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15.12.2017 : 1:45 : +0100

Bitte Lächeln

Wilber über Polemik und Kritiker 

Shambhala: Diese Abgrenzung zur transpersonalen Bewegung scheint ein Teil einer größeren Bewegung in ihrer gesamten theoretischen Arbeit zu sein. Indem Sie mehr und mehr Bereiche in einem integralen Ansatz "transzendieren und einschliessen", scheint für Sie immer mehr die Notwendigkeit zu bestehen, sich von engeren und weniger umfassenden Ansätzen zu unterscheiden. Bei ein paar Gelegenheiten in ihren späteren Schriften tun sie dies in polemischer Form, was uncharakteristisch für ihr Werk als Ganzes ist. Denken Sie an eine Überarbeitung dieser Passagen?

KW: Die polemischen Anmerkungen in Eros, Kosmos, Logos?

Shambhala: Ja. Warum haben sie diese in das Buch mitaufgenommen? Es gibt Gerüchte, dass die polemischen Anmerkungen in der Entwurfsfassung nicht enthalten waren.

KW: Das ist richtig, sie waren dort nicht enthalten. Ich bin durch einen sehr schwierigen Entscheidungsprozess hindurchgegangen, ob ich sie aufnehmen sollte oder nicht. Ich habe über ein dutzend Freunde und Kollegen befragt. Die Empfehlung lautete beinahe einmütig, die Anmerkungen in das Buch aufzunehmen. Die Idee dahinter war, das Feld wachzurütteln und den Prozess der Differenzierung zu beginnen (auf dem Weg zu einer höheren Integration). Roger Walsh unterrichtete zu dieser Zeit ein Seminar an der University of California, Irvine, und er verwendete den zweiten Entwurf von EKL als einen Text für die Klasse - denjenigen mit den polemischen Anmerkungen - und so konnte ich diese Studenten als eine Testgruppe sehen. Nach dem Ende des ersten Kapitels war die Gruppe beinahe einstimmig dafür, die Anmerkungen herauszunehmen - sie waren zu provozierend. Doch am Ende des Buches stimmten sie - wieder beinahe einmütig - dafür, die Anmerkungen zu belassen - sie erkannten genau, was mein Anliegen war. Das war sehr interessant. Und am Ende entschied ich mich dafür, die Anmerkungen im Buch zu lassen.

Shambhala: Was war dann Ihr Anliegen? Erklären Sie uns das bitte.

KW: Nun, es gibt verschiedene Wege, um das zu erklären (oder, wie meine Kritiker sagen würden, es zu rationalisieren), doch am einfachsten geht es mit Verwendung von Spiral-Dynamics [für eine kurze Erläuterung von Spiral-Dynamics siehe hier]. Einfach gesagt, dienten diese Anmerkungen dazu, das grüne Mem [des ersten Ranges] vom zweiten Rang [second-tier] zu unterscheiden. Also: die Anmerkungen waren eine Kritik vom zweiten Rang aus an dem grünen Mem des ersten Ranges, mit der Absicht, den Lesern die Unterscheidung zu erleichtern - Leser konnten so klar erkennen, mit welchem Mem sie sich identifizierten: grün oder türkis. Und die Antworten die ich bekam machten es sehr deutlich, aus welcher Richtung die Menschen kamen: entweder eine sehr wütende grüne Reaktion, oder eine sehr verständnisvolle türkise Zustimmung. Grün schoss zurück, mit der gleichen Bösartigkeit meiner Attacke, was im Grunde ziemlich "cool" war ;und türkis schrieb mir tonnenweise Lob und Zustimmung. Das Thema wurde aus diesem Grund sehr kontrovers diskutiert, mit massivem grünen Ärger und gleichermaßen großem türkisem Lob. Gleichzeitig war dies ein Wendepunkt für diesen Bereich, weil niemand jemals wieder annehmen würde, dass grün und türkis dem gleichen Lager angehören  - es sind dies zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen an Themen wie Bewusstsein, Geschichte, Wirklichkeit und Spiritualität. Natürlich, nach Spiral-Dynamics wird grün von türkis transzendiert und eingeschlossen, ein Standpunkt, den ich immer vertreten, und in den Anmerkungen auf die Spitze getrieben habe, und genau darauf hat grün so verärgert reagiert. Doch all dies wurde erst durch die Anmerkungen sichtbar, und ich glaube nicht, dass ich dies auf eine andere Art hätte erreichen können.

Shambhala: Nun ja, doch ihre Kritiker sagen, dass diese polemischen Anmerkungen - tatsächlich sind es ja nicht so viele, vielleicht ein oder zwei Dutzend aus über eintausend - doch sie sagen dass diese Bemerkungen zeigen dass Sie von Natur aus polemisch, wütend, arrogant... , eben ein Dickkopf seien.

KW: [lacht] Schauen Sie, ich behaupte nicht, dass ich von all dem frei bin. Ich nehme mal an, dass ich genauso verkorkst bin wie jeder andere auch. Doch was die Kritiker sagen würde nur stimmen, wenn all die Polemik auch in dem ersten Entwurf enthalten gewesen wäre, dass all dies aus mir herausgebrochen wäre, ohne dass ich etwas dagegen hätte machen können. Doch die Anmerkungen waren nicht im ersten Entwurf enthalten; sie wurden in den zweiten Entwurf aufgenommen nach einer langen und  sorgfältigen Abwägung mit verschiedenen anderen Wissenschaftlern. Dies war kein hitzköpfiger Ausbruch. Wenn dies für mich charakteristisch wäre, dann würden Sie Tonnen von Polemik in meinen früheren Büchern finden, wohingegen  - und darauf haben viele hingewiesen - kein einziger polemischer Satz auch nur in einem meiner etwa ein dutzend vorausgehender Bücher zu finden ist.

Shambhala: Heißt dass dann, dass Sie überhaupt nicht wütend waren, als Sie diese Anmerkungen schrieben?

KW: Nein, dass möchte ich damit nicht sagen. Ich sage, dass unter jeden anderen Umständen ich die Wut aus diesen Anmerkungen herausgenommen hätte, weil sie einfach nicht in ein wissenschaftliches Werk hineingehört, doch in diesem Fall entschied ich mich, sie drin zu lassen. Es gibt eine Atmosphäre von Zorn und Schmerz die EKL durchdringt, ebenso wie Eine kurze Geschichte des Kosmos und Das Wahre, Schöne, Gute - meine Studenten nennen dies die "zornige Periode" - zornig darüber, was der extreme, dekonstruktive Postmodernismus und das gemeine grüne Mem den kulturellen Studien, der Spiritualität und der Erziehung im allgemeinen angetan haben, den konventionellen wie auch den alternativen Richtungen. All dies habe ich in einem anderen Buch aus dieser Zeit, Boomeritis, beschrieben.

Shambhala: Okay, doch ihre Kritiker sagen ja auch, dass ihre Botschaft wesentlich besser gehört und aufgenommen worden wäre, wenn Sie sie etwas behutsamer vermittelt hätten

KW: Das kann ich gut verstehen, doch das ist genau der Punkt, den ich bezweifle. Diese Art einer integralen Botschaft ist ja nicht nur von mir in meinen früheren Büchern vermittelt worden, sondern auch von großen integralen Schriftstellern von James Mark Baldwin über Jean Gebser zu Michael Murphy. Und diese integrale Botschaft ist praktisch über mehrere Jahrzehnte ignoriert worden, während der Großteil der akzeptierten Paradigmen magisch/mythischer Art waren (purpur/rot), sich auf außergewöhnliche Zustände bezogen, oder postmodernistisch (grün), die drei Untergruppen, die ich oben beschrieben habe, ohne jegliches Verständnis bezüglich einer Integration in einer umfassenden Synthese - worin ja schon eine scharfe Kritik an der Beschränktheit jedes einzelnen Ansatzes für sich genommen begründet ist, genau das also, was ich in den Anmerkungen ausgedrückt habe. Manchmal wird das Rad, welches am lautesten quietscht, zuerst geschmiert, und die Anmerkungen waren in dieser Hinsicht sehr geräuschvoll, und bekamen sehr viel Schmiere. Dies hat die Thematik nach vorne gebracht, und, letztendlich hat der positive Widerhall die negativen Reaktionen mehr als aufgewogen.

Shambhala: Eine kurze Geschichte des Kosmos und Das Wahre, Schöne, Gute enthalten ein paar wenige polemische Sätze, doch all ihre nachfolgenden wissenschaftlichen Bücher wie z.B. Naturwissenschaft und Religion, Integrale Psychologie und A Theory of Everything waren frei von jeglicher Polemik. Es sieht so aus,  als wären Sie zu ihrer typischen Schreibweise zurückgekehrt.

KW: Mit einer Ausnahme. Wie ich kurz erwähnte, schrieb ich in dieser Zeit noch ein etwas polemisches Buch, ein Buch mit dem Titel Boomeritis. Und ich hoffe, dass mein Stil weiterhin scharf und schneidend sein kann, falls notwendig, vielleicht auch witzig, an einem guten Tag, wenngleich auch nicht gemein oder bösartig, was ganz bestimmt nicht mein Absicht ist.

Shambhala: Wann erscheint Boomeritis?

KW: Shambhala wird das Buch im Herbst 2001 herausbringen. Unter dem Bevölkerungsanteil, welcher dem grünen Meme angehört, wird dieses Buch ganz sicher meinen Ruf als einen absolut arroganten, scheußlichen, dominierenden  Typ zementieren... nun, wie Sie sagen, ein Dickkopf.

Shambhala: Genau das ist unser Eindruck von Ihnen.

KW: [lacht] Ja, herzlichen Dank.

Shambhala: Wir sollten noch erwähnen dass Sie eine Überarbeitung von EKL vorgenommen haben - 50 neue Textseiten und 6 neue Diagramme - verfügbar [auf englisch, nicht auf deutsch] als Band 6 der Gesammelten Werke, und als Einzelausgabe im Taschenbuch.

KW: Ja, für die Gesammelten Werke habe ich überarbeitete zweite Auflagen von EKL, Eine Kurze Geschichte des Kosmos, und Das Wahre, Schöne, Gute erstellt.  Sie werden alle [auf englisch] auch als Taschenbuch erscheinen.

 

Quelle: Über Kritiker, das Integrale Institut, meine neueren Schriften, und andere weniger wichtige Themen - Ein Shambhala Interview mit Ken Wilber, Übersetzung: Michael Habecker