge, die einen Einfluss haben. Der untere rechte Quadrant wird durch das Bewusstsein (oben links) individueller Menschen gestaltet. Eine individuelle Idee verkörpert sich, und wird dann ein Bestandteil eines techno-ökonomischen Modus. Als James Watt die Idee von einer Dampfmaschine hatte, erzählte er diese einigen wenigen Menschen, die dann eine derartige Maschine bauten, woraus sich dann (auch) die industrielle Revolution entwickelte. Diese eine Idee, die er hatte, hat wahrscheinlich einen größeren Einfluss auf Männer und Frauen gehabt als jede andere Idee. Es sind die individuellen Ideen, die den Planeten gewissermaßen am Laufen halten. Von Winston Churchill gibt es eine Aussage der Art: „Wir haben unsere Häuser erschaffen, und dann haben unsere Häuser uns erschaffen“.  Etwa so kann man sich das vorstellen. Wir schaffen etwas, was dann einen prägenden Einfluss auf alle nachfolgenden Generationen ausübt, einen ganz außerordentlichen Einfluss. Das Informationszeitalter machte dann den Pluralismus möglich. Grün und das Informationszeitalter gehören also zusammen, Orange und das industrielle Zeitalter entstanden gemeinsam, ebenso wie Bernstein und die Ackerbaukultur. Das gleiche gilt für Rot und Gartenbau ...