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27.3.2017 : 14:40 : +0200
v.l.n.r: Hilde Weckmann (European Integral Academy, Salon Berlin), Monika Frühwirth (Salon Wien, Redaktionsleitung), Ken Wilber, Andreas Lorenz (ISBerlin), Ricarda Wildförster (iMove und Nexus) sowie Dirk Püschel (FG Spiritualität und Businessgruppierung Nexus)

10 Tage Höhenluft in Denver und Boulder

Monika Frühwirth

In 1600 m Höhe liegen Denver und Boulder dem Himmel etwas näher als Wien, gleißendes Sonnenlicht und ein unendlich weiter tiefblauer Himmel prägten die 10 Tage. Das weite, dürre Prärieland wird von einer überraschend großen Zahl an Getier bevölkert, in Boulder wurde während unseres Aufenthalts ein junger Berglöwe in einem Hausgarten eingefangen. Elche, Dammwild, Büffel frei im Nationalpark der Rockies, die putzigen Erdmännchen, die entlang der Autobahn auf ihren kleinen Erdhügeln Wache halten. Alles umrahmt von den noch bis ins Tal herunter verschneiten Bergen.

Da ich bereits in den 70ern zehn Jahre an der Ostküste in New York gelebt hatte, fiel mir vor allem die große Freundlichkeit hier im Mittelwesten auf, mit der man einander begegnet. Sorgsam wird der Raum des anderen gewahrt, dauernde Entschuldigungen, wenn jemand deinen Weg kreuzt oder mehr als ein Meter nahe an dich herankommt. Was vielleicht noch darin begründet sein mag, dass hier früher einmal meist mit einem Revolver Freiraum geschaffen wurde.

Denver und Boulder liegen zwar nur 30 Meilen von einander entfernt, der Kontrast könnte jedoch nicht größer sein. Hier urbane Geschäftigkeit, die spiegelnden und reflektierenden Türme der Hochhäuser, der kühne Schwung des neuen Kunstmuseums, das im Oktober eröffnet wird, dekonstruktivistisch konzipiert. Die goldene Kuppel des Regierungssitzes bleibt seit dem Desaster des 11. September 2001 in New York weiterhin für Besichtigungen geschlossen. Elegante Chauffeure warten vor den Hotels auf ihre Dienstgeber, an der Ampel daneben der Kriegsveteran aus dem Vietnamkrieg im Rollstuhl, der die Autofahrer anbettelt.

Boulder hingegen wacht gegen 10 Uhr morgens auf, eine Studentenstadt, meist einstöckige rotbraune Häuser, die namensgebende Farbe Colorados, auch von den Felsen reflektiert. Viele erstklassige Restaurants verlocken zum Essen ? als entertainment und Kulthandlung. Wobei die Frauen offenbar schlank bleiben, indem sie auch im teuersten Essen nur herumstochern.

Sowohl in Denver als auch in Boulder als Zentrum eine Fußgängerzone, begrünt, in Boulder von Coffeeshops und Boutiquen gesäumt. In Denver ist sie über einen Kilometer lang und ist daher auch mit einem Gratisbus, der alle 90 Sekunden (!) an jedem Block Station macht, bequem befahrbar. Der Bus wird mit alternativem Treibstoff umweltschonend betrieben. Ansonst ist jedoch weiterhin nicht viel von Umweltbewusstsein zu merken, der Plastikverbrauch ist gigantisch. Immerhin, die allgegenwärtigen Kaffeebecher sind aus Papier und Wasserflaschen kann man nicht nur an der Naropa Universität immer wieder allerorts an den großen Behältern nachfüllen.

Die vier Vorstandsmitglieder unserer Gruppe Andreas (ISBerlin), Dirk (FG Spiritualität und Businessgruppierung Nexus), Hilde (European Integral Academy, AK Berlin) und ich, sowie Ricarda (iMove und Nexus), waren durch Dennis und Stefanie bereits vorgewarnt: Das Integrale Institut ist ein ebenerdiges Gebäude, kein Hinweis außen angebracht, ein großer Raum mit verspiegelter Wand, in dem ringsum Schreibtische mit Computern stehen, auf dem Boden Meditationsmatten, ein kleiner Konferenzraum, ein weiterer Raum voll technischem Gerät, selbst im Vorraum sitzen zwei web wizards an ihren PCs und basteln an Programmen. Zumeist sind alle in einer der vielen virtuellen Konferenzschaltungen.

Huy Lam aus dem Viererführungsteam des I-I lud uns zum Lunch ein, und mit Rich Fegley konnten wir dann am zweiten Tag allmählich Einblick in die neuen Strukturen des I-I erhalten. Ein eben erst erstelltes Organigramm zeigte, dass der von Wilber noch im Interview im September 2005 aufgestellte Ansatz, einfach zuzusehen, was die jungen Integralen so auf die Beine stellen, doch nicht so ganz zielführend war, und nunmehr mit deutlich auch hierarchischen Strukturen ergänzt worden ist. Das Sociocracy genannte Modell nach Brian Robertson bringt nun allmählich effektive Zusammenarbeit, Kommunikation und Gemeinschaftsgefühl (mehr dazu in integrale perspektiven 05, Jänner 2007). Für uns als IF Vorstand war es eine erfreuliche Bestätigung, dass unser Vorgehen in Bergerried, um eine effektivere Kommunikationskultur zu erreichen wenn auch mit anderer Methodik, zu ähnlichen Ergebnissen führte.

Bei meinem Lunch mit Jeff Salzman, einem weiteren Mitglied der Geschäftsführung des I-I, zu dessen Aufgabenbereich Events und Coaching workshops gehört, konnten wir übereinstimmend feststellen, wie ähnlich sich die Dinge auf beiden Seiten des Atlantiks entwickeln und auch unsere bereits von Dirk und Ricarda erarbeiteten Vorstellungen einer AQAL Qualifizierung einfließen lassen. Auch die Aufgabe der Bildung einer (auch weltweiten) integralen Vernetzung wurde erst im Jänner mit Gail Taylor besetzt, zu der wir dann bei einem Abendessen rasch einen höchst persönlichen, herzlichen Draht fanden. Auch in Punkto Gemeinschaft sind wir im IF durch vermehrte Frauenpower in den letzten 6 Jahren durchaus schon weiter gekommen und werden uns freuen, Gail zu unterstützen.

Nomali Perera nahm uns nach einer Präsentation der fortgeschrittenen Stufe des 3-2-1 Schatten Prozesses durch Willow Pearson an der Naropa Universität auf die "Pilgerfahrt" zu Wilbers ehemaligem Wohnsitz in den Bergen mit, wo uns vor allem die ins rote Urgestein eingelassene Bibliothek faszinierte.

Das erste Treffen der gesamten "Delegation" mit Wilber fand dann im tiefgekühlten, weiträumigen Loft in einer ehemaligen Getreidemühle hoch über Denver statt. Mit mehreren Mitgliedern des I-I anwesend gab sich Wilber - ganz in Weiß - sehr offiziell, erwärmte sich jedoch sichtlich für die mitgebrachte Nummer 1 der integralen perspektiven , deren Titelbild (kreiert von Uwe Schramm, ISBerlin) er für eines seiner nächsten Bücher möchte. Und fragte gleich besorgt, was wir denn da - auf der zweiten Seite mit Purpur hinterlegt - von ihm zitieren? Wir konnten ihn beruhigen, dass wir nur den O-Ton bringen und er erklärte spontan, dass die Zeitschrift das Gütesiegel "Freunde des Integralen Instituts" (Integral Friends) tragen könne, was sie seit Nr. 2 - Schwerpunkt Integrale Kunst - somit auch führt.

Aus diesem Gespräch blieb bei mir u.a. Wilbers Ausspruch hängen, dass man zwar alle workshops und Test des Integralen Instituts durchlaufen könne und dennoch dadurch noch lange nicht garantiert sei, dass auch wahrhaft integrales, umfassendes Sein gelebt wird.

Wir unterhielten uns insgesamt drei Stunden lang - Details in Dirk Püschels Bericht.

2. Besuch

Besonders erfreulich, da sehr persönlich, verlief dann mein zweiter halbstündiger Besuch im Loft, den Wilber kurz vor meinem Abflug am letzten Vormittag in Denver noch ermöglichte. Da zeigte sich ein völlig anderer Mann, im petrol(!)farbenen Batik T-Shirt, vital und voll power, stand er sofort auf, bot - trotz meines Namasté Grußes - eine Umarmung an, erzählte, was ihn derzeit beschäftigt - vor allem die Affäre um Marc Gafni, die zu einem Politikum ausartet und seiner Meinung nach auch dem I.I. indirekt allmählich schadet. Wir kamen auch auf seinen Platz in den Bücherregalen u.a. von Barnes & Noble in Denver zu sprechen, wo er hin und da sogar Bücher signiert: Immer noch steht sein Werk unter New Age. Doch meinte er schlau, dass eben 40% seiner Laufkundschaft aus dem New Age komme.

Als ich im Zusammenhang mit authentisch integralen Büchern das in der ip 01 besprochene Buch von Mirko Weinreich über Integrale Psychotherapie erwähnte, blätterte er gleich in der ip, die auf dem Schreibtisch griffbereit lag, fragte, ob es dieses Buch sei, sprang dann auf, hockte sich vor einen Wandkasten und suchte danach. Kurz, der Eindruck seiner körperliche Verfassung war deutlich besser als beim ersten Besuch, bei seinem anschließenden Termin mit seiner Physiotherapeutin schilderte er ihr allerdings seine - nach dem schweren Sturz immer noch vorhandenen - Beschwerden beim Gehen. Und hofft, dass er doch eine weitere schwere Operation an seiner rechten Schulter durch die Physiotherapie vermeiden kann.

Bei der Abschiedsumarmung stieg ich ihm leicht auf seine bloßen Zehen, was jedoch nicht im übertragenen Sinn zu sehen ist, auch wenn er davor etwas defensiv geklungen hatte, als er seine feste Absicht bekundete, eine globale türkise Gemeinschaft zu schaffen, das I-I als einen Spielplatz für second tier Denken, egal ob er dadurch als arrogant, elitär oder sogar faschistoid gesehen werden kann.

Von den Jungen am I-I wurde ich am letzten Abend zum Rockkonzert der Gruppe LIVE eingeladen, dem ersten in meinem Leben, daher nahm ich vorsorglich Ohrstöpsel mit. Die Bass Vibrationen bearbeiteten jedoch nicht nur das Trommelfell, sondern genau das Herzzentrum - es war somit mehrfach für mich eine das Herz weitende, eine herzwärmender Reise.

mf 6-2006