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29.3.2017 : 13:07 : +0200

Ken Wilber über seine Gesundheit

Ken Wilber an seinem 60. Geburtstag

„Leiden ist die erste Gnade“ – Ken Wilbers Leidens- und Gnadensweg

Michael Habecker

Es scheint, als ob das erhöhte Leben, das der Lohn mystischer Hingabe ist, sie [die MystikerInnen] fähig machte, über ihre körperlichen Schwächen zu triumphieren und zu leben und ihre Arbeit zu tun unter Bedingungen, die gewöhnliche Menschen zu allem unfähig gemacht hätten.

Evelyn Unterhill, Mystik

Ein Teil der Vorstellungen über den Abgrund, das absolut Unmanifestierte, die Leere ist, dass sie frei ist von jeglicher Art von Qualität, einschließlich der Qualität, die ich gerade genannt habe. Man kann also nicht davon sprechen, dass es eine Abwesenheit von etwas wäre... die erste Manifestation ist sowohl unendliche Freude und unendlicher Schmerz, beides geht zusammen. Man kann nicht das eine ohne das andere haben. Hat man nur Leere und unendliche Freude, dann verpasst man die Hälfte von dem, was Gott tut. Das ist eine ganz subtile spirituelle Pathologie, auf einer sehr subtilen Ebene.

Beides gehört dazu – kannst du den unendlichen Schmerz fühlen? Irgendjemand fühlt ihn ja – die höchste erste Person fühlt ihn, und diese Perspektive der ersten Person ist ein Teil des Yogas der ursprünglichen Perspektiven, bei dem man in diesen unendlichen, unendlichen Schmerz hineinfühlt.     

Ken Wilber

 

Vielen seiner LeserInnen ist Ken Wilber „nur“ als großer Landkartenhersteller, integraler Theoretiker und Philosoph bekannt, doch das ist gewissermaßen nur die Hälfte von ihm. Ein anderer, und doch der gleiche Ken Wilber begegnet uns in seinen persönlichen Mitteilungen, insbesondere in denen, wo es um das Thema Leiden geht, und zwar nicht in einer abstrakten Form, sondern um von ihm erlebtes persönliches Leid.

Begonnen darüber zu schreiben hat Wilber in dem Buch Mut und Gnade, in dem er den Lebens- und Sterbensweg seiner damaligen Frau Treya beschrieb, unter Verwendung ihrer Tagebuchnotizen. Dabei sollte ein Ereignis, das er in dem Kapitel Narcissus oder die Selbstkontraktion  beschreibt, besonders weitreichende Folgen haben.

Incline Village ist eine Kleinstadt von vielleicht siebentausend Einwohnern, am Nordostufer des Lake Tahoe gelegen ... 1985 wehte eine bizarre Krankheit in dieses Nest und infizierte zweihundert Menschen; die Krankheit – sie hatte etwas von einer milde verlaufenden Form der multiplen Sklerose – machte die Befallenen weitgehend kampfunfähig. Die Hauptsymptome waren: schwaches Dauerfieber, sporadische Muskeldysfunktionen, Nachtschweiß, schmerzhaft geschwollene Lymphdrüsen und schwere Erschöpfungszustände. Über dreißig der zweihundert Opfer mussten stationär versorgt werden, weil sie buchstäblich nicht mehr stehen konnten. Computertomografien zeigten zahlreiche kleine Gehirnläsionen, ähnlich wie bei MS. Besonders merkwürdig an dieser Krankheit war, daß sie offenbar nicht von Mensch zu Mensch übertragen wurde: Erkrankte Männer gaben sie nicht an ihre Frauen weiter, Frauen nicht an die Kinder. Niemand wusste, wie sie übertragen wurde, und schließlich einigten sich die Fachleute auf irgendein Umweltgift oder sonstige Umweltfaktoren. Aber was auch immer da plötzlich in den Ort geweht worden war, ein Jahr später war es ebenso plötzlich wieder verschwunden. Seit 1985 wurde in der Gegend kein einziger neuer Fall mehr bekannt. Treya und ich zogen 1985 nach Incline Village. Ich war einer von den zweihundert Glücklichen. Ein Drittel der Befallenen schlug sich etwas sechs Monate damit herum, ein weiteres Drittel zwei bis drei Jahre; das letzte Drittel hat die Krankheit bis heute (und viele von ihnen befinden sich nach wie vor in Krankenhäusern). Ich war im mittleren Drittel, mir standen also zwei bis drei Jahre bevor. Ich hatte Muskelkrämpfe, ein manchmal fast schon konvulsivisches Zittern, chronisches Fieber, geschwollene Drüsen, war nachts schweißgebadet und obendrein über alle Maßen erledigt. Wenn ich aufgestanden war und mir die Zähne geputzt hatte, fühlte ich mich schon wie nach einem Tag schwerer Arbeit. Die Treppe kam ich nur mit häufigen Pausen hinauf ...“

 

Nach dem Überstehen der akuten Phase dieser Erkrankung zeigten sich jedoch bald chronische Schäden an Wilbers Immunsystem. Nachdem er immer wieder nach seinem Gesundheitszustand befragt wurde, versandte Wilber im Oktober 2002 an ihm nahestehende Menschen einen dramatischen Gesundheitsbericht[1], in dem er seinen Zustand wie folgt beschreibt:

Einige haben sich nach meiner Gesundheit erkundigt, und daher möchte ich dazu einen Überblick geben.

Was ich habe nennt man RNase [Ribonuclease] Enzym-Mangelerkrankung (ich mag die Abkürzung davon: REDD). Man nimmt an, dass diese Krankheit ganz oder teilweise verantwortlich ist für eine ganze Reihe von Erkrankungen wie multiple Sklerose, myalgische Encephalomyelitis, ALS [amyotrophic lateral sclerosis], entzündliche rheumatische Arthritis, Golfkrieg-Syndrom und Fibromyalgie, um nur ein paar zu nennen.

Lange Zeit waren die Merkmale und Charakteristika dieser Erkrankung unklar, doch jetzt gibt es einen definitiven Test (zu 95% positiv), und sie wird als eine abgrenzbare und klinisch beschreibbare Erkrankung betrachtet, wenngleich genaue Information über sie selten sind, besonders unter Ärzten (zum großen Schaden ihrer Patienten).

Das Grundproblem dabei ist leicht zu erklären: RNase ist ein Enzym, das der menschliche Körper produziert, wenn er von Viren oder Bakterien angegriffen wird. Wie der Name besagt, greift RNase Boten-RNS an, wo immer sie sie findet. Sobald sie mit einem eindringenden Virus oder Bakterium in Kontakt kommt, zerstört sie seine RNS und tötet damit den Eindringling. Dies ist ein sehr schnellwirkender Verteidigungsmechanismus, im Unterschied zu der langsameren Produktion von T-Zellen, B-Zellen usw., die Tage oder sogar Wochen benötigt. Damit ist die RNase einer der ersten Abwehrmechanismen des Organismus.

Bei REDD wird der RNAse produzierende Mechanismus auf irgendeine Weise beschädigt, oft geschieht dies durch Umweltgifte. 1985 ereignete sich in einem Ort namens Incline Village, nördlich vom Tahoe-See, etwas, was mittlerweile als ein gut erforschter Ausbruch von REDD bekannt ist, bei dem über 200 Menschen davon betroffen waren (ich war einer der Glücklichen von den 200. Treya und ich lebten zu dieser Zeit dort, und sie erholte sich von einer intensiven Chemotherapie). Eine verbreitete Hypothese besagt, dass dieser Ausbruch durch eine lokale Toluolemission verursacht wurde, doch niemand weiß das wirklich genau. Die Krankheit selbst ist nicht von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ist der Schaden einmal eingetreten, beginnt der Körper, eine verkürzte, jedoch hoch aktive Form von RNase zu produzieren (37 kD anstatt 80 kD). Diese 37kD RNase hat keinen Abschaltmechanismus, weil der Körper nur die 80kD Formen erkennt. Deshalb produziert der Körper immer weiter die 37kD RNase, die dann die RNS in buchstäblich jeder Körperzelle angreift.

Der Test auf diese 37kD RNase fällt positiv aus bei 95% der Patienten mit REDD und bei 0,00% in der Gesamtbevölkerung, und daher wird er als definitiver Test und eine klinische Entität betrachtet.

Eine der ersten Dinge, die durch die defekte RNase beschädigt werden ist das Peptid-System [glutathione system], welches eines der wichtigsten Anti-Oxidations-Systeme des Körpers ist. Das macht den Organismus angreifbar gegenüber seinen eigenen freien Radikalen. Was dabei am meisten Schaden erleidet sind die Mitrochondrien, welche die meiste Energie und die meisten freien Radikale produzieren, als die kleinen Organellen in Zellen, die die gesamte Körperenergie produzieren.

Bei fortschreitender Erkrankung werden immer mehr Mitochondrien beschädigt und zerstört. Bei schwerem Krankheitsverlauf sind die Patienten für den Rest ihres Lebens bettlägerig. Viele der Opfer in Tahoe sind bettlägerig, und das bedeutet sie sind rund um die Uhr auf professioneller Pflege angewiesen.

Ein weiteres System, das schnell beschädigt wird, ist das Th1 Immunsystem des Körpers, das für den intrazellulären Schutz sorgt (d.h. den Schutz gegen Krankheitserreger, die innerhalb der Zelle angreifen, wie Viren und primitive Bakterien wie Mykoplasmen). Ein opportunistischer Erreger wird definiert als ein Erreger, der praktisch schon überall im Organismus präsent ist (und überall lauert), der jedoch nur angreift, wenn ein Teil des Immunsystems versagt. Im Fall von REDD sind opportunistische Viren HHV6, Eppstein-Barr und CVM. Auf der bakteriellen Seite sind dies die Mykoplasmen. Über 70% der REDD-Patienten haben eine akute HHV6 Erkrankung, und über 60% haben Mykoplasmen-Infektionen. In der Gesamtbevölkerung sind es bei beiden Erkrankungen weniger als 3%.

Dies sind Symptome, die bei allen Formen von REDD vorkommen. Zusätzliche Symptome treten auf in Abhängigkeit davon, welche anderen Körpersysteme von den eigenen freien Radikalen am meisten angegriffen werden. Ist das Gehirngewebe betroffen, entsteht eine myalgische Encephalomyelitis, funktional nicht unterscheidbar von MS (MS-Patienten leiden auch zu über 60% unter einee aktiven HHV6 Erkrankung und Mykoplasmen). Weiterhin zählt man zu diesem Erkrankungskreis Formen von chronischer Erschöpfung mit Bewegungseinschränkungen, rheumatischer Arthritis, Golfkriegs-Syndrom und ALS. Auch wenn dieser Krankheitszustand oft CFIDS genannt wird (chronisches Erschöpfungssyndrom), trifft er nur auf schwerste Erschöpfungszustände zu. Eine Yuppie-Depression ist jedenfalls etwas anderes.

Die erste Phase der Krankheit dauert etwa 5 Jahre und endet ironischerweise, wenn die Fähigkeit des Körpers, Protein zu synthetisieren, so schwer beschädigt ist, dass auch keine RNase mehr produziert werden kann. Die Betroffenen treten dann in die zweite Krankheitsphase ein, die etwa 10 Jahre dauert, mit einem relativ ruhigen Krankheitsverlauf, jedoch mit erheblichen Einschränkungen hinsichtlich ihrer physischen Aktivitäten. Sie leben gewissermaßen in einer „funktionalen Blase“, mit oft nur wenigen Tagesstunden, in denen sie sich bewegen und umherlaufen können. Glücklicherweise führe ich einen Lebensstil, der weitgehend ohne einen Körper auskommt J, und so hatte ich eine relativ gute mittlere Krankheitsphase (etwa die 90er Jahre).

Die dritte Phase beginnt, wenn die Schäden in verschiedenen Gewebesystemen insgesamt ihren Tribut einfordern. Der Körper wird angreifbar für neue Attacken durch die 37kD RNase. Bei jeder Infektion, einer Erkältung, Grippe oder Fieber produziert der Körper Interferon, das die Zellen veranlasst, RNase zu produzieren – welches in diesem Fall natürlich eine defekte RNase ist. Dies führt zu noch mehr Schäden in den Mitochondrien, usw.

Das dabei auftretende Grundsymptom heißt "Hypoxia" oder Sauerstoffmangel in den Zellen (wegen der beschädigten Mitochondrien), ein Gefühl als würde man ersticken, und man ist oft rund um die Uhr bettlägerig. Für mich bedeutet dies glücklicherweise Megameditation. Es bedeutet auch Depression, Traurigkeit und Schmerz, nicht so sehr körperlicher Schmerz, sondern der Schmerz darüber, was der Körper nicht mehr tun kann.

Eigenartigerweise schreibt mein Geist-Verstand dabei weiterhin Bücher. Auch während dieser letzten wirklich schwierigen Phase (im Verlauf der letzten sechs Monate) gelang es mir, etwa 800 ziemlich gute Seiten zu produzieren, oft im Bett geschrieben, aber was macht das schon?

Im Mittelpunkt stand dabei für mich nie der Schaden an den Mitochondrien, mit dem ich ziemlich gut fertig wurde, wenn auch oft unter großen Schmerzen. (Interessanterweise beschädigt REDD das aerobische System und nicht so sehr das anaerobische System – ich hörte zu dieser Zeit mit dem Joggen auf, ohne diesen Zusammenhang zu kennen, und begann mit Gewichten zu trainieren ...) Das eigentliche Problem dabei ist, wenn ich eine (oder zwei oder drei) dieser opportunistischen Infektionen zusätzlich zu REDD bekomme. Man stelle sich die schlimmste Grippe vor, die man jemals hatte, subtrahiere dann 80% der eigenen normalen Körperenergie, und man bekommt dann ein Gefühl davon, wie es sich anfühlt – glücklicherweise dauert dieser Zustand nur 6 oder 8 Monate ...

Viele dieser Informationen (einschließlich der Existenz von 37kD RNase, den schweren Schäden an den Mitochondrien, einer über 70%igen Infektionsrate mit HHV6 und Mykoplasmen) wurden erst in den letzten 5 Jahren entdeckt, weshalb ich auch vorher dazu wenig sagen konnte – ich wusste darüber einfach zu wenig. Ich stellte mich dem, was kam, und erfüllte mein Schicksal.

Manche von euch erinnern sich vielleicht an die wirkliche schlimme Staphylokokken­infektion, die ich vor etwa 5 Jahren hatte. Ich hatte damals tatsächlich diese Infektion, und zu jener Zeit waren die Erreger die Ursache. Doch das machte insgesamt nur teilweise Sinn, egal was die Ärzte sagten, weil derartige Infektionen nicht zu solchen Symptomen führen. In der Rückschau ist nun klar, dass ich damals eine opportunistische Mykoplasmeninfektion hatte (die durch eine sechs bis zwölfmonatige Einnahme von dualen Antibiotika hätte abgetötet werden können – die gleichen Antibiotika, die mir glücklicherweise für die Staphylokokkeninfektion verordnet wurden). Dass es mir nach acht Monaten besser ging, lag nicht daran, dass die Staphylokokken abgetötet wurden, sondern die Mykoplasmen.

Jedenfalls bekam ich im letzten Frühjahr chronisches Fieber, das mich wirklich auf eine ziemlich unangenehme und langandauernde Weise niederrang, mit eimerweisem Ausspucken von Mitochondrien und angeschlossen an reinem Sauerstoff (ein sehr cooler Trip). Jetzt befinde ich mich seit zwei Monaten auf einer auf sechs Monate angesetzten Behandlung mit dualen Antibiotika.

Es werden Tests gemacht auf die sechs häufigsten opportunistischen Erreger, die bei dieser Reise so auftreten. Probleme gibt es immer dann, wenn eines von denen zu REDD dazukommt. Daher mache ich diese Tests und hoffe, so die kleinen Scheißkerle nacheinander ausmerzen. Mitfühlend, natürlich.

Niemand kennt den Auslöser, der die beschädigte RNase zum Ausbruch kommen lässt, Umweltgifte scheinen dabei eine wesentliche Rolle zu spielen. Ein Forscher sagte mir letzte Woche, dass man an der Harvard Universität glaubt einen Retrovirus entdeckt zu haben. Wenn das stimmt, ist das wahrscheinlich der Hauptverursacher. Dennoch ist die Krankheit nicht von Mensch zu Mensch übertragbar, und so hoffe ich, dass es ein Retrovirus ist, denn das würde die Chance bedeuten, ähnlich wie bei der HIV-Erkrankung einen Protease-hemmenden Cocktail zu entwickeln, der die Ursache bekämpfen könnte. Ob das so ist, wird sich zeigen ...

Lasst mich an dieser Stelle einigen Dampf ablassen: Verbringe ich viel Zeit damit, mir über die „Lektion" Gedanken zu machen, die ich mir durch diese Erkrankung selbst erteilt habe? Ihr könnt mich mal [go fuck yourself ] ... Soll ich die Frage beantworten? Treya und ich haben fünf Jahre damit verbracht Leuten zuzuhören, die ihr erklärten, weshalb sie Krebs bekommen hatte. Sie sagten ihr, was sie spirituell falsch gemacht hätte. Das Problem dabei war, dass sie alle unterschiedlicher Meinung waren, außer in ihrer arroganten Anmaßung genau zu wissen, was Treya wirklich bewegte. Sie projizierten  ihre eigenen tiefsitzenden Ängste auf Treya, und schrieben sie ihr zu, als Ursache für ihren Krebs. Natürlich gibt es spirituelle, mentale und emotionale Faktoren bei jeder Erkrankung. Wenn du wissen möchtest, welche meine sind, dann frage mich bitte, anstatt es mir zu sagen. Wenn ich deine Meinung hören will, dann werde ich dich fragen, versprochen. Ansonsten behalte deine Projektionen für dich, ich habe bereits genug zu tun mit einem ängstlichen und verwirrten Arschloch – mit mir selbst – und wirklich: das ist mehr als genug.

Besonders in meinem Zustand. (J)

Diese Mitteilung über meine Erkrankung ist nicht vertraulich, sie kann verbreitet werden. Manchmal habe ich einfach nur gesagt, „es ist diese alte Staphylokokkeninfektion", weil die wirkliche Geschichte zu viel Zeit für eine Erklärung benötigt.

Manchmal komme ich gut damit klar, manchmal nicht. Die meiste Zeit über bin ich glücklich, und es gibt leuchtendes Sahaj, mit einem schmerzenden Körper, der spontan erscheint in einem Ozean seliger Leerheit. Manchmal ist da auch einfach nur der schmerzerfüllte Körper. In allen Zuständen ist mein ICH frei und strahlend, mein kleines Ich ist jedoch ruiniert, und die Frage ist, auf welcher Seite der Identifikation ich mich gerade bewege.

Was nicht großartig ist, sind die physischen Dinge, die ich während der akuten Infektionen nicht machen kann – deshalb mussten wir auch das integrale Psychologieseminar und das ITP-Seminar absagen. Diese Sachen nicht machen zu können, trifft mich wirklich sehr. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich eine Kriegsverletzung, die ich mir zugezogen habe, als ich mich um Treya kümmerte, das macht es mir leichter zu ertragen. Doch noch einmal: ich bin auf so viele Weise gesegnet, weit über alles verdiente Maß hinaus – dieser Geist begegnet dem Geist Gottes so oft, und sogar die Engel weinen.

Ich danke euch allen für eure freundlichen Wünsche, Gebete, das Geben und Nehmen und die anteilnehmende Zuwendung. Ehrlich: wenn ich als Ich-Ich ruhe, dann bin ich frei und erfüllt, das kann ich euch versprechen. Das physische, körperliche Leben ist nicht so toll, da gibt es nichts zu beschönigen, und manchmal ist es mehr, als ich meine ertragen zu können. Doch gerade jetzt habe ich alles, was ich brauche. Willow und die vom inneren Kreis des II [integral institute] sind hier um zu helfen, Marci macht Reiki mit mir in einer industriellen Größenordnung, und die Dinge sind so wie sie sind, immer-schon.

Ich habe wie ein Wirbelwind geschrieben, an den besseren Tagen. Ich habe Band 3 (jetzt Band 2) der Kosmos-Trilogie beendet – insgesamt etwa 1400 Seiten, die ich herausgeben und hoffentlich auch verdichten möchte (oder ich breche das Ganze einfach auseinander, und nenne die erste Hälfte „Band 2" und die zweite Hälfte „Band 3"). Die zweite Hälfte werde ich in etwa 4 oder 5 Auszügen (Excerpts) von etwa 150 Seiten vorab veröffentlichen (das sind die 800 Seiten, die ich während der vergangenen Monate geschrieben habe), ein Auszug A ist bereits auf der KW-Shambala-Seite veröffentlicht (über den integralen methodologischen Pluralismus und über integrale Post-Metaphysik). Während ich Auszug B editierte, kam ich auf die Sache mit den Perspektiven, die ich gegenüber einigen von euch schon erwähnt habe. Dies ist im Grunde ein weiteres Buch, und es ist ziemlich unerhört, so leicht und so cool wie Eros Kosmos Logos. Wie beim Schreiben von EKL habe ich auch jetzt überall Notizzettel im Raum verteilt, mit den Anfängen eines „integralen Kalküls“, der einen Kosmos aus Perspektiven statt aus Wahrnehmungen konstruiert. Zum Teil ist dies eine konkrete Rechenmethode, wie die von G. Spencer-Brown im Buch Gesetze der Form (die Varela auch in seiner Autopoiesis-Theorie verwendet). Brown verwendet jedoch eine Flachland-Kosmologie, in der Subjekte Objekte sehen, anstelle von ersten und zweiten und dritten Personen (Holons), die sich gegenseitig sehen. Letzteres ergibt einen wirklichen Kosmos mit wirklichen empfindenden Wesen, die Perspektiven haben, und nicht einen Akteur, der einfach nur auf eine Welt von Fremdartigkeit starrt. Zu dieser Theorie gehört auch ein integrales Kalkül (eine Mathematik), die wirklich atemberaubend ist. Ich bin schon bei 120 Notizseiten angelangt, wenn ich bei 200 bin, wird die Sache vielleicht konkret genug sein ... Ich möchte das als ein eigenes Buch herausbringen, und möchte den Band 2 der Kosmos Trilogie herausgeben, oder zumindest die Auszüge. Was die integralen Perspektiven betrifft: David Deida hat mich gerade besucht, und sich einen Überblick verschafft. Er ist definitiv der Meinung, dass dies über EKL hinausgeht ... fragt ihn selbst darüber. (Wenn er euch erzählt, dass er lediglich den kranken Typen aufheitern wollte, dann behaltet es bitte für euch). Glücklicherweise brauche ich zum Tippen nur zwei Finger, so dass mich die physischen Einschränkungen nicht so sehr getroffen haben. Ich verbringe jeden Tag mehrere Stunden mit EcoISP – Bob und Tom sind so nett und besuchen mich in meinem Loft. Den Rest des Tages verbringe ich meistens im Bett, meditierend oder agierend, je nachdem ...

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich hoffe, dass die Kombination von Tests und Behandlungen die opportunistischen Erreger unter Kontrolle bekommen. Wenn das klappt, kann ich ein aktiveres physisches Leben wieder aufnehmen, einschließlich von Treffen mit den Kernteams. Wenn nicht, dann eben nicht. Ich werde euch auf dem Laufenden halten ...

Noch einmal vielen Dank für eure Liebe und Besorgnis. Ich fühle euch wirklich bei mir und mit mir. Viel Liebe, Ken.

22. Oktober 2002

 

Vier Jahre später auf diesem Leidens- und Gnadensweg erlitt Ken Wilber einen schweren Anfall. Der Bericht dazu erschien auf seiner persönlichen Homepage, als ein außergewöhnlicher medizinischer, psychologischer sowie auch spiritueller Report.


Meditiere und iss dein Grünzeug

[aus: www.kenwilber.com, Blogpost vom 26.12.2006, Meditate and Eat Your Veggies]

Liebe Freunde,

am 5. Dezember um 20:30, während Becca und ich einen Film anschauten, erlitt ich einen schweren epileptischen Anfall [grand mal]. Auch wenn Anfälle dieser Art bei Erkrankungen wie CFIDS/REDD/ME auftreten, war dies bei mir erst das zweite Mal, so weit ich das sagen kann. Ein großer epileptischer Anfall kann einen umbringen. Auch wenn ich diesen Anfall überlebt habe, so bin ich doch nur knapp davongekommen, und der Anfall war schwer genug um weitere zehn ähnlich schwere Anfälle auszulösen, einer nach dem anderen. Nachdem ich in der Notfallklinik angekommen und stabilisiert worden war, hatte ich etwas ein Duzend schwere Anfälle und drei Herzstillstände hinter mir, und wurde jedes Mal durch Elektroschocks wieder reanimiert, ein grausiges Prozedere.

Jeder der acht Ärzte (jeweils Spezialisten), der an mir arbeitete, sagte mir hinterher, dass er nicht daran glaubte, dass ich es schaffen würde. Die gute Nachricht dabei ist, dass ich ein paar Nächte lang wirklich gut geschlafen habe, ich bin erst vor drei Tagen wieder richtig zu mir gekommen, und wurde künstlich bewusstlos gehalten, auch weil viele Patienten in Panik geraten, wenn sie die vielen lebenserhaltenden Systeme sehen, an die sie angeschlossen sind. Ich hatte einen Schlauch in meinem Hintern, einen in meinem Penis, verschiedenen Katheter, und wurde durch einen Lungenkatheter künstlich beatmet. Meine Zunge war an mehreren Stellen fast durchgebissen, und auf die Größe einer Mandarine angeschwollen, was den Lungenkatheter für die Atmung notwendig machte. Ich hatte außerdem eine Aspirationspneumonie (ich erbrach mich während der Anfälle in meine Lungen, und die Magensäure griff das Lungengewebe an, welches sich daraufhin entzündete). Mein Kreatininwert, den die Ärzte unter 5000 sehen wollen, bevor ich die Klinik verlassen kann, lag bei über 150.000. Dies könnte ein Anzeichen für eine schwere und irreversible Nierenschädigung sein, mit der Notwendigkeit einer lebenslangen Dialyse. Das alles erklärt, warum die Doktoren mir nur sehr wenige Überlebenschancen gaben.

Während dreier Tage und Nächte war ich bewusstlos, doch etwas in mir war bewusst. Einiges davon war mir vertraut, anderes war sehr seltsam. Zum einen war da der immer-gegenwärtige Big Mind, eine Bewusstheit der eigenen wahren Natur. Zum anderen träumte ich, dass ich mich in einem sehr sonderbaren Raum befand, mit blauen und rosa Pastellfarben in einer erbärmlichen Ästhetik. Ich dachte mir: „Dies ist ein fürchterlicher Traum – diese Farbkombination ist ein Alptraum –“, und dann dachte ich daran aufzuwachen. Ich schüttelte heftig meinen Kopf, öffnete meine Augen und fand mich wieder in einem merkwürdigen Raum vor. Ich erinnere mich genau daran, dass dies sich mindestens drei Mal ereignete. Er war jedoch nicht die vordere [frontale] Persönlichkeit von Ken Wilber, die dies erlebte (die oft gar nicht anwesend war); es ereignete sich als eine Modifikation von Big Mind. Dies ist eines der wunderbar verrückten Dinge bei derartigen Erfahrungen; anstatt dass Big Mind einen ganzen Kosmos träumt, träumt Big Mind diesen erbärmlichen pastellfarbenen Raum. Big Mind war wach als Big Mind, und ich war mir dessen ganz bewusst, als Big Mind bewusst. Das beunruhigte mich nicht. Was mich beunruhigte oder nervte war, warum diese nichtduale Bewusstheit sich nicht von dieser entsetzlichen pastellfarbenen Erscheinung lösen konnte. (Dies erinnerte mich an die letzten Worte von Oscar Wilde. Es wird berichtet, dass seine letzten Worte auf dem Sterbebett waren, „entweder ich oder diese Vorhänge müssen gehen.“)

Am vierten Tag (technisch gesprochen war es nach dreieinhalb Tagen), als Ken Wilber erwachte, gab es eine beträchtliche Verwirrung hinsichtlich dieser Persönlichkeit von Ken Wilber. Big Mind war immer noch Big Mind, kein Problem; der äußerliche Alptraum des pastellfarbenen Raumes war ersetzt worden durch die „objektive Wirklichkeit“ (das heißt relative Wirklichkeit) des konkreten pastellfarbenen Krankenraumes – das war auch kein Problem, so hässlich der Raum auch aussah. Doch ich konnte mich an nichts erinnern, was diesen Ken Wilber betraf. Jegliche Kurzzeiterinnerung war weg. Während der dreitägigen Periode meiner „Unbewusstheit“ hatte ich mindesten eine Erfahrung, die Ähnlichkeit mit einer Nahtoderfahrung hatte, mit Licht und einem Tunnel, (wahrscheinlich als sie versuchten, über die Elektroden an meiner Brust meinen Herzschlag zu stabilisieren). Doch auch das hatte nichts mit irgendeiner Entscheidung zu tun, die ein Ken Wilber treffen würde. KW war einfach nicht da (die „Wahl“, ob ich zurückkommen sollte oder nicht, hatte mit der Bestimmung einer integralen Vision in der heutigen Welt zu tun; und ich hatte mich ganz damit einverstanden erklärt zurückzukommen und dieser Vision zu dienen, aber es gab kein „ich“, sondern nur immer-gegenwärtige nichtduale Bewusstheit. Ich erinnere mich daran, wie ich dachte, dass diese Art von Dilemma oder „Wahl“ sich tagtäglich ereignet, und dass daran nichts Besonderes wäre). Nachdem ich während des vierten Tages volle Bewusstheit erlangt hatte, wurde ich mir erstmals dieser Verwirrung gewahr, weil sich die KW Persönlichkeit zu formen begann, zusätzlich zu Big Mind und dem objektiven Raum.

Die darauf folgenden Tage waren ziemlich intensiv, um es vorsichtig zu formulieren. Es war erst einmal offensichtlich, dass meine Zunge übel zugerichtet war. Zuerst dachte ich, ich hätte sie durchgebissen und würde nie mehr sprechen können, oder nur nach erheblichem chirurgischem Aufwand. Noch besorgniserregender war, darauf bereiteten mich die Ärzte vor, dass meine Nierenfunktionen derart schlecht waren, dass es so aussah, als würde ich für den Rest meine Lebens eine Dialyse brauchen, keine wirklich angenehme Vorstellung.

Trotz dieser fürchterlichen Situation erinnere ich mich daran, dass ich mich zuerst darum sorgte, dass es den Menschen, die um mich herum waren, gut ginge, dass sie sich hier zu Hause fühlen würden, dass sie glücklich wären, und dass sie ihre Wahre Natur erkennen mögen, so weit wie möglich, und mein Eindruck ist, dass dies gelungen ist. So eigenartig es sich anhören mag, das Krankenzimmer wurde zu einem Ort wahrer Freude und wahrem Glücklichsein für so ziemlich alle, die sich auf der Intensivstation im sechsten Stockwerk aufhielten. (Ich war darauf natürlich bestens vorbereitet – durch Treya). Der Raum war erfüllt mit Lachen und Licht und so viel Fürsorge ...

Dennoch war dies zweifellos eine der fürchterlichsten Erfahrungen meines Lebens, und ich sprach zu meinen Freunden darüber, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie jemand, der nicht meditiert, so etwas durchstehen könnte, ganz zu schweigen davon, einer derartigen Situation Leichtigkeit und Leuchten abzugewinnen. Und Meditation ist nur das eine. Die Ärzte sagten mir, dass der Grund meines Überlebens in meiner guten körperlichen Verfassung vor den Anfällen zu suchen sei. Als ich gefragt wurde, wie ich dies alles überleben konnte, antwortete ich scherzhaft: „Meditiere und iss dein Grünzeug.“

Werde integral, mit anderen Worten.

Das bekamen auch die meisten Ärzte und Schwestern während meines Aufenthaltes dort mit. Praktisch jeder hatte meinen Namen bei google eingegeben, und sie stießen auch auf das Thema einer integralen Medizin. Ich blieb noch zwei Tage auf der Intensivstation, und wurde dann für zwei weitere Tage auf einen anderen Flur verlegt. Die meiste Zeit verbrachte ich in wundervollen Gesprächen mit dem medizinischen Personal darüber, was integral bedeutet, und über die Notwendigkeit einer integralen Medizin. Jeder verstand intuitiv diese Notwendigkeit, aber bisher gab es noch keinen Rahmen oder keine Theorie darüber. Wir verteilten Bücher an alle, und ich signierte sie mit Variationen der Aussage, „Vielen Dank, dass sie mein Leben gerettet haben ...“

Wenn ich von „unserem“ Aufenthalt spreche, dann meine ich das auch im Plural. Wie auch schon in der Vergangenheit, waren Colin, Rollie, und Becca rund um die Uhr bei mir, und wechselten sich dabei ab. Sie machten diese wirklich höllischen Umstände für mich sehr viel erträglicher. Ich war immer noch an all meinen Körperöffnungen mit Schläuchen versorgt, das ersparte mir wenigstens den Gang auf die Toilette. Ich war festgeschnallt, damit ich mir nicht versehentlich die Nadeln oder Katheter herauszog; ich hatte immer noch Nadeln im Nacken und in der Leiste und Katheter in Penis und Anus. Ich konnte vier Tage lang nicht aufrecht sitzen. Meine Zunge konnte ich immer noch nicht fühlen (nur einen runden Ball von der Größe einer Mandarine, die meinen Mund ausfüllte). Die Nierenfunktionen wurden besser, aber die Werte waren immer noch alarmierend hoch. Liebe Freunde rund um die Uhr um mich zu haben war ein wirkliches Gottesgeschenk. In dieser Zeit hat mich wohl niemand aufgeregt, ärgerlich oder auch nur irritiert erlebt – die Fürsorge, die ich erfuhr, rührte mich zu Tränen, ich war sehr bewegt von all der Liebe und Freundlichkeit.

Wie geht es mir jetzt? Ziemlich gut. Nachdem ich meine Bewusstheit wieder erlangt hatte (d. h. grobstoffliche Bewusstheit) verbesserte sich mein Zustand schnell und dramatisch. Ich habe die Aspirationslungenentzündung überwunden, und, das Allerwichtigste, es sieht so aus, als hätten meine Nieren keinen bleibenden Schaden genommen. Das sind wirklich gute Nachrichten. Ich wäre sonst auf eine vierstündige Dialyse mehrmals in der Woche angewiesen gewesen, mit den entsprechenden Folgeschäden. Das einzige Problem, das ich noch habe, ist ein fürchterliches Lispeln. Das wird sich, so sagt man mir, bald legen, die Zunge ist sehr stark durchblutet und verfügt über eine große Selbstheilungskraft. Doch für die folgenden ein oder zwei Monate werdet ihr, wenn ihr mit mir sprecht, hören, was es heißt „fürchterlich zu lispeln“.

(Nachdem ich mich auch mit der Aussicht auseinandersetzen musste, nie mehr sprechen zu können, könnt ihr euch die Erleichterung vorstellen, als ich meine Sprache allmählich wieder erlangte. Dieses kleine dumme Lispeln ist der süßeste Klang, den ich jemals vernommen habe.)

Was ihr auch bemerken werdet, wenn ich mit mir sprecht, ist, dass viele Kurzzeiterinnerungen sich erst wieder einstellen müssen. Manchmal muss ich an so offensichtliche Dinge, wie den Namen eines Menschen und wer er oder sie ist, erinnert werden, doch wenn die Erinnerung da ist, kommt alles andere auch wieder. Macht euch also keine Sorgen, wenn wir uns unterhalten und ich darum bitte mich an ein paar offensichtliche Dinge zu erinnern; auch wenn es etwas Wichtiges zu einem Thema gibt, was ich nicht zu berücksichtigen scheine, zögert nicht dies anzusprechen.

Was hat den Anfall verursacht? 

Am Anfang waren sich die Experten nicht einig darüber, was genau den Anfall bei mir verursacht hat. Einige der Ärzte waren der Meinung, er wäre durch das Neurontin ausgelöst worden, eines von mehreren Medikamenten, das ich wegen meiner CFIDS/REDD/ME Erkrankung einnehme. Doch das hat mich aus verschiedenen Gründen nicht überzeugt: 1. nehme ich Neurontin schon seit vielen Jahren ein; 2. wird Neurontin auch deshalb verschrieben, weil es Krämpfen und Anfällen vorbeugt. Neurontin ist keine wirkliche Droge, es ist ein einfacher Zucker, ähnlich dem Zucker wie er im Haushalt verwendet wird, und Experten wie Teitelbaum empfehlen Dosen bis zu 6 Gramm. Ich nehme keine Straßendrogen, das fällt als Auslöser auch weg (das war eines der ersten Dinge, auf die ich in der Notaufnahme getestet wurde). Es wurde auch ein Zusammenhang gesehen zwischen der Verwendung einer CPAP Atemmaske [zur Verhinderung von Schlafapnoe], aber auch das scheint nicht besonders überzeugend.

Als die Ärzte mich nach meiner Meinung fragten, sagte ich, dass einer der ersten Gründe, die mir einfallen würden, meine CFIDS/REDD/ME Erkrankung wäre. Der Grund, warum diese Erkrankung oft im Zusammenhang mit M.E. (Myalgischer Enzephalomyelitis) gesehen wird ist, mit den Worten einer der führenden Autoritäten, Byron Hyde M.D., weil "per Definition alle M. E. Patienten eine Neigung zu Anfällen als Teil ihrer Erkrankung haben.“ Als typische Anfallaktivitäten werden dazu aufgeführt „partielle Anfälle, petite mal Anfälle und grand mal Anfälle."

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt, so weit ich mich erinnern kann, keinen großen Anfall gehabt, und dachte daher, dass mir diese Symptomatik glücklicherweise erspart geblieben wäre. Doch jetzt erscheint es mir fast sicher, dass der Unfall vor anderthalb Jahren, bei dem ich mir meine Schulter gebrochen hatte, mit einem großen Anfall zusammenhing. Wir waren davon ausgegangen, dass ich mitten in stockdunkler Nacht auf einem Läufer ausgerutscht wäre. Das war wahrscheinlich auch so, aber was unerklärlich dabei war, war dass ich mich an den eigentlichen Unfall nicht erinnern konnte – was im allgemeinen sehr selten ist (wohingegen eine Amnesie im Zusammenhang bei einem grand mal Anfall normal ist). Meine Zunge war auch geschwollen, und eine Zahnkrone hatte sich gelöst, alles Anzeichen für einen möglichen Anfall. Setzen wir diesen Unfall in einen Zusammenhang mit dem Anfall jetzt, dann gibt es für mich kaum einen Zweifel an der Ursache. Die gute Nachricht dabei ist, dass so sehr unangenehm die vergangenen zwei Wochen auch waren, der Grund dafür nun bekannt ist, und ich nehme jetzt Dilantin ein, die Medikation gegen Anfälle. Wenn sich der Anfall irgendwo anders ereignet hätte, und nicht nur ein paar Strassen entfernt von der besten Notfallaufnahme in Colorado, dann wäre ich jetzt tot. Insgesamt habe ich großes Glück gehabt.

Zu CFIDS/REDD/ME

Das medizinische Team, das mir zur Verfügung stand, war das beste, das man in Colorado finden konnte, und sie haben mir das Leben gerettet. Als Ärzte wussten sie jedoch kaum etwas über CFIDS/REDD/ME. Ich habe sie alle darauf hingewiesen, dass das CDC (Centers for Disease Control in Atlanta) festgestellt hat, dass es sich dabei um eine brutale Erkrankung handelt, die epidemische Ausmaße anzunehmen beginnt. Das CDC schätzt, dass mindestens eine Million Amerikaner daran erkrankt sind, und Experten gehen von der doppelten Anzahl aus. Die Anzahl der Erkrankungen übersteigen die von HIV, und Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Lebensqualität derjenigen, die an einer aktiven Erkrankung von CFIDS leiden, vergleichbar ist mit der von Menschen, die sich einer Chemotherapie unterziehen. Die Parameter der Krankheit sind mittlerweile gut bekannt, der genaue Auslöser hingegen nicht. Man kennt jedoch den Mechanismus, der darin besteht, dass die Produktion des Enzyms RNase beschädigt wird. Das beschädigte Enzym zerstört die körpereigene RNA, und zwar in jeder Zelle, was der Grund dafür ist, warum so viele unterschiedliche Organsysteme betroffen sein können. Es gibt mittlerweile einen Test auf das defekte Enzym, der zu 95% zutreffend ist. Alle Symptome der Erkrankung lassen sich auf diesen zentralen Mechanismus zurückführen, und daher ist die einzig wirklich zutreffende Bezeichnung dafür REDD (RNase Enzyme Deficiency Disease). „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ (Chronic Fatigue Syndrome, CFS) ist eine Fehlbezeichnung, weil es sich erstens nicht um Müdigkeit, sondern um Lähmungserscheinungen handelt, die auftreten, wenn die Erkrankung erstmals in Erscheinung tritt. Zweitens ist „Erschöpfung“ dasjenige, was einem dabei die wenigsten Sorgen macht (es ist natürlich ein Problem, aber es gibt weitaus größere Probleme wie Anfälle und Organversagen). Seit Jahren werden Anstrengungen für eine Namensänderung unternommen, doch die einzige Alternative in diesem Land [USA] bisher ist statt CFS nun CFIDS zu sagen (Chronic Fatigue Immune Dysfunction Syndrome), das heißt chronisches Müdigkeits- und Immundysfunktionssyndrom, was immerhin eine leichte Verbesserung darstellt, weil es das Immunsystem als eines der am schwersten betroffenen Körpersysteme erwähnt. In Großbritannien wird die Bezeichnung M.E. (Myalgische Enzephalomyelitis) verwendet, ein Begriff, der den neurologischen Schaden benennt, der in der Tat der einer M.S. (Multiplen Sclerose) Erkrankung ähnelt. In den Worten von „A Hummingbird's Guide to M.E.:“ „M.E. zu haben ist Symptome zu haben von Multipler Sklerosis, AIDS, Alzheimer, Arthritis and Epilepsie, und alle gleichzeitig und miteinander, mit einer zusätzlichen fürchterlichen eigenen Symptomatik. M. E. ist eine neurologische Erkrankung mit außerordentlichen zerstörerischen Dimensionen, die praktisch jedes Körpersystem betreffen – und nicht nur eine Sache von ‚chronischer Erschöpfung.’“

Für diejenigen unter euch, die mehr Informationen haben wollen, ist der erwähnte „Hummingbird's Guide” einer von vielen, endlich verfügbaren, zuverlässigen und nützlichen Informationsquellen. Die Quellenhinweise, auf die dort verwiesen wird, sind ebenfalls sehr zu empfehlen. Die Internetadresse ImmuneSupport.com ist auch zu empfehlen, dort kann man auch eine Beschreibung meiner Erkrankung finden (ebenso wie "A Sudden Illness" von Laura Hillenbrand, der Autorin von Seabiscuit).

Zu Karma und Krankheit 

Ich habe mich ausführlich zu diesem Thema in dem Buch Mut und Gnade geäußert, und auch im Excerpt A von Band 2 der Kosmos Trilogy. Dennoch ist die Verwirrung zu diesem Thema sehr groß, und daher möchte ich noch ein paar kurze Anmerkungen dazu an dieser Stelle machen. Viele Menschen hören von Berichten wie dem meinen, oder sind selbst von ähnlichem Leid betroffen, und schließen daraus, dass dies eine Vergeltung für fürchterliche Verbrechen in der Vergangenheit wäre. Doch erinnern wir uns daran, dass Karma nicht bedeutet, dass einen dasjenige, was früher in diesem Leben geschah, einholt; die orthodoxe Lehre vom Karma bezieht sich auf das, was in einem früheren Leben geschah. Nach dieser Lehre lesen wir in diesem Leben ein Buch, das wir in einem früheren Leben geschrieben haben. Viele Menschen ziehen daraus den irrtümlichen Schluss, dass sie, weil sie früher ihren Partner angeschrieen haben, jetzt Kehlkopfkrebs haben – aber so funktioniert das nicht.   

Von einer (von mehreren) Perspektiven aus kann man sagen, dass die „schlechten Dinge“, die einem jetzt widerfahren, ein gutes Zeichen einer Reifung und Erfüllung sind – die eigene Verfassung ist jetzt stark genug, um die karmischen Ursachen zu verdauen, die zur gegenwärtigen Wiedergeburt geführt haben. Ist man wiedergeboren und befindet sich in einem Körper, dann hat man bereits fürchterlich gesündigt. Solange man diese Sünden im jetzigen Leben nicht abgearbeitet hat, wird man – na was wohl – wiedergeboren werden. Krankheit verursacht nicht mehr Karma, es ist die Haltung gegenüber einer Krankheit, die zu mehr Karma führen kann. Wenn du dich also in einer extrem schwierigen Situation befindest, und diesen Schwierigkeiten mit Gleichmut, Weisheit und Tugend begegnen kannst, dann hast du doppeltes Glück. Die Gründe und Ursachen, die zu deiner Widergeburt geführt haben, zeigen sich nun und werden gelöst, und während dieses Lösungs- und Verbrennungsprozesses erzeugst du kein neues Karma, solange du dem mit Gleichmut und Bewusstheit begegnest.  

Ich erwähne das hier, weil nur allzu oft Menschen in sehr schwierigen Umständen diese Umstände sich zusätzlich durch eine Art von New Age Schuld erschweren, und das ist nicht nur unangemessen, sondern auch falsch. Eine Darstellung dieses Themas auf eine integrale Weise findet sich im Excerpt A. Wenn du also in wirklich schwierigen Umständen lebst, mache es dir nicht zusätzlich schwer. Das würde in der Tat schlechtes Karma erschaffen. Die gute Nachricht dabei ist, dass du nun bereit und in der Lage bist, dass Karma, das zu dieser Wiedergeburt geführt hat, zu verbrennen, und das sind wirklich gute Nachrichten – die du mit Liebe Offenheit und einem Lächeln annehmen kannst.


Von den vielen Reaktionen die Ken auf diese letzte Veröffentlichung erhielt, veröffentlichte die Redaktion von www.KenWilber.com am 11.4.2007 die folgende:

(Quelle: www.kenwilber.com/blog/post/253)

 

Liebster Ken,

Ich habe gerade Deine E-Mail gelesen und ringe um Worte um Dir zu schreiben. Ich bin zutiefst bis zum Grund meines Wesens von den Ereignissen berührt, die Du beschrieben hast. Ich habe geweint um den Schmerz und das Leiden, durch das Du hindurch gegangen bist, und habe gleichzeitig auch erleichtert darüber lachen können, mit welcher Umarmung und Transzendenz Du diesem Leiden begegnet bist.

In meiner Vorstellung sehe ich Dich am Eingang der Hölle stehen, jede der fürchterlichen Heimsuchungen, die Dir entgegengeschleudert werden, annehmend, und dabei eingetaucht in ein sich erweiterndes Bewusstseins von Bestimmtheit und Mitgefühl. Ich bin davon überzeugt, und sage dies auch als Ärztin, dass wir alle Zeugen eines wirklichen Wunders geworden sind. Mein Gott Ken, ich bin noch nie jemandem begegnet, der die Stärke hatte, eine derartige Tortur zu überleben.

Ken, neben den ganz erstaunlichen Ereignissen, von denen Du berichtest, ist es die ausgezeichnete Art Deiner Schilderung, die mich voller Ehrfurcht erfüllt. Du hast die schlimmsten Bereiche menschlichen Leidens mit reiner Ehrlichkeit und ohne eine Spur von Bitterkeit, Schuld oder Bedauern beschrieben. Auf diese Weise trägt auch dieser Bericht zur Transzendenz bei. Für mich lehrt Dein Erlebnis die Essenz von Integraler Medizin: Leiden ist universell und zutiefst menschlich; Leiden, welches umarmt wird, gibt uns die Gelegenheit zu Wachstum und Transformation, und zwar nicht nur für den Patienten, sondern für alle Beteiligten; in einer wahrhaft heilenden Begegnung berühren sich Patient und Arzt und nehmen aneinander teil, so dass der Heiler geheilt werden kann. Danke Ken für Deine Stärke und Hingabe, für Deinen Mut und Dein Karma, für Deinen unerschütterlichen élan vital und Deine scham-lose Verletzlichkeit. Danke für die Gnade, mit welcher Du mit diesem entsetzlichen Kapitel einer unbarmherzigen chronischen Krankheit, die Dich tagtäglich herausfordert, umgegangen bist. Du (er)trägst diese schwere Last mit der Leichtigkeit eines Schmetterlingsflügels und dem trällernden Gesang eines Sperlings: wahrhaftig wunderbar. Sei Dir gewiss, dass Du umgeben bist von der Liebe und Unterstützung vieler Menschen, die zu zahlreich sind um sie alle zu nennen. 

Voller Demut und Bewunderung

Dr. Karen Wyatt


Wie geht es Ken zur Zeit? In einem Forumsbeitrag auf IntegralLife.com stellte jemand vor einigen Wochen die Frage nach seinem Gesundheitszustand, und Corey deVos, ein enger Mitarbeiter, antwortete wie folgt:  

Ken geht es gut

Posted am 3. September 2009 von Corey deVos

Ich möchte ein paar Dinge dazu sagen, um euch zu beruhigen.

Ich treffe mich mit Ken beinahe jeden Samstag, und es geht ihm zur Zeit wirklich gut ... Er hat nach wie vor die Symptomatiken ähnlich denen des Chronischen Erschöpfungssyndroms (CFS), und das kostet ihn viel Energie. Nach zwei Konferenztagen hintereinander, zwei Stunden am Samstag und drei Stunden am Sonntag  musste er eine Pause einlegen, das war zu viel. Aber im direkten Austausch mit ihm in seinem Loft ist Ken so fröhlich, präsent und voller Ausstrahlung wie immer, trotz seiner physischen Einschränkungen.

Ich hoffe diese Informationen helfen, und ich weiß dass Ken eure Anteilnahme und Gebete dankbar zu schätzen weiß.

Corey W deVos


[1] RNase Enzyme Deficiency Disease, Wilber's statement about his health