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17.8.2017 : 1:43 : +0200

Ken Wilber über Liebe

Foto: Anne Langholf

Liebe und Evolution

[love and evolution, aus der Reihe “the loft series”, IntegralLife.com]

Was ich zuerst über Liebe sagen möchte, ist, dass es sich dabei nicht nur um eine menschliche Emotion handelt, sondern um eine metaphysische Kraft. Es ist Eros, der die Evolution antreibt. Es ist das, von dem Dante sagt, dass es die Sonne und die anderen Sterne bewegt. Mit dem Urknall treten unzählige Teilchen in Erscheinung, und einige von ihnen treffen aufeinander, kommen zusammen, und diese Quarks verbinden sich zu Atomen, und Atome verbinden sich zu Molekülen. Und dann irgendwann, und das ist ein absolutes Mysterium, gibt es diese langen Molekülketten, irgendwo, und es kommt der Zeitpunkt, wo sich einige von ihnen zusammentun, und sich um sie herum eine physische Grenze bildet, und es entsteht eine Zelle. Das ist ganz erstaunlich. Nach den Aussagen der Physik gibt es lediglich Zufallsereignisse und eigentlich keinen Grund dafür, dass etwas Derartiges geschieht. Die neodarwin’sche Vorstellung stellt dies als ein Zufallsereignis dar, das sich dann durch natürliche Selektion durchsetzt. Doch wie wahrscheinlich ist so etwas? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich so etwas ereignet ist astronomisch klein, und es ereignet sich überall im Universum. Immer mehr Zellen bildeten sich, zu immer höheren Ganzheiten. Jede dieser Stufen der Entfaltung seit dem Urknall ist eine Transformation zu immer höherer Komplexität, Einheit und Ganzheit. Dahinter steht eine Kraft, ein Streben, das in das Universum eingebettet ist. Es ist Evolution als eine Selbstorganisation durch Selbsttranszendenz. Dieser Antrieb ist eine essentielle Kraft des Universums. Die Zellen haben sich gebildet, einige von ihnen kommen zusammen und es entsteht eine weitere physische Grenze um sie herum, und dadurch entstehen multizelluläre Organismen. In diesen bilden sich neuronale Netze, so dass diese Organismen beginnen in der Lage zu sein, etwas wahrzunehmen von dem, was um sie herum geschieht. Die ursprünglichen prokaryotischen Zellen werden darin aufgenommen, wie Viren und Protobakterien, die relativ einfach aufgebaut sind gegenüber späteren Zellen, die jedoch sehr viel komplexer sind als die einfachen Moleküle, aus denen sie bestehen. Die prokaryotischen Zellen werden transzendiert und bewahrt durch die komplexeren eukaryotischen Zellen, so dass auch wir heutigen Menschen diese Organellen in unseren Zellen haben, Mitochondrien zum Beispiel, als ein lebendiges Erbe dieses frühen „Transzendiere und Bewahre“, als kleine Zellen in den Zellen. Dies alles sind atemberaubende Zunahmen an Komplexität, Einheit und Ganzheit. Wir haben es hier mit einer Kraft im Universum zu tun, die gegen den Zufall arbeitet: eine Kraft, die das Gegenteil von Zufall ist, und diese Kraft ist Eros. Diese Kraft können wir in Begriffen der Sprache einer ersten, zweiten und dritten Person betrachten. Wir können sie in wissenschaftlicher Es-Sprache beschreiben als ein Antrieb zur Selbstorganisation, wir können sie in Du-Sprache als eine Zunahme von „Wir“ sehen, einer immer größeren Bewusstheit von Formen von Gemeinschaft, und wir können sie in Ich-Sprache als eine erste Person sehen, als eine Zunahme an Bewusstheit, die sich ihrer selbst immer bewusster wird. Diese multizellulären Organismen entwickeln sich ihrerseits immer weiter. Mit jeder Transformation gibt es einen höheren Grad an Komplexität, einen höheren Grad von Einheit, einen höheren Grad von Ganzheit, und immer spielt dabei die Zusammenführung oder das Zusammenkommen zahlreicher niedrigerer Holons eine Rolle, die sich zu einem einzigen höheren Holon zusammentun. Das führt zur Erschaffung eines ganz neuen Welt-Raumes. Dies geschieht seit Millionen von Jahren, immer höhere Einheiten, immer weiter. Und dann erreichen wir den Punkt, wo dieser Evolutionsprozess sich seiner selbst bewusst wird. Das ist ein weiterer großer Schritt im Universum, und wir wissen nicht, ob dies den Beginn des Endes des Universums kennzeichnet, oder ob es sich um eine ganz neue Art von Erwachen handelt. Menschen erscheinen auf diesem Planenten, mit verinnerlichten Formen des Eros in Form von Liebe, und eine von vielen Möglichkeiten sich diese Ebenen von Liebe vorzustellen ist Maslov’s  Bedürfnispyramide. Liebe drückt dort zuerst physiologische Bedürfnisse aus, dann Sicherheitsbedürfnisse, dann dehnt sich die Liebe weiter aus zu Zugehörigkeitsbedürfnissen, danach erscheinen Selbstwertbedürfnisse, die sich dann zu Bedürfnissen der Selbstverwirklichung erweitern. Auf all diesen Ebenen ist die Liebe jedoch noch orientiert an Mangelbedürfnissen. Ob es dabei um die Liebe zu einer Idee, einer Bewegung, einem Partner oder einer Partnerin geht, es geht dabei immer auch um ein Mangelerleben. Liebe auf diesen frühen Entwicklungsstufen ist Teil eines Spiels um den Mangel. Die Idee oder die andere Person wird dabei verantwortlich gemacht für die Erfüllung dieses Mangels, und als eine Notwendigkeit zur Behebung des eigenen Mangelerlebens. Dies ist der Ursprung für unzählige Dramen, die sich abspielen, wenn jemand das Gefühl hat, dass seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Dieses Spiel ist endlos, und es ist das Wesen einer Liebe aus einem Mangel heraus. Doch die Entwicklung kann weiter gehen, hin zu den Entwicklungsstufen des second tier, wo es nicht um Mangelbedürfnisse, sondern um Seinsbedürfnisse geht. Erst hier kann Liebe wirklich in ihrer wahren Natur gesehen und erkannt werden, und das bedeutet in Fülle und Überfluss. Einheit und höhere Verbindungen werden jetzt aus einem Erleben von Überfluss und Überströmen angestrebt.

Es ist interessant bis zum Urknall zurückzuschauen und zu erkennen, welche Rolle Eros dabei als einer der Hauptantriebskräfte gespielt hat. Es hat 14 oder 15 Milliarden Jahre gebraucht, bis wir dahin gekommen sind, wo wir heute [auf der Erde] stehen: eine Selbstbewusstheit, welche die wahre und echte Natur der Liebe offenbart. Diese Natur ist ein Suchen und Streben zu höherer Einheit, zunehmender Bewusstheit und Komplexität, und eine Zusammenführung in liebender Einheit. Das war das Hauptziel des Eros von Anfang an. Wenn man sich klarmacht, wie viel Zeit und wie viele Stufen dabei durchlaufen werden mussten, bis zu dem Punkt einer Entfaltung aus der Überfülle heraus, dann ist das eine wirkliche und atemberaubende Geschichte [story]. Und jedes Mal wenn in einem ein Gefühl von Liebe aufsteigt, dann ist man verbunden mit dieser kosmischen Kraft. Sie bewegt sich durch den eigenen Geist und wohnt im eigenen Herzen, in der Seele und im Körper, mit dem gleichen Streben, das schon Moleküle, Zellen und Organismen zusammengefügt hat. Es ist der Klebstoff des Kosmos. Wird dieser Impuls im Menschen erfahren, dann führt das zu Mitgefühl und Fürsorge für andere. Schaut man sich die früheren Stufen der Evolution an, dann gibt es dort keinen Grund für ein individuelles Holon, sich um andere zu kümmern. Doch das ist das, was Liebe tut. Das Zusammenführen einzelner Holons zu größeren Einheiten transzendiert das vereinzelte Sein und geht darüber hinaus. Es kommt zu einer Einheit mit anderen Individuen, und letztlich zu einer Einheit mit allen empfindenden Wesen. Dies ist die Form, die Liebe auf dem 3rd tier annimmt, eine Einheit mir allen empfindenden Wesen, ein strahlender, überberströmender Überfluss aus dem Herzen von Männern und Frauen gegenüber dem gesamten Kosmos.

Jedes Liebesempfinden oder Mitgefühl und Fürsorgegefühl ist ein Zugang zu dieser außerordentlichen Fähigkeit und Kraft der Liebe, diesem ganz außerordentlichen Antrieb des Universums, als einem GEIST, der zum GEIST zurückkehrt. Das ist das Wesen der Liebe. Stellen wir uns die Involution als ein gestrecktes Gummiband vor, und lassen dann los, als dem Punkt des Urknalls, dann bewegt sich das Band sofort zurück in seinen ursprünglichen Zustand, hin zu Quelle, und dieser Antrieb ist Eros. Die heutige neodarwin’sche Theorie kann das nicht erklären, sie kann Evolution nicht erklären. Die Wahrscheinlichkeiten, dass so etwas aus reinem Zufall geschehen kann, geben das nicht her. Die Wahrscheinlichkeit, von Staub zu Shakespeare durch reinen Zufall zu gelangen, ist einfach zu gering. An Orten wie dem Santa Fe Institut, an denen man sich mit Chaos- und Komplexitätstheorien beschäftigt, postulieren Menschen wie Stuart Kauffman eine fünfte Kraft zusätzlich zu den vier Grundkräften des Universums, welche die Physik benennt (das sind die starke und die schwache Nuklearkraft, die Gravitationskraft und der Elektromagnetismus). Diese fünfte Kraft ist die Selbstorganisation. Materie hat danach die inhärente Eigenschaft sich selbst zu organisieren. Dieser selbstorganisierende Antrieb steht hinter der Evolution. Erst damit lassen sich das Auftreten immer höherer Zustände und Komplexitäten von Einheiten erklären. Philosophen haben dies über die Jahrhunderte erkannt, und dem unterschiedliche Namen gegeben. Der verbreitetste Name dafür ist Eros. In den prämodernen Traditionen wird das für eine spirituelle Eigenschaft gehalten, eine Eigenschaft des GEISTES. Es ist dieser allem innewohnende Antrieb, der die Menschen aus dem Zustand der Unwissenheit und Unerleuchtung, wo alles voneinander getrennt erscheint und empfunden wird, hin zu einem Zustand führt, in dem alles als eine Einheit erfahren wird, als Ein Geschmack, und als ein Teil des Gewebes des gesamten Universums. Dieser Antrieb führt uns von entinnert zu erinnert, von getrennt zu verbunden, und von Vereinzelung zur Einheit. Das ist das, was Liebe macht, sie ist eine der bedeutendsten Emotionen, die Menschen haben können. Es ist daher wichtig für uns Liebe zu fühlen und zu erleben, speziell in ihren höheren Formen des Überflusses. Das Fühlen von Liebe ereignet sich oft in Beziehungen, doch meistens beginnen wir unsere Beziehungen aus Mangelbedürfnissen heraus. Die frühen Formen von Liebe sind nicht annähernd so erfüllend wie die der Überfülle, und bestehen aus Ärger, Schuld, Vorwürfen, Urteilen, Negativität usw. – alles in der einen oder anderen Weise Ausdrücke eines frustrierten Verlangens nach Einheit. Der Partner oder die Partnerin verhält sich nicht entsprechen der Einheit, die man sich vorstellt. Das führt zu den genannten Frustrationen. Doch selbst diese Ausdrucksformen gäbe es nicht, wenn all dem nicht die LIEBE zugrunde liegen würde. Man kann auf diese Weise das Positive auch in diesen negativen Ausprägungen von Liebe erkennen. Tut man dies, und fühlt man die Liebe, dann verbindet man sich wieder mit dieser metaphysischen Kraft, einer Kraft, die sich als Liebe gut anfühlt. Man verbindet sich dadurch nicht nur mit dem Partner, sondern mit dem GEIST der gesamten manifesten Welt, dem Streben der gesamten manifesten Welt zu wachsen, sich zu entwickeln und zu erwachen. Das ist ein sehr kraftvolles Gefühl, ein Gefühl, nach dem die Menschen so sehr streben, und das ist verständlich, doch es ist wichtig, dies im richtigen Kontext zu betrachten, und nicht nur ein personalistischen Gefühl daraus zumachen. Es ist in Wahrheit die Öffnung oder Lichtung im eigenen Herzen, in die der Geist des Eros sich ergießt.

Betrachtet man die Gründe der Traditionen dafür, warum man nicht erleuchtet ist, wie das Qualifizieren von Bewusstheit, die Unterscheidung von Bewusstheit, die Suche nach Bewusstheit – nur einer dieser Gründe erwähnt Emotionen, und das ist der Grund „du liebst nicht“ aus dem Christentum. Die Abwesenheit dieser tiefen und wahren überströmenden Liebe ist eine emotionale Möglichkeit einen Grund dafür anzugeben, warum man nicht erleuchtet ist. Von all den Emotionen hat nur die Liebe von den Traditionen diesen Rang und Wert erhalten. Das ist ein weiterer Grund dafür, im eigenen Leben nach Liebe Ausschau zu halten und sie einzuladen. Sie ist ja immer schon da, als die Kraft, die alle unsere Moleküle und Organe zusammenhält, und uns auf diesem Planeten leben lässt. Wir leben im Schoß eines großen und erstaunlichen Eros, und es geht mehr darum dies zu erkennen, als es ins Sein zu bringen. Liebe ist Teil der immer-schon-gegenwärtigen Wahrheit des GEISTES, und von daher immer präsent und aktiv in uns. Es geht um das Erkennen dieser Präsenz, das Ausschau-Halten nach Liebe [looking for love] im eigenen Sein, und dieser Liebe zu erlauben sich auszubreiten und zu verströmen. Es geht darum zu fühlen, was dies bedeutet, und auch zu fühlen, was geschieht, wenn wir innerlich kontrahieren, uns zusammenziehen und von der Liebe abwenden. Der Kurs in Wundern sagt, das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Angst. Das ist eine sehr tiefgründige Feststellung. Wenn man innerlich kontrahiert und sich von der Liebe abwendet, dann wendet man sich von dem ab, was einen mit allem vereinigt, das erscheint. Man wird zurückgeworfen auf das Empfinden eines isolierten Selbst, das ganz allein ist. Mit den Worten der Upanishaden: „Wo ein anderes ist, da ist Angst“. Erlebt man sich also getrennt von allem und die Welt als ein Anderes, dann ist Angst die primäre Emotion dieses Zustandes. Wir können den Spuren der Liebe also direkt in uns selbst nachgehen, indem wir uns fragen, wie viel Angst wir haben. Auf je mehr Angst wir dabei stoßen, desto mehr geht es darum nach Liebe zu suchen, und den Liebesraum zu erweitern.

Um auf das zurückzukommen, was ich zu Beginn sagte: Liebe ist nicht nur eine menschliche Emotion, es ist ein metaphysischer Klebstoff, ein Streben des gesamten Universums hin zu Zuständen höherer Einheit und Ganzheit. Dabei führt der Weg von den am meisten vereinzelten zu den am höchsten vereinigten Zuständen des Seins und der Bewusstheit. Das was all dies antreibt ist Liebe, ist Eros. Das ist wirklich erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt. Die Liebe, die man in seinem Herzen für etwas spürt, was immer das auch sei, ist die gleiche Kraft, die Galaxien formt und zusammenhält, es ist die gleiche Kraft, die Zellen schafft und alle Lebewesen. Das ist wirklich ganz erstaunlich.