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24.8.2017 : 6:50 : +0200

Ken Wilber in der Diskussion

Diskussions-Panel u.a. mit Frank Visser (2.v.l.) auf der ITC 2010

Der Niederländer Frank Visser hat es sich zur Aufgabe gemacht, Wilber Kritikern weltweit auf der www.integralworld.net ein Forum einzurichten. Dabei reicht das "Spektrum der Wilber Kritiker" von "stark positiv" (im Sinne von zustimmend) bis "stark negativ" (im Sinne von ablehnend),  siehe die Tabelle unter folgendem Link:  http://www.integralworld.net/visser11.html

Wenn man sich eine Überblick über (vor allem, aber nicht ausschliesslich) inhaltliche Kritik an Wilbers Werk verschaffen möchte, dann ist die Visser Page ein guter Einstieg. Dies sagt jedoch noch nichts über die Qualität der dort geäußerten Kritik aus. Vieles von dem was dort geäußert wird basiert unserer Meinung nach auf ungenauen Wiedergaben von dem was Wilber schreibt, aber in jedem Fall ist es aus mindestens zwei Gründen wichtig sich mit der Kritik an Wilbers Werk (und auch seiner Person) auseinanderzusetzen, und zwar

a) im Rahmen einer kritisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, und

b) als einen Teil eigener Schattenarbeit, im Sinne von "warum regen mich Wilber Kritiker oder Wilber-Kritik auf?"

Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:

Wie kritisieren? Die Rolle des Ungläubigen Thomas

Wie kritisieren? Die Rolle des Ungläubigen Thomas

von Mark Edwards

(Quelle: IP 1, 2006)

An einem Abend in Niederursel hatte ich eine (zumindest für mich) wunderbare Diskussion mit Monika Frühwirth und Dennis Wittrock.

Unter anderem kamen wir auf das Thema der Kritik zu sprechen, und wie das Etikett „Wilber Kritiker“ innerhalb der integralen Gemeinschaften verwendet wird. Monika ersuchte mich, einige meiner Gedanken zu diesem Thema niederzuschreiben. Aus meiner Sicht spielt Kritik in der Wissensbewertung in allen Bereichen des Lebens eine fundamentale Rolle. Und als Folge daraus unterstützen gesunde Gemeinschaften aller Art Foren für Kritik und für den Produktionsprozess von kritischen Analysen. Wenn wir die Entwicklung kritischer Stimmen nicht unterstützen oder wenn wir Kritik entmutigen oder ignorieren, dann berauben wir uns einer Chance, größere Einsicht darin zu erlangen, was wir sind, wofür wir stehen und was wir als wahr, gerecht, gut und schön in der Welt ansehen. Ich glaube auch, dass es besonders bedeutsam ist für jene, die sich für integrale Ansätze engagieren, um zu verstehen, wie rationale und wissenschaftliche Kritik zu der Emergenz der integralen Disziplinen und ihren Theorien, Methoden und Praktiken beitragen kann.        m. e.

Einführung

Ken Wilber hat mehrfach seine Ansichten darüber dargelegt, wie Kritik an seine Werken angelegt werden soll (so zum Beispiel auf der Shambala website, der Frank Visser Website und den vielen Antworten auf Kritiker im Laufe der Jahre). Bei vielen seiner Ansichten gegenüber Kritik stimme ich mit Wilber überein (z. B. dass viele Kritiker seine Arbeit ganz einfach nicht verstehen), aber ich stimme bei vielen anderen seiner Ansichten auch nicht überein (z. B. dass ein Kritiker in direktem Kontakt mit Ken sein müsse, um sein Werk wirklich zu verstehen – siehe auch meine Antwort auf Kens Anliegen auf Visser Webseite). Im Folgenden möchte ich einen etwas anderen Aspekt dieses „Wilber-Kritiker“-Themas erörtern und die Diskussion dahin erweitern, indem ich die Rolle von Kritik generell beleuchte.

Ich stelle folgende Fragen: Welche Rolle könnte Kritik bei der Entwicklung der integralen Vision spielen? Wie sollten die verschiedenen integralen Gemeinschaften „die Kritik“ sehen und damit umgehen?

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Diskussion / Kritik auf der ITC 2010

Zu Steve McIntoshs Wilber Kritik

Zu Steve McIntoshs Wilber Kritik

Steve McIntosh auf einem Vortrag in San Francisco

Michael Habecker

In seinem in Kürze auch auf Deutsch erscheinenden Buch Integrales Bewusstsein: Wie die integrale Weltsicht Politik, Kultur und Spiritualität transformiert (Phänomen Verlag) erläutet der Autor seine Sicht von Integralität. Dabei formuliert er auch, neben seiner Bewunderung für Ken Wilber, Kritikpunkte an dessen Werk, von denen eine längere Passage hier besprochen werden soll[1]

Der Verlag kündigt diese Kritik wie folgt an: „Doch noch mehr als das liefert McIntosh eine höchst wichtige Kontextualisierung und von persönlicher Idiosynkrasie freie Kritik an dem führenden Autor der Integralen Bewegung, Ken Wilber, was dabei hilft, die Integrale Philosophie als Ganzes einem größeren Publikum zugänglich zu machen und die Bedeutung, Funktion und Tiefe der Integralen Philosophie zu verstehen.“

Schauen wir uns diese Kritik anhand des Appendix B des Buches (S. 329 f.) näher an. Dazu brauchen wir einige Vorabinformationen betreffen Wilbers Holon Theorie. (Ein Holon ist nach Wilbers Definition ein Teil/Ganzes von was auch immer). Wilber unterscheidet vier Arten unterschiedlicher Kategorie von Dingen oder Entitäten[2]:

a)     individuelle Holons

b)    soziale Holons

c)     Haufen

d)    Artefakte

Individuelle Holons sind „empfindenden Wesen“ wie Menschen, Tiere, Pflanzen, usw. bis – nach Wilber –  ganz nach unten zu den subatomaren Teilchen, denn „wo ein Außen ist, ist auch ein Innen, und umgekehrt“.

Soziale Holons sind Gemeinschaften individueller Holons, also Beziehungen, Nationen, Herden, Vogelschwärme, Korallenriffe, auch wieder – nach Wilber – bis ganz nach unten, denn „wo ein Individuelles/Ich ist, da ist auch ein Kulturelles/Wir, und umgekehrt“.

Artefakte sind materielle oder immaterielle Produkte individueller und sozialer Holons wie Kommunikationssysteme, Sprache, Vogelnester, Häuser usw.

Haufen sind lose Zusammentreffen von Dingen wie ein Blätterhaufen oder eine Wasserpfütze.

Diese vier Entitäten lassen sich nun unterscheiden hinsichtlich ihrer Teil/Ganzes Beziehung, oder hinsichtlich dessen was „Bewusstseins“ jeweils  bedeutet. Die Teil/Ganzes Beziehung ist für ein individuelles Holon ist am stärksten. Wilber verwendet dafür das Beispiel eines Hundes der sich entscheidet von A nach B zu laufen, und alle seine Zellen müssen mit. Individuelle Holons haben ein Ich-Bewußtsein und eine Intentionalität (das sich nach unten auf der Entwicklungsskala immer weiter gewissermaßen verdünnt). Bei sozialen Holons gibt es kein Ich-Bewußtsein, sondern die Bewusstheit ist auf die am sozialen Holon beteiligten Mitglieder verteilt, sie ist inter-subjektiv, und Wilber spricht von einem „Nexus“. Dieser Nexus kann sehr stark ausgeprägt sein, und von den Individuen als Gruppendruck empfunden werden, doch das Individuum hat, anders als die Körperteile des Hundes, immer noch die Wahl, teilzunehmen oder nicht.

Ein Artefakt als Ganzes besteht auch aus den Teilen aus denen es zusammengesetzt ist, doch hier gibt es weder ein Ich-Bewußtsein noch eine Intersubjektivität. Was hinsichtlich eines Artefaktes an Bewußtheit existiert, ist die Intention der inviduellen und sozialen Holons, die zu seiner Erschaffung geführt haben, also die Intention der Vogeleltern ein Nest zu bauen, oder die Intention der Mitglieder einer Gemeinschaft zu kommunizieren und Sprache zu schaffen.

Bei einem Haufen, der auch aus seinen „zusammengewürfelten“ Einzelteilen besteht, existiert keine Bewusstheit und keine Intentionalität, außer der die den Gesetzmäßigkeiten innewohnt, die den Haufen gebildet haben (der Windstoß der zum Blätterhaufen führt).

So weit eine Kurzfassung  meines Verständnis dieser vier von Wilber eingeführten Kategorien.

Steve McIntosh beginnt im Appendix B seines Buches mit der Würdigung von Wilbers Quadranten-Modell. Er formuliert dann als Kritik die Aussage:

„ ... enthält das Quadranten-Modell bestimmte Verzerrungen und Schwächen, die verhindern, dass es als zentrale Grundlage des Wirklichkeitsrahmens der integralen Philosophie dienen kann. Wie durch die Argumente in diesem Appendix gezeigt werden wird, erhöht Wilbers Modell die von Menschen geschaffenen Artefakte auf eine Ebene mit natürlichen Holons, weil er auf einem besonderen „interobjektiven“ äußeren Bereich natürlich entstehender holonischer Systeme in der sozialen Evolution des Menschen besteht.“ 

Diese Aussage enthält wesentliche Grundannahmen von McIntosh über Wilbers Arbeit, die eine nähere Betrachtung verdienen, da der Autor auf ihnen seine weitere Argumentation aufbaut.

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Bitte Lächeln - Wilber über Polemik und Kritiker

Bitte Lächeln

Wilber über Polemik und Kritiker 

Shambhala: Diese Abgrenzung zur transpersonalen Bewegung scheint ein Teil einer größeren Bewegung in ihrer gesamten theoretischen Arbeit zu sein. Indem Sie mehr und mehr Bereiche in einem integralen Ansatz "transzendieren und einschliessen", scheint für Sie immer mehr die Notwendigkeit zu bestehen, sich von engeren und weniger umfassenden Ansätzen zu unterscheiden. Bei ein paar Gelegenheiten in ihren späteren Schriften tun sie dies in polemischer Form, was uncharakteristisch für ihr Werk als Ganzes ist. Denken Sie an eine Überarbeitung dieser Passagen?

KW: Die polemischen Anmerkungen in Eros, Kosmos, Logos?

Shambhala: Ja. Warum haben sie diese in das Buch mitaufgenommen? Es gibt Gerüchte, dass die polemischen Anmerkungen in der Entwurfsfassung nicht enthalten waren.

KW: Das ist richtig, sie waren dort nicht enthalten. Ich bin durch einen sehr schwierigen Entscheidungsprozess hindurchgegangen, ob ich sie aufnehmen sollte oder nicht. Ich habe über ein dutzend Freunde und Kollegen befragt. Die Empfehlung lautete beinahe einmütig, die Anmerkungen in das Buch aufzunehmen. Die Idee dahinter war, das Feld wachzurütteln und den Prozess der Differenzierung zu beginnen (auf dem Weg zu einer höheren Integration). Roger Walsh unterrichtete zu dieser Zeit ein Seminar an der University of California, Irvine, und er verwendete den zweiten Entwurf von EKL als einen Text für die Klasse - denjenigen mit den polemischen Anmerkungen - und so konnte ich diese Studenten als eine Testgruppe sehen. Nach dem Ende des ersten Kapitels war die Gruppe beinahe einstimmig dafür, die Anmerkungen herauszunehmen - sie waren zu provozierend. Doch am Ende des Buches stimmten sie - wieder beinahe einmütig - dafür, die Anmerkungen zu belassen - sie erkannten genau, was mein Anliegen war. Das war sehr interessant. Und am Ende entschied ich mich dafür, die Anmerkungen im Buch zu lassen.

Shambhala: Was war dann Ihr Anliegen? Erklären Sie uns das bitte.

KW: Nun, es gibt verschiedene Wege, um das zu erklären (oder, wie meine Kritiker sagen würden, es zu rationalisieren), doch am einfachsten geht es mit Verwendung von Spiral-Dynamics [für eine kurze Erläuterung von Spiral-Dynamics siehe hier]. Einfach gesagt, dienten diese Anmerkungen dazu, das grüne Mem [des ersten Ranges] vom zweiten Rang [second-tier] zu unterscheiden. Also: die Anmerkungen waren eine Kritik vom zweiten Rang aus an dem grünen Mem des ersten Ranges, mit der Absicht, den Lesern die Unterscheidung zu erleichtern - Leser konnten so klar erkennen, mit welchem Mem sie sich identifizierten: grün oder türkis. Und die Antworten die ich bekam machten es sehr deutlich, aus welcher Richtung die Menschen kamen: entweder eine sehr wütende grüne Reaktion, oder eine sehr verständnisvolle türkise Zustimmung. Grün schoss zurück, mit der gleichen Bösartigkeit meiner Attacke, was im Grunde ziemlich "cool" war ;und türkis schrieb mir tonnenweise Lob und Zustimmung. Das Thema wurde aus diesem Grund sehr kontrovers diskutiert, mit massivem grünen Ärger und gleichermaßen großem türkisem Lob. Gleichzeitig war dies ein Wendepunkt für diesen Bereich, weil niemand jemals wieder annehmen würde, dass grün und türkis dem gleichen Lager angehören  - es sind dies zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen an Themen wie Bewusstsein, Geschichte, Wirklichkeit und Spiritualität. Natürlich, nach Spiral-Dynamics wird grün von türkis transzendiert und eingeschlossen, ein Standpunkt, den ich immer vertreten, und in den Anmerkungen auf die Spitze getrieben habe, und genau darauf hat grün so verärgert reagiert. Doch all dies wurde erst durch die Anmerkungen sichtbar, und ich glaube nicht, dass ich dies auf eine andere Art hätte erreichen können.

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