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24.7.2017 : 12:27 : +0200

Typologischer Absolutismus

Michael Habecker

Wie den anderen Elementen des integralen Ansatzes bleibt auch den Typen oder Typologien das Schicksals ihrer Verabsolutierung nicht erspart: als Versuch die gesamte Wirklichkeit ausschließlich typologisch zu erklären. Da Typologien das wahrscheinlich älteste Klassifikationssystem der Menschheit sind (das Integrale der Frühzeit gewissermaßen, bei dem auf eine magische Weise alles zusammenpasst), finden wir hier auch die ältesten Beispiele für Absolutismen, wobei wir uns aus heutiger Perspektive vor einer historischen Arroganz hüten sollten. So wie das alte Wissen oftmals die Spitze der Erkenntnis zu seiner Zeit darstellte, so stellt auch unser heutiges Wissen lediglich eine Momentaufnahme unserer besten Möglichkeiten dar, die später, aus der Perspektive der uns Nachfolgenden, als überholt – und vielleicht auch in anderer Weise absolutistisch – bezeichnet werden muss.

Kurz vor der Zeitenwende entstand in China unter der Leitung von Liu An (180 – 122 v. Chr.) das Huainanzi[1], ein klassisches Werk der chinesischen Philosophie. Es behandelt vielfältige Themen wie alte Mythen, zeitgenössische Regierungskunst, didaktische historische Anekdoten, Astronomie, Philosophie, Metaphysik und Mystik. Die kosmologischen Spekulationen des Huainanzi sind die des Daoismus: Das Ursprungsqi soll sich in ein reines und klares Qi, das den Himmel bildet, sowie ein dunkles und schweres Qi, das die Erde bildet, geteilt haben, als ein erster typologischer Scheideweg. Darüber hinausgehend zeigt das Werk Einflüsse des Yijing, der Yin und Yang-Schule und der Schule der Fünf-Elemente Lehre, und vereinigt somit gleich drei typologische Systeme.

Obwohl das Werk zu großen Teilen von Politik und Staatsangelegenheiten handelt, enthält es auch Ausführungen zu naturwissenschaftlichen und spirituellen Themen und stellt in Bezug auf diese Themen das umfassendste der daoistischen klassischen Werke dar. Der Heilige des Huainanzi bringt die Erfordernisse der mystischen Spiritualität und die Erfordernisse eines politischen Lebens miteinander in Einklang und ähnelt dem konfuzianischen Bild des Edlen (Junzi), der ein Stifter kosmischer Ordnung ist. Der Heilige des Huainanzi ist eine Verkörperung des Dao und er gleicht somit diesem, das in allem enthalten ist und ein Universalprinzip darstellt. Gemäß dem Huainanzi ist die politische Herrschaft denselben Mustern unterworfen, welche die Natur regieren. Herrschaft erscheint so als Ausdruck der daoistischen Konzeption des Kosmos und unterliegt denselben Prinzipien.

In dem Buch Ideen von Peter Watson beschreibt der Autor auf über 1000 Seiten die Entwicklungsgeschichte der Ideen der Menschheit, als eine „Kulturgeschichte von der Entdeckung des Feuers bis zur Moderne.“ Dabei kommt er auf das im Huainanzi beschriebene Weltbild wie folgt zu sprechen:

So steht es zum Beispiel im circa 139 v. d. Z. verfassten Huainanzi, dass „ ... die Rundheit des Kopfes gleich der des Himmels und die Rechteckigkeit des Fußes gleich der der Erde“ sei. Dem Himmel seien „vier Jahreszeiten, fünf Stadien, neun Teilstücke und dreihundertsechsundsechzig Tage gegeben. Dem Menschen sind vier Gliedmaßen, fünf Eingeweide, neun Körperöffnungen und dreihundertsechsundsechzig Gelenke gegeben ... Am deutlichsten kam dieses Weltbild in der Lehre von den fünf Elementen oder Stadien zum Ausdruck: Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde. Diese elementare „Fünfheit“ spiegelte sich in allem, ob in den fünf Planeten (alle, die damals erkennbar waren), den fünf Grundfarben, fünf Richtungen, fünf Tönen, fünf Straßen und noch jeder Menge von weiteren „Fünfen“. Wo Übereinstimmungen schwierig herzustellen waren, erfanden die Chinesen Hilfsmittel ...“ (aus: Ideen, Peter Watson, S. 322)

Wir Heutigen können die großen Erkenntnisse, welche uns die Typen geben können, würdigen ohne mit ihnen alles erklären zu wollen. Typen sind ein zentraler Pfeiler des integralen Bauwerkes. Sie entfalten ihre volle Wirkung jedoch erst, wenn sie im Zusammenhang mit den Quadranten, der Entwicklung und den Zuständen gesehen werden können.


[1] Die folgenden Hinweise zum Huainanzi entstammen einem Wikipedia Beitrag.


Quelle: Online-Journal Nr. 23