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24.7.2017 : 12:35 : +0200

Ken Wilber über seine Arbeit

(aus: Integral Naked, Ken Wilber im Dialog mit Studenten der Fielding Graduate University)

Gelehrter Idiot, oder einfach nur Idiot?

[Idiot Savant, or Just an Idiot?]

Einleitung der IN Redaktion

Dieses Gespräch ist ein Juwel für alle diejenigen, die sich fragen, wie Ken arbeitet – eine Arbeit, die bereits mit den Arbeiten der großen Genies der Menschheitsgeschichte verglichen wird. Mit einer Bescheidenheit, die manche vielleicht überrascht, erläutert Ken seine Fähigkeit zur Mustererkennung und Informationssynthese als etwas, was einer Verrücktheit ähnelt: Niemand weiß, wie es wirklich funktioniert, es ist auch nichts, für das man sich selbst loben muss, und alles, was einem dabei zu tun bleibt, ist das Maximale aus sich herauszuholen, um die Wahrheiten dieser Gabe so gut es einem möglich ist zu kommunizieren – mit Humor, Leichtigkeit und mit Freiheit. Ken macht sich einen Spaß daraus zu fragen: „Ist er wirklich etwas Besonderes, oder ist er einfach nur seltsam? Die Geschichte wird darüber entscheiden ...“

 

Frage: Wie machen Sie das persönlich, dass sie alle diese Informationen verfolgen, es gibt so viele Informationen ... 

KW: Ich mache mir keine Notizen, ich arbeite am Computer und das ist alles. Ich weiß nicht, warum das so ist, es hat etwas von einer verrückten Gelehrtheit. Ich habe mich in 23 unterschiedliche Disziplinen auf einem Niveau eingelesen, was mindestens einem Doktortitel entspricht ... Ich weiß es nicht, ich hoffe, es ist etwas Besonderes. Ich bin mir darüber bewusst, dass dies extrem seltsam und selten ist. Man kann sich darüber Gedanken machen, was das alles bedeutet. Als junger Mann habe ich das noch intensiver gemacht, es gehört dazu, wenn man so etwas wie z. B. Hegel machen möchte. Mittlerweile hat dies für mich keine besondere Bedeutung mehr, es passiert einfach. Ich sehe es als meine Pflicht an, dies so gut und verantwortlich, wie ich kann, zu kommunizieren. Ich glaube, es ist eine tiefe metaphysische Regel, dass man wichtige Wahrheiten nur dann verstehen darf, wenn man eingewilligt hat, diese auch zu kommunizieren. Wenn man das nicht tut, dann wird man glaube ich krank, dann wird die Seele wirklich wirklich krank. Ich versuche daher verantwortlich damit umzugehen. Wir bemühen uns innerhalb der integralen Universität darum und am integralen Institut allgemein. Was daran wirklich großartig ist: Vieles von dem, was ich mache, ist im 2nd und 3rd Tier verankert, das heißt, es ist verankert in real existierenden Bewusstseinsstrukturen und Zuständen. Ich habe das nicht erfunden, sondern bin in neue Territorien vorgestoßen. Ich habe es entdeckt, aber nicht erfunden. Das türkise Territorium als ein Beispiel ist eine konkrete „Substanz“ im Universum, es existiert, es hat eine kosmische Adresse. Doch es liegt nicht fix und fertig irgendwo herum. Es wird hervorgebracht und inszeniert [enacted] durch diejenigen, die sich zu dieser Ebene oder Bewusstseinsstruktur entwickeln. Es ist etwas, was wir alle hervorbringen, wenn wir uns in dieses Terrain wagen. Ich bin lediglich etwas früher darauf gestoßen, und habe über dieses außerordentliche und neue Territorium geschrieben. Wir alle sind auf diesem neuen Kontinent gelandet und können jetzt miteinander darüber sprechen. Jetzt geht es um die Ausgestaltung dieses Kontinents, das ist eines dieser seltsam wundervollen Dinge. Es ist ein Berg, der bereits da ist, aber in gewisser Weise auch nicht. Er ist vorhanden, wenn wir ihn ersteigen, und tritt dadurch in die Existenz, aber er hängt nicht nur von uns ab, wir sind lediglich darauf gestoßen, und erschaffen ihn miteinander [co-creation]. Ich glaube schon, dass das, was ich mache, etwas Besonderes ist und keine Spinnerei, doch darüber wird die Geschichte entscheiden.

Meistens arbeite ich an mehreren Büchern gleichzeitig, notiere mir Zitate daraus, und das ist schon alles, was ich verwende. Aus irgendeinem Grund bewahre ich die Informationen der Tausenden von Büchern, die ich gelesen habe in mir auf, doch es handelt sich dabei nicht um ein fotografisches Gedächtnis, das einem nicht weiterhilft, weil man Informationen verstehen muss. Ich bewahre das Verständnis dessen, was ich lese, aus irgendeinem Grunde in mir auf, und kann es wieder aufrufen. Damit habe ich im Alter von 18 Jahren begonnen. Ich kann mit dieser Art verrückter Gelehrtheit auch Muster erkennen. Das funktioniert etwa so: Wenn ich beispielsweise in einem Film ein Gesicht sehe, dann erkenne ich dieses Gesicht von jeder beliebigen Perspektive aus wieder, auch wenn ich vielleicht nur einen Ausschnitt des Ohrs von hinten sehe. Das ist wirklich seltsam, ich kann Muster erkennen. Lese ich beispielsweise etwas von Jane Loevinger, und zwei Jahre später etwas von Erich Jantsch, und wieder Jahre später etwas von Robert Kegan, dann erkenne ich sofort wie sie zusammenpassen. Das taucht einfach in mir auf. Darum kann ich auch über diese verbindenden Muster schreiben, es ist das, was ich sehe. Ich durchdenke das nicht, ich schaue es mir an und durchschaue es, und berichte, was ich sehe. Daher schreibe ich auch so schnell. Ich denke dabei nicht –, ich sehe, höre oder fühle. Wenn ich mich hinsetze und ein Buch schreibe, dann ist das Buch in meinem Kopf schon fertig. Es gibt ein paar wenige Ausnahmen, aber meistens schreibe ich meine Bücher innerhalb eines Monats. Der erste Entwurf ist dabei sehr nahe an der endgültigen Version.

Ist es etwas Besonderes, oder ist es einfach nur seltsam? Die Geschichte wird darüber entscheiden.