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26.5.2017 : 11:09 : +0200

Ken Wilber über Ken Wilber

 

Über Ken Wilber wird viel geredet und geschrieben. Von ihm selbst gibt es auch Autobiografisches. 

Schriftlich veröffentlicht gehören dazu der Artikel Odyssey, das Buch Mut und Gnade und das Buch Einfach DAS

Darüber hinaus gibt es viele mündliche autobiografische Aussagen. Einige davon finden sich auf dieser Page.

Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:

Eine kleines Satori hält lange vor

Eine kleines Satori hält lange vor

(Quelle: ISC, A Little Satori Goes a Long Way, Ken Wilber and Vidyuddeva on Zen Practice) 

Einführung der ISC Redaktion

Der SINN, der sich aussprechen lässt,
ist nicht der ewige SINN.
Der Name, der sich nennen lässt,
ist nicht der ewige Name.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
- Tao Te King

Warum erhob sich munterer Staub [frisky dirt] und begann Poesie zu schreiben? Genauer gefragt, warum hat ein 23jähriger aus Nebraska ein Buch mit dem Titel Das Spektrum des Bewusstseins geschrieben? Die Entwicklungsperspektive ist eines der vielen großen Geschenke des Integralen. Es ist faszinierend, durch diese Linse auf den Entwicklungsweg eines Menschen zu schauen, der diese Sichtweise wie kein anderer formuliert. Im Audiogespräch dieser Woche diskutieren Ken und Vidyuddeva den Zen Buddhismus und dessen außerordentlichen und grundlegenden Einfluss auf Kens Lebensweg.

Ken war, nach allem was man hört, ein ganz normaler Jugendlicher. Doch als er in seinem ersten Collegejahr auf die ersten Zeilen des Tao Te King stieß, veränderte sich alles. Er begann eine intensive Zen Praxis und nahm im Alter von 22 Jahren an einem 10tägigen sesshin in der Nähe von Lincoln, Nebraska teil, unter der Leitung des außerordentlichen buddhistischen Lehrers Katagiri Roshi. Nach 2 oder 3 Tagen des sesshin bemerkte Katagiri, dass Ken in einen tiefen und anhaltenden Zustand des “Zeugenbewusstseins” eingetreten war, bei dem er wach blieb während des Wachzustandes, des Traumzustandes und des traumlosen Tiefschlafes. (Die östlichen Traditionen bezeichnen diesen Zustand als turiya). So tiefgreifend dieser Zustand auch war, Katagiri wusste, dass Ken noch nicht ganz am Ende der Reise angelangt war, und dass es noch einen tieferen Zustand gab. Er stellt sich hinter Ken und sprach mit lauter Stimme die Worte, die den Lebenslauf des jungen Studenten unwiderruflich veränderten: „Der Zeuge ist die letzte Bastion des Ego ...”

Aus einer integralen Sicht hatte Ken turiya verwirklicht, den Zustand, von dem aus das Wachen, das Träumen und der traumlose Tiefschlaf permanent bezeugt werden. Doch wer war dieser mysteriöse “Zeuge”? Katagiri wies auf turiyatita hin, einen noch tieferen Zustand, bei dem sogar der Zeuge verschwindet, uns alles als der Eine Geschmack erscheint.

Seit diesem ersten kensho (einem “kleinen satori oder einer kleinen Erleuchtung”) – der grundlegend war für alles, was danach geschah –, hat Ken die Zustandsstufen, auf welche die Weltreligionen schon seit langem hinweisen, weiter stabilisiert. Außerdem hat er sich durch die immer umfassenderen Strukturstufen oder Entwicklungsstufen weiterentwickelt. Von immer höheren Entwicklungsstufen und von immer tieferen Bewusstseinszuständen aus hat er die Welt-Räume, die sich ihm dabei zeigten, auf den Seiten von über fünfundzwanzig außergewöhnlichen Büchern beschrieben. In seiner aktuellen, noch nicht veröffentlichten Arbeit mit den Titeln Overview und Superview beschreibt Ken erstmals die Strukturstufen und die Zustandsstufen der Entwicklung, ihre Wechselwirkung, und was bei jeder der Stufen im Entwicklungsverlauf schief gehen kann. Mit dieser Arbeit gibt er uns die derzeit wahrscheinlich beste Landkarte auf der spirituellen Reise.

Der Dialog

[Vidyuddeva erzählt zu Beginn des Dialogs von seiner Zen Praxis und wie er zum Integralen kam. Danach wird Ken gebeten zu erzählen, wie er zum Buddhismus und zum Zen kam.]

KW: Der Buddhismus ist eine der großen religiösen Traditionen der Welt. Alle Traditionen dieser Welt haben mindestens zwei wesentliche Aspekte. Das eine sind die – wie man es nennt – exoterischen äußeren Formen von Religion, die Glaubenssysteme, Dogmen, Mythen, Götter und Göttinnen, Himmel und Hölle usw. Und dann gibt es die esoterische, innere Seite. Während es bei der äußeren Seite um den Glauben geht, geht es bei der inneren esoterischen Seite um Erfahrungen, unmittelbare mystische und spirituelle Erfahrungen und um kontemplative Entwicklung. Was den Buddhismus etwas von den anderen Religionen dabei unterscheidet ist, dass es dort, anders als bei den anderen Religionen, mehr Lehren gibt, die den esoterischen Aspekten gewidmet sind. Es gibt viele Millionen von Buddhisten im Osten, die an exoterische Religion glauben. Es gibt fundamentalistischen Buddhismus, es gibt mythischen Buddhismus (wenn man das Richtige tut und an das Richtige glaubt, und zu den richtigen Buddhas und Bodhisattvas betet, und dann stirbt, dann kommt man in den Himmel) – aber es gibt dabei auch einen hohen Anteil von Buddhisten, die sich mit der Praxis der Kontemplation beschäftigen. Bei dieser kontemplativen Praxis geht es nicht um das Glauben von etwas, sondern um das Erwachen zu etwas. Diese Erfahrung des Erwachens wird auch als Erleuchtung bezeichnet. Zen als eine Schule und Richtung des Buddhismus war und ist diejenige, die am meisten die Erfahrung der Erleuchtung in den Mittelpunkt gestellt hat. Gegründet wurde diese Richtung etwa im sechsten Jahrhundert vom Bodhidharma, der von Südindien nach China ging und dort die Tradition [lineage] einer Praxis begründete. Das Wort “Zen” ist die japanische Version des chinesischen “chan”, welches wiederum die chinesische Ausdrucksweise für das Sanskritwort “dhanya” ist, was “Meditation” bedeutet. Zen ist eine Schule der Meditation oder Kontemplation. Nach mehreren Generationen in China spaltete sich Zen, oder chan, wie es genannt wurde, in unterschiedliche Richtungen auf, fünf Hauptrichtungen, die jedoch alle noch im Wesentlichen die gleichen Ziele verfolgten, jedoch mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die Praxis. Diese wiederum führten zu der Zeit, als der chan nach Japan kam, zu zwei Hauptrichtungen, und zwar Rinsai und Soto. Rinsai betont sehr das Koan Studium. Ein Koan ist die Art und Weise, wie ein erwachter Geist die Welt betrachtet. Hört man ein Koan wie “wie klingt das Klatschen von einer Hand?”, dann ergibt das keinen Sinn für jemanden, der nicht erwacht ist. Ist man jedoch erwacht, dann fällt einem die Antwort auf dieses Koan nicht schwer. Die Rinsai Tradition legt also einen großen Wert auf die Koan Praxis, wohingegen die Soto Tradition das Sitzen selbst betont, das Sitzen in einem natürlichen Zustand und in einem ursprünglichen Geist, und sieht dies als einen sehr viel organischeren Weg zur Erleuchtung an. Doch beide Richtungen betonen die Erleuchtung, und dies macht den Buddhismus so kostbar im Kreis der Weltreligionen. Auch wenn alle großen Religionen der Welt ein kontemplatives Herzstück haben, betonen doch nur wenige von ihnen das Erwachen oder die Erleuchtung so sehr wie der Buddhismus. Dies ist ein großes und mächtiges Geschenk zur Befreiung, das der Buddhismus der Welt zu geben hat.   

In den USA wurden beide großen Schulen eingeführt, und es gab dabei auch das Bestreben sie zu integrieren, so wie große Lehrer immer wieder versuchen, unterschiedliche Richtungen zusammenzubringen, so auch die Koan Praxis des Rinsai und die Praxis des einfachen Sitzens der Soto Tradition. Diese integrierenden Richtungen kamen auch nach Amerika. So weit eine ganz kurze Zusammenfassung dessen, was Buddhismus ist. Wenn wir die Unterschiede der Richtungen des Buddhismus verstehen wollen, wie z. B. die Unterschiede zwischen dem japanischen und dem tibetischen Buddhismus, beginnen wir damit, das Wesentliche und Gleiche dabei zu betonen.

Die kulturelle Entwicklung in den USA, die Entwicklungsstufe, unterschied sich sehr von der, aus der diese religiösen Traditionen und Praktiken herkamen. Das war einer der großen Zusammenstösse, die sich ereigneten, als der Buddhismus versuchte sich in die amerikanische Kultur einzubringen. Die meisten der traditionellen japanischen und tibetischen Lehrer kommen dabei aus einer Kultur, deren Entwicklungsstufe wir mit bernstein oder traditionell oder mythische Gruppenzugehörigkeit bezeichnen. In den USA jedoch befanden sich die meisten der Schüler, die Zen studierten und praktizierten, auf der grünen, postmodernen Entwicklungsstufe, und gehörten zu den “kulturell Kreativen”. Dadurch entwickelte sich eine in gewisser Weise gleiche, aber dann auch wieder sehr unterschiedliche Art von Buddhismus in den USA, ein Buddhismus der grünen Entwicklungsebene. Das ist weder gut noch schlecht, es ist lediglich etwas, dessen man sich bewusst sein sollte, auch innerhalb der traditionellen Gesellschaften wie Japan oder China, deren kultureller Hintergrund traditionell war. Viele der großen kontemplativen Texte jedoch wurden von einer sehr viel höheren Entwicklungsstufe aus geschrieben, von integralen Ebenen, (Petrol oder Türkis), wie das lankavara Sutra. Dieses Sutra war übrigens dasjenige Sutra, das der Bodhidharma mitbrachte und an seine Nachfolger weitergab als ein Sutra, welches Zen am vollständigsten erklärte. Dieses Sutra beschreibt bereits Holarchien, Emanation, Involution und Evolution. Es war auch das erste Sutra, welches die Trikaya Doktrin entwickelte, die Lehre der drei Körper des Buddha, und dieses Sutra wurde an die ersten fünf “Patriarchen” weitergegeben, welche die fünf Haupttraditionen des chinesischen chan begründeten. Es ist also nicht so, dass grüner Buddhismus an sich ein Problem ist, sondern dass eine Menge der türkisen, second tier oder integralen Bestandteile des Buddhismus durch Grün herunterübersetzt wurden. Das ist etwas, worauf wir achten sollten, und natürlich kann das auch zu einem Problem werden. Die Befreiung kann auf jeder dieser Entwicklungsstufen gefunden werden, und das ist ein weiterer Aspekt im Hinblick auf einen integralen Buddhismus. Man kann sich auf praktisch jeder dieser vertikalen Entwicklungsstrukturen, von archaisch zu magisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral und über-integral befinden, und sich [im Bild des Wilber Combs Rasters] nach rechts wenden und mit einem meditativen Zustandstraining beginnen und seinen eigenen erleuchteten GEIST entdecken, Big Mind, die reine Leere – und zwar deshalb, weil die Leere leer ist, und nicht gebunden an irgendeine dieser Formen [von Entwicklungsstufen]. Wenn man jedoch diese Erfahrung von Leere und Erleuchtung interpretiert, tut man dies entsprechend der Entwicklungsstufe, auf der man sich befindet. Im Fall einer grünen Entwicklungsstufe führt das zu grünen Interpretationen des erleuchteten GEISTES. Das ist schon ein Problem, weil Grün mit der Leere gleichgesetzt wird, pluralistische Werte werden mit Leere gleichgesetzt.

So weit eine Vorschau auf das, womit sich eine Religion von morgen beschäftigen kann, und zwar all dies zu berücksichtigen, und meine ganz kurze Zusammenfassung dessen, was wir heute an buddhistischen Schulen und Traditionen in den USA vorfinden, und zwar Rinsai, Soto, und die Richtungen, die versuchen beide zu integrieren.

[Das Gespräch dreht sich dann um verschiedene Lehrer und Lehren der unterschiedlichen Richtungen]

KW: Katagiri [Roshi] war mein erster Lehrer, und auch der erste Lehrer, bei dem ich eine kensho Erfahrung hatte, ein satori. Das geschah in Nebraska, er war damals in Minneapolis und reiste umher, wie früher die reisenden Prediger im Wilden Westen, die auch umherfahren um Heiraten und Zeremonien durchzuführen. Katagiri hatte auch so eine Reiseroute, die ihn durch den mittleren Westen führte, wo sich kleine Sanghas bildeten. Es war in einer Sesshin mit Katagiri, und wir waren nur fünf Teilnehmer, wo sich mir erstmals das Auge des GEISTES öffnete. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, er war ein wirklich außerordentlicher Mensch, wirklich außerordentlich ...

Frage: Wie ist das passiert, das würde mich interessieren. Geschah es beim Sitzen, oder bei einer Unterweisung?  

KW: Der Augenblick, als es geschah ist mir sehr lebendig in der Erinnerung, so als wenn es sich erst gestern ereignet hätte. Ich hatte zu dieser Zeit gerade der Universität den Rücken gekehrt, das war in Lincoln, Nebraska, weil mir klar geworden war dass ich kein Doktor werden wollte. Nördlich von Lincoln hatten Freunde von mir ein Haus, das einer Ranch ähnelte, und dort verbrachten wir eine Wochen in einer Sesshin, und wir waren nur, wie ich schon sagte, fünf Teilnehmer. Ich praktizierte Zen zu dieser Zeit schon mehrere Jahre, ich war vielleicht 22 oder 23 Jahre alt. Nach 2 oder 3 Tagen war ich in einem Zustand eines permanenten Zeugenbewusstseins, reines Zeugenbewusstsein, tuyria, dass sich über den Wachtzustand, den Traumzustand und den traumlosen Tiefschlaf ausdehnte. Katagiri erkannte das, und wir hatten auch Einzelgespräche, wo wir mit ihm darüber sprechen konnten. Er wusste, dass ich mich in diesem sehr tiefen Zustand befand, doch es war noch nicht der letztendliche Zustand. In den traditionellen fünf Hauptzuständen des Bewusstseins, dem Wachzustand, dem Traumzustand, dem traumlosen Tiefschlaf, ist der vierte Zustand tuyria, ein transzendentes Bewusstsein, in dem ich mich befand. Der fünfte Zustand ist tuyriatita, wo sich das Empfinden eines Zeugen auflöst in die nichtduale Soheit, von Augenblick zu Augenblick, ohne ein Empfinden des Beobachtens oder Bezeugens oder Zurücktretens gegenüber den Phänomenen. Am Beginn des dritten Tages, wo Katagiri sah, dass ich immer noch in diesem Zustand war, sagte er laut und hinter mir stehend: “Der Zeuge ist die letzte Stütze [stand] des Ego ...”, und plötzlich verschwand der Zeuge vollständig. In diesem Zustand blieb ich einige Tage, das war ein tiefgründiges Erkennen des immer schon befreiten, immer gegenwärtigen nichtdualen Zustandes. Das war ganz außerordentlich, und ich bin ihm sehr dankbar dafür ...

Man kann diese Erfahrung weiter vertiefen, sogar der immer gegenwärtige erleuchtete Zustand und das Verständnis davon können unendlich vertieft werden, auch wenn man bei seinem Erkennen bereits 100% davon sieht. Es ist ein Paradox, es begleitet mich seitdem und war ganz grundlegend für mich im Hinblick auf das gesamte psychospirituelle System, das integrale System, das ich versucht habe zu entwickeln.

Schaut man sich die Traditionen der Welt an, und das, was sie über psychospirituelle Zustände des Bewusstseins sagen, dann ist dieser nichtduale, erleuchtete, immer gegenwärtige und befreite Zustand so etwas wie der Höhepunkt, es ist etwas, was es neben anderen Dingen zu entwickeln gibt. Einer der Fehler, den wir alle in den sechziger und siebziger Jahren machten, als diese Dinge zum ersten Mal nach Amerika kamen, war, dass wir meinten, dass Erleuchtung alles kurieren würde, und man damit alles machen könnte – für sein Leben sorgen, den Job bekommen, den man brauchte – einfach alles. Doch das stimmt nicht, und wir mussten das auf die harte Tour herausfinden. Es gibt, und das sagen uns auch die meisten Traditionen, die Doktrin der zwei Wahrheiten, eine ultimative und eine relative Wahrheit. Das Erwachen zur ultimativen Wahrheit ist keine Garantie für den Erfolg in der relativen Welt. Um das zu erreichen muss man relative Dinge praktizieren, einschließlich Schattenarbeit, psychologische Arbeit, die Arbeit an den eigenen manifesten Körpern und so integral wie möglich sein. Doch es gibt auch ultimative Wahrheit, der Grund und das Ziel der Wirklichkeit, und das Erwachen dazu ist das Erwachen zum Absoluten. Diese absolute, letztendliche Wirklichkeit verträgt sich mit jedem relativen Zustand. Der eigene relative Zustand wird dadurch nicht automatisch gelöst oder in Ordnung gebracht, was einem jedoch gezeigt wird, ist die dem relativen Zustand zugrunde liegende Wirklichkeit. Will man jedoch sein relatives Leben in Ordnung bringen, muss man etwas anderes machen. Das Erkennen des letztendlichen Zustands löst jedoch den fundamentalen Knoten im Herzen des eigenen Seins, den Knoten des Zweifels, den Knoten der Angst, die Selbstkontraktion als solche wird gelöst. Doch es gibt eine Menge andere Dinge die immer noch getan werden müssen, am besten auf eine integrale Weise. Die Verwirklichung des Letztendlichen war ganz sicher ein Grundstein des integralen Ansatzes, den ich entwickelt habe. Man kann diese Verwirklichung auf vielen Wegen erreichen, und wir Menschen bekommen ständig einen kleinen Schimmer davon mit, z. B. in Flow Zuständen, weil es sich um einen immer gegenwärtigen Zustand handelt. Das getrennte Selbst entspannt sich in den Augenblick hinein, und man bekommt einen Geschmack davon, eine Gegenwärtigkeit, welche die Vergangenheit und die Zukunft enthält. Es gibt unendliche viele Wege, wie man Zugang dazu erhalten kann. Doch was wirklich einzigartig beim Buddhismus ist, und speziell beim Zen, ist dass diese erleuchtete “Erfahrung”, und Erfahrung ist nicht ganz das richtige Wort dafür, als die Quintessenz betrachtet wird, und das Herzstück dessen, worum es bei einer religiösen Praxis und Spiritualität geht. 

Der Apollo Komplex

Der Apollo Komplex

-die Schwierigkeit der Transformation von der mentalen zur subtilen Sphäre

Das Wesen dieser höheren Komplexe, wie dem Apollo Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation mentaler Ereignisse]  und dem Vishnu Komplex [die Schwierigkeit der Ent-Identifikation visionärer Ereignisse] wurde mir im Verlauf meiner eigenen Meditation schmerzlich offensichtlich.

Zu der Zeit als ich Wege zum Selbst schrieb [1979], war meine meditative Praxis noch nicht weit fortgeschritten, aber ich war auch kein Anfänger mehr. Die Schmerzen in den Beinen (vom Lotussitz) waren erträglich, und mein Bewusstsein wuchs in seiner Fähigkeit, einen wachen und doch entspannten, aktiven und doch distanzierten Zustand einzunehmen. Doch mein Geist [mind] war, mit den Worten der Buddhisten, der eines Affen: zwanghaft aktiv, und wie besessen in Bewegung. Und das konfrontierte mich –ganz direkt und unmittelbar – mit meinem eigenen Apollo Komplex, der Schwierigkeit der Transformation von der mentalen zur subtilen Sphäre.

Die subtile Sphäre (oder die „Seele“, wie die christlichen Mystiker diesen Begriff verwenden) ist der Beginn des transpersonalen Bereiches:  supra-mental, trans-egoisch und trans-verbal. Aber um diesen Bereich zu erreichen, muss man (wie bei allen Transformationen) auf der unteren Ebene „sterben“ (in diesem Fall auf der mental-egoischen). Die Unfähigkeit oder das Versagen diesbezüglich ist der ‚Apollo Komplex’. So wie ein Mensch mit einem Ödipus Komplex unbewusst dem Körperlichen und seinem Lustprinzip verhaftet bleibt, bleibt der Mensch mit einem Apollo Komplex unbewusst dem mentalen Geist und seiner Wirklichkeit verhaftet. („Wirklichkeit“ bedeutet hier eine „institutionelle, rationale, verbale Wirklichkeit,“ welche, auch wenn sie etwas sehr Reales darstellt, dennoch nur eine Zwischenstufe auf dem Weg zu Atman ist; das heißt, es handelt sich lediglich um eine Beschreibung der tatsächlichen Wirklichkeit, und wenn man daran festhält, verhindert dies am Ende die Entdeckung der eigentlichen Realität).

Der Kampf mit meinem eigenen zwanghaft/besessenen Denken – keine speziell besessenen Gedanken wie bei einer bestimmten Neurose (was oft ein Anzeichen eines verlagertenÖdipus Komplexes ist), sondern der eigentliche Gedankenstrom selbst – war eine mühsame Aufgabe. Glücklicherweise machte ich ein paar Fortschritte, konnte schließlich über die Schwankungen der mentalen Kontraktionen hinausgehen und entdeckte so, zuerst vorübergehend, einen Bereich mit unvergleichlich mehr Tiefe und mehr Wirklichkeit, gesättigt mit Sein, offener und klarer.

Dieser Bereich war einfach das Subtile, welches sich - sozusagen – nach einem überstandenem Apollo Komplex enthüllt. In diesem Bereich verschwindet das Denken nicht notwendigerweise (wenngleich dies oft geschieht, speziell zu Beginn); sondern es ist so, dass wenn Gedanken auftauchen, sie einen nicht mehr von diesem weiteren Hintergrund der Klarheit und der Bewusstheit ablenken. Vom Subtilen aus „verliert“ man sich nicht länger in Gedanken; Gedanken treten in das Bewusstsein ein und verlassen es wieder, etwa so wie Wolken über den Himmel ziehen: sanft, würdevoll und klar. Nichts hält fest oder reibt sich.

Chuang Tzu: „Der Vollendete verwendet seinen Geist als einen Spiegel. Nichts wird ergriffen; nichts zurückgewiesen; es wird erhalten, aber nicht festgehalten.

Während der Meditation jedoch können die Erfahrungen des subtilen Bereiches ganz außerordentlich, ehrfürchtig und tiefgründig sein (und sind es gewöhnlich auch). Dies ist der Bereich der Archetypen und der archetypischen Gottheiten– und eine Begegnung mit ihnen ist immer numinos, worauf Jung hingewiesen hat.

Dies war eine sehr reale und sehr intensive Periode für mich; es war meine erste direkte und unzweideutige Erfahrung der tatsächlichen Heiligkeit der Welt, dieser Welt, welche, wie Plotin sagt, aus dem Einen strömt, als ein Spiel und Ausdruck von Ihm. Oh, ich hatte schon früher kurze und erste Einblicke in den subtilen Bereich – und sogar auch darüber hinaus in das Kausale – aber ich war bisher noch nicht richtig mit diesem Bereich vertraut geworden.

Ein Zen Meister sagte einmal, dass die richtige Antwort auf den ersten starken kensho (ein kleines satori) das Weinen ist, und nicht das Lachen, und genau das tat ich, viele Stunden lang wie mir schien. Tränen der Dankbarkeit, des Mitgefühls, der Unwürdigkeit, und schließlich des unendlichen Wunders. (Dies ist keine falsche Bescheidenheit; ich bin noch nie jemandem begegnet, der sich vor diesem Bereich nicht unwürdig fühlte).

Gelächter – großes Gelächter – kam dann später; zu Beginn wäre das ein Sakrileg gewesen.

(aus: Odyssey, Collected Works Vol. 2, Shambhala 1999, S. 41)

Der Vishnu Komplex

Der Vishnu Komplex

Bild: A. Grey

Wilber unterscheidet – entsprechend den drei grossen Bewusstseinsbereichen – drei Komplexe: den (wie er es nennt) Ödipus Komplex (das Hängenbleiben im emotional-sexuellen), den Apollo Komplex (das Hängenbleiben im Mentalen) und den Vishnu Komplex (die Hängenbleiben im Subtilen). Gegenstand des obigen Beitrags war der Apollo Komplex, jetzt folgt der Vishnu Komplex, und das „Danach“.

 

Was nun in meiner meditativen Praxis folgte war eine „Tour“ durch den subtilen Bereich. Meine Lieblingsbeschreibung dieses Bereiches stammt von Dante, und ich kann versichern dass er dies wortwörtlich meint:

O Gnadenfülle, drob ich es begehrt,

den Blick zum ewigen Lichte aufschwingen,

so daß sich meine Sicht darin verzehrt,

 

in seiner Tiefe sah ich sich verschlingen

in einem Bande liebevoll das Sein,

das sich im All zerblättert in den Dingen...

 

Den Grund des tiefen ungetrübten Seins

des hehren Lichts sah ich drei Kreise hegen,

an Farbe dreifach und an Umfang eins:

 

Der eine spiegelte, gleich Isrisbögen

den anderen Kreis; es schien der dritte Ring

ein Feuer, das aus beiden schlägt entgegen.

 

Etwa zu dieser Zeit entdeckte ich die Arbeiten von Kirpal Singh, die mit sehr bei der Klärung meiner eigenen Erfahrungen dieses Bereiches halfen. Singh ist für mich der unübertroffene Meister des subtilen Bereichs, und ohne seine Führung (wenn auch nur durch ein Buch) wäre ich zweifellos nicht so relativ einfach durch einige dieser Bereiche hindurchgekommen. Singh weist darauf hin dass es innerhalb des subtilen Bereichs eine Hierarchie von zunehmend feiner werdenden, hörbaren Illuminationen gibt, den shabd „Chakren“, bei und jenseits der Chakren (wie das ajna und das sahasrara), welche von früheren und weniger entwickelten yogischen Schulen als das Ultimative angesehen wurden. Sein gesamter Ansatz war hierarchisch, entwicklungsorientiert und dynamisch, und passte perfekt zu meiner eigenen Philosophie, so dass ich keine Zeit damit verschwenden musste ihn zu erlernen, oder dagegen zu argumentieren. Ich konnte ihn einfach verwenden. 

Ich bekam so einen Geschmack des subtilen Bereiches, eine Einführung in das Archetypische, Göttliche, zum yidam (der buddhistische Begriff) und ishtadeva (der hinduistischen Begriff). Dies waren zweifellos die tiefgreifendsten Erfahrungen welche ich jemals gemacht hatte. Und – noch wichtiger –, weil ich bereits (theoretisch und praktisch) mit den Erfahrungen unterbewusster Impulse ziemlich vertraut war, all die „magischen“ und „halluzinatorischen“ Bilder wie sie von Freud und anderen beschrieben werden, vermied ich die Falle der Verwechselung überbewusster Erfahrungen mit unterbewussten Wiederbelebungen. Meiner Erfahrung nach kann jeder, der sorgfältig und persönlich diese verschiedenen Bereiche studiert hat den grundlegenden Unterschied erkennen zwischen präpersonalen, unterbewussten und instinkthaften Erscheinungen, im Gegensatz zu den transpersonalen, überbewussten und archetypischen. Die östlichen Schulen sind sehr explizit hinsichtlich des Unterschiedes zwischen pranamayakosha (emotional-sexuellen Erscheinungen) und anandamayakosha (archetypischen Intuitionen).

Die Grenzen von Erfahrung

Je mehr jedoch diese überbewussten Erfahrungen sich entwickelten – desto mehr dämmerte mir, dass all dies einfach nur Erfahrungen waren – und nicht mehr. Erfahrungen sind definitionsgemäß dasjenige, was einen Anfang und ein Ende hat (und  zeitlich und relativ ist). Je tiefer ich in das Wesen von Erfahrungen eintauchte, desto mehr wurde ich desillusioniert. Diese Bereiche waren zugegebenermaßen in gewisser Weise wirklicher als der materielle, körperliche oder mentale Bereich, jedenfalls so wie ich sie erlebte, aber der Punkt war der, dass diese Erfahrungen immer weitergehen konnten, ohne jemals an ein Ende zu gelangen. Ich würde immer subtilere und noch subtilere Erfahrungen machen, ad infinitum.

Es gibt – ich glaube von Hans Sachs – das Wort, dass eine Psychoanalyse dann endet wenn der Patient erkennt, dass sie endlos weitergehen könnte. Die gleiche Art von Erkenntnis begann mich von den Fixierungen der subtilen Ebene zu kurieren, dem Vishnu Komplex. Der Vishnu Komplex ist ja genau die Schwierigkeit in der Weiterbewegung von der subtilen Seele zum kausalen Geist. Die subtilen Erfahrungen sind so voller Glückseligkeit, so ehrfurchtgebietend, so tiefgründig und so heilsam, dass man sie niemals verlassen und niemals loslassen möchte, sondern für immer in ihrer archetypischen Glorie und unsterblichen Befreiung baden  möchte  - und dass ist der Vishnu Komplex. Wenn der Apollo Komplex die Plage des beginnenden Meditierenden ist, dann ist der Vishnu Komplex der große Verführer des fortgeschrittenen Praktizierenden.

Während meines Zen Trainings jedoch, und durch mein Verständnis (wie oberflächlich auch immer) von Krishnamurti, Shankara, Sri Ramana Maharshi, dem Heiligen Dyonisos und Eckhart – wurde mir immer wieder gesagt, dass der endgültige Zustand keine Erfahrung ist. Es ist keine spezielle Erfahrung neben anderen Erfahrungen, sondern das Wesen und der Grund aller Erfahrungen, hoch oder niedrig...

Dies wurde mir erstmals, wenn auch nur flüchtig während eines sesshins offenbart, einem intensiven Zen Retreat. Am vierten Tag erschien – sozusagen – der Zustand des Zeugen, des transpersonalen Zeugen, der ununterbrochen, ruhig und klar alle auftauchenden Ereignisse von Augenblick zu Augenblick bezeugte: Man sieht den Traumzustand, wie er sich entwickelt und endet. Den Roshi jedoch beeindruckte dieses „mayko“ überhaupt nicht. „Der Zeuge“, sagte er, „ist der letzte Standpunkt des Ego“.

An diesem Punkt löste sich der Zeuge auf und verschwand vollständig. Es gab kein Subjekt im gesamten Universum; es gab kein Objekt im gesamten Universum; es gab nur das Universum. Alles erschien von Augenblick zu Augenblick, es erschien in mir und als ich; und doch war da kein Ich. Es ist sehr wichtig zu erkennen, dass dieser Zustand keinen Verlust von Fähigkeiten bedeutet, sondern diese verstärkte; es war keine leere Trance sondern eine perfekte Klarheit; keine Depersonalisierung sondern eine Transpersonalisierung. Keine der persönlichen Fähigkeiten – Sprache, Logik, Konzepte, motorische Fähigkeiten – gingen verloren oder waren beeinträchtigt. Im Gegenteil, sie funktionierten erstmals, so schien es mir, in einer radikalen Öffnung, frei von den Abwehrmechanismen die von einem separaten Selbst errichtet worden waren. Dieser radikal offene, schutzlose, und perfekt nichtduale Zustand war sowohl unglaublich als auch zutiefst gewöhnlich, so unglaublich gewöhnlich dass er nicht bemerkt wurde. Es gab niemanden um das zu bemerken, bis ich wieder herausfiel (etwa nach drei Stunden).

(aus: Odyssey, Collected Works Vol. 2, Shambhala 1999, S. 41)

Ken über Ken

Ken über Ken

Aus: How would Ken describe himself, ein Audiomitschnitt eines Seminarwochenendes 2003 mit Ken Wilber, http://www.formlessmountain.com/audio1/audio.html

Frage: Man bezeichnet sie als den „Einstein des Bewusstseins“, und den führenden integralen Theoretiker unter vielen. Wenn man mich fragt, wer dieser Ken Wilber eigentlich ist, dann antworte ich: „der klügste Mensch auf unserem Planeten.“ Wie wünschen sie sich, dass man sie beschreibt? [Lachen]

KW: Auf dem Grabstein... [Lachen] was dort draufsteht? Wie wäre es mit: Fortsetzung folgt? [Lachen]. Es ist für mich heute schwerer diese Frage zu beantworten, als vor 10 oder 15 Jahren. Früher konnte ich dazu authentisch etwas sagen, wenn ich heute dazu gefragt werde, dann ist alles leer in mir, und es fällt mir schwer darauf etwas zu antworten, und zwar aus folgendem Grund: Ich denke jeder der (speziell mit spirituellen Themen) arbeitet, und sich dabei – in welchem Bereich auch immer – entwickelt, beginnt seine Karriere – und das ist jetzt eine ganz grobe Abschätzung – mit zur Hälfte egoistischen Ambitionen, und mit Weisheit als der anderen Hälfte. Wenn man sich auf irgend eine Weise entwickelt, besonders in der zweiten Lebenshälfte, und darüber hinaus, verkleinert sich der egoische Teil, wenn man es richtig macht, und die Weisheit wird größer. Und plötzlich sind die Motivationen im Leben ganz andere als vorher. In meinem Leben geschahen eine Reihe sehr einschneidende Ereignisse, die diesen Wandel auslösten. Eines davon, vielleicht das größte – war die Arbeit an EKL [Eros, Kosmos, Logos]. Ich erlebte in dieser Zeit eine 11 tägige Periode – ich habe darüber z.B. in Einfach Das geschrieben -, wo ich während der ganzen Zeit 24 Stunden am Tag bewusst war, ein klassischer, unbewegter turya-Zustand, gelegentlich auch eine turyatita Erfahrung, und in dieser Zeit wurde sehr viel Zeug in mir verbrannt, so dass alles was ich ab diesem Zeitpunkt geschrieben habe, aus einer völlig anderen Motivation heraus entstanden ist. Die zutreffenden Begriffe für diese Motivation wären Pflichterfüllung,   Dharma oder Verpflichtung – dies gab es auch schon zu beginn meiner Laufbahn, aber in einem geringeren prozentualem Verhältnis. Am Anfang spielte das keine so große Rolle. Ich schrieb mein erstes Buch als ich 23 Jahre alt war, und Leute verglichen das mit Arbeiten von William James usw. – ihr könnt euch vorstellen, wie groß das Ego wird, wenn so etwas geschieht, auch wenn man über trans-egoische Themen schreibt... Und so wird das ein Teil des inneren Dialoges: „ich schreibe gute Sachen, cool, ich möchte als derjenige gelten, der am klügsten ist...“ Doch ab einem gewissen Punkt verliert all das jegliche Bedeutung. Es wurde auch gesagt: „Wilber ist der neue Hegel“, auch das begleitete mich einige Jahre lang. Wenn man damals ein Aufnahmegerät in meinem Kopf angebracht hätte, um zu hören wie ich zu mir spreche, dann hätte ich zu dieser Zeit vielleicht gesagt: „das wäre wirklich cool, und es wäre schön, wenn das so wäre“... Doch davon ist nichts mehr in meinem Kopf. Ich führe derartige Gespräche nicht mehr mit mir, und kann daher auch keine Antwort geben, wenn ich darüber befragt werde. Dies bedeutet nicht, dass ich keine Eigenheiten mehr hätte – es gibt immer noch Selbst-Kontraktionen, Sturheiten, Subpersönlichkeiten – ich habe eine ganze Versammlung von Sub-Persönlichkeiten in mir, ich habe den Eindruck dass die sich jeden Donnerstag treffen und darüber beraten, wie sie mir die Woche versauen können [Lachen]. Damit habe ich also immer noch zu tun. Aber in meinem Innenraum habe ich nicht mehr diesen Selbstbezug mit Überlegungen, wie man mich in Erinnerung behalten sollte. Ich habe kein Interesse an Ken Wilber, aber ich habe eine brennende Leidenschaft für integrale Ideen. Ich hoffe also, dass man sich der integralen Ideen erinnern wird, als Ideen an denen jeder teilhaben kann, als etwas was die Welt umfassender zusammenbringt. Dafür habe ich sehr viel Leidenschaft. Daran denke ich, aber ich denke nicht über Ken Wilber nach.

Aufs und Abs

Aufs und Abs

(Aus “Insights at the Edge”, Ken Wilber in Dialog mit Tami Simon, www.soundstrue.com/podcast/)

Tami: Ken, warum ist deine Arbeit so sehr auch Deine Leidenschaft? Was bedeutet die integrale Vision für Dich?

KW: Ich denke – und ich möchte mir damit nicht  zu sehr auf die eigene Schulter klopfen, aber ich denke es hängt mit meiner integralen Bewusstheit zusammen. Ich bin schon ziemlich früh dort hineingestolpert, oder habe mich dorthin entwickelt. Mein ersten Buch Das Spektrum des Bewusstseins schrieb ich im Alter von 23 Jahren, und es war eine integrierte  Zusammenstellung der damaligen psychotherapeutischen Systeme, östlich und westlich. Ich zeigte auf wie sie sich alle in einem umfassenden, und wahrhaft holistischen Rahmen zusammenbringen lassen. Das Bewusstsein hat ein Spektrum unterschiedlicher Ebenen, und die verschiedenen Psychotherapien wurden aus den unterschiedlichen Ebenen und für diese entwickelt. Für die etwa sechs wichtigsten psychotherapeutischen Schulen der Welt bedeutet dies, dass nicht eine von ihnen richtig liegt und alle anderen falsch sind, sondern dass sie sich jeweils mit unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseinsspektrums beschäftigten. Dieses Thema zieht sich wie ein roter Faden durch alle meine Bücher, vom aller ersten bis zum aktuellsten Buch, ich habe etwa 25 geschrieben. Ich schaue mir unterschiedliche Disziplinen  wie Anthropologie, Soziologie, Philosophie, Psychologie, Naturwissenschaft an, und halte dabei Ausschau nach einer umfassenderen Weltsicht -, einer Weltsicht die nicht fragmentiert und bruchstückhaft ist, sondern ein harmonisches Ganzes darstellt. Das ist auch die Richtung der Evolution. So oder so – ich scheine einer der ersten Surfer dieser evolutionären Welle gewesen zu sein. Ich bin dabei geblieben und freue mich zu sehen, wie sich der Einfluss integraler Ideen mehr und mehr verbreitet, langsam, aber doch immer mehr mit jedem Jahr. Mittlerweile hat sich diese Bewusstheit in der ganzen Welt verbreitet, überall auf dem Planeten erwachen Menschen zu ihren integralen Möglichkeiten. Das ist es auch was wir jetzt für die weltweiten Probleme brauchen, die Klimaveränderung, die Wirtschaftskrise oder auch die Kulturkriege. Entweder es gelingt uns, diesen Problemen von einem wahrhaft holistischen und umfassenden Standpunkt aus zu begegnen, oder wir machen weiter wie bisher, mit fragmentierten und bruchstückhaften Ansätzen, was bedeutet dass wir die Probleme nicht lösen werden. Wir leben also nicht nur in einer Zeit wo das Integrale mehr und mehr zum Vorschein kommt, sondern auch in einer Zeit wo wir das Integrale dringend benötigen. Es geschieht gewissermaßen auch zur rechten Zeit. 

Tami: Seit über drei Jahrzehnten arbeitest du daran die integrale Vision voranzubringen. Was hat sich deiner Meinung nach in deinem eigenen Denken in dieser Zeit geändert? Von welchen deiner Gedanken vor dreißig Jahren hast du dich mittlerweile verabschiedet, weil sie sich als falsch herausgestellt haben? Was hat dich enttäuschet in dieser Zeit, im Hinblick darauf wie die integrale Vision in die Welt bebracht wurde? Was hat sich verändert, was war enttäuschend, oder auch überraschend? 

KW: Zu dem was sich geändert hat kann ich sagen, dass ich Glück gehabt habe. Als ich gebeten wurde an der Herausgabe meiner gesammelten Werke mitzuarbeiten, bin ich die früheren Bücher und Schriften noch einmal durchgegangen, habe sie gelesen und war erfreut festzustellen, dass ich mit 95% von dem was ich geschrieben hatte nach wie vor übereinstimmte. Jedes Buch deckte einen bestimmten Bereich ab, und über Dinge mit den ich mich damals noch nicht beschäftigt hatte habe ich auch nichts geschrieben. Ich habe meine integrale Vision nicht überdehnt, sondern mich innerhalb der Grenzen bewegt wo ich mich auskannte. Ich kann zu praktisch allen Aussagen in diesen Büchern heute noch stehen, das ist ein glücklicher Umstand. Aus irgend einem Grund gebe ich keine Kommentare ab zu Dingen ab für die ich keine Evidenz und Beweise habe, und das ist vielleicht einer der Gründe warum Menschen meine Bücher als glaubwürdig betrachten, und einer der Gründe warum alle meine Bücher nach wie vor verlegt werden. Man findet dort eine Wahrheitsqualität von dauerhaften Wert.

Was die Überraschungen, Enttäuschungen, die Aufs und Abs betrifft, davon gibt es viele, sowohl positive wie negative. Das hängt von der Blickrichtung ab die man dabei einnimmt. Die Ausbreitung der integralen Ideen weltweit kann einem atemberaubend schnell vorkommen, aber auch endlos langsam erscheinen. Das ist auch enttäuschend. Was das Positive angeht: die Anzahl derjenigen Menschen die sich zur integralen Idee hingezogen fühlen ist wirklich atemberaubend. Sie entwickeln ihre eigenen integrale Ansichten, oder verwenden meine, oder werden integral. Vor fünf Jahren hätte ich mir noch nicht vorstellen können, dass ein amtierend Präsident und sein Vize meiner Arbeit positiv erwähnen. Und doch haben [Bill] Clinton und [Al] Gore das getan ... Dies ist absolut erstaunlich, und war vor einigen Jahren noch unvorstellbar.

Doch dann gibt es Tage – wie heute zum Beispiel – wo ich denke, das alles viel zu langsam geht. Das enttäuscht, nervt, und alles was man tun kann ist einen tiefen Atemzug zu nehmen, meditativ zu werden und sich dem zuwenden was auftaucht. Es gibt also diese sehr realen Aufs und Abs dabei.