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Crowdocracy: The End of Politics

Alan Watkins & Iman Stratenus

Eine Buchbesprechung von Michael Habecker

Das Buch Crowdocracy ist der zweite Band einer geplanten Buchreihe, welche sich mit den wilden1 [wicked] Themen unserer Zeit beschäftigt. Beim ersten Band Wicked and Wise ist Ken Wilber neben Alan Watkins Co-Autor, und das macht diese Buchreihe aus integraler Sicht besonders interessant: die Mitarbeit von Ken Wilber.

Eine der Kernaussagen des Buches, die einer allgemeinen Vorstellung widerspricht, steht zu Beginn im von Ken Wilber verfassten Vorwort: „Besteht eine Gruppe auch aus nicht so schlauen Menschen, kommt diese Gruppe zu besseren Antworten, als wenn sie nur aus Experten bestünde.“ Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang auch vom „Wikipedia-Phänomen“ und erwähnen neuere Business-Ansätze, wie sie z. B. im Buch Reinventing Organizations von Frederic Laloux aufgeführt werden2. Ausgehend von einem Churchill-Zitat, „Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von allen anderen, die bisher ausprobiert wurden“, sind die Autoren der Meinung, dass „Demokratie mehr und mehr mit Problemen zu tun hat, die sie selbst nicht lösen kann“. Hierzu braucht es einen „evolutionären Nachfolger“, und der ist – transzendierend und bewahrend – Crowdocracy. Crowdocracy geschieht „von Menschen durch Menschen und für Menschen“, und geht nach Aussage der Autoren auch noch über die gegenwärtigen Formen von sozialer Demokratie, Soziokratie und Holakratie hinaus.

Ken Wilber spannt den großen Bogen:

 

„Vom Stamm mit einem Häuptling zur Monarchie mit König und Königin, weiter zur Aristokratie und dem Landadel als einem feudalen System mit allmählicher Wohlstandsverteilung, bis hin zu frühen Demokratien (welche alle auf Sklaverei beruhten, jeder Dritte im antiken Athen war Sklave) und weiter zu Demokratien mit befreiten Sklaven und befreiten Frauen. Und weiter zu frühen Versuchen einer Soziokratie und einer theoretischen Verflachung von Hierarchien, um immer mehr Individuen mit einzubeziehen, bis hin zu Sozial-Demokratien (die auf der Grundlage gewählter Repräsentanten arbeiten, welche die Macht haben). In jedem dieser Fälle erkennen wir, dass immer mehr Menschen erlaubt wird, an der Regierungsbildung teilzuhaben. Die Evolution strebt danach, immer mehr Menschen als wirkliche Menschen anzuerkennen, ausgestattet mit Rechten, Verantwortlichkeiten und Führungsfähigkeiten. Der nächste Schritt besteht nun in einer Regierungsform, in der jeder Bürger in allen Aspekten des Regierungssystems eine direkte Stimme erhält – und das ist Crowdocracy. Dabei wird das Beste der Demokratie mit aufgenommen und bewahrt, und die offensichtlichen Schwächen werden überwunden. Dies wäre eine Art Wikipedia des Regierens.“

Was generell im deutschsprachigen Raum als „Politikverdrossenheit“ bezeichnet wird, findet sich fast überall in den Demokratien der Welt. Es ist ein Gefühl, „lediglich einen vernachlässigbaren und unbedeutenden Einfluss auf die öffentliche Politik zu haben“, mit dem Erleben, dass, wie Statistiken in den USA zeigen, „70% eingebrachter Gesetze verabschiedet wurden, wenn die reichsten 10% der Bevölkerung dahinterstehen, wohingegen 0% eingebrachter Gesetze verabschiedet wurden, wenn diese den Interessen der Reichsten nicht entsprachen.“ Dem möchte Crowdocracy ein Ende machen.

Im Weiteren führt Wilber im Vorwort wesentliche Punkte auf, die, basierend auf „schlauen Gruppen“ unter Beteiligungsmöglichkeiten aller, zu guten Lösungen führen können und sollen (die Punkte werden im Haupttext erläutert):

  • Es braucht nach wie vor Qualifikationen.

  • Es braucht Methoden und Möglichkeiten für eine „Integration auf höherer Ebene“.

  • Rahmenbedingungen, Regeln und Verfahren sorgen u. a. dafür, dass die Gruppe nicht in eine „Herdenmentalität“ zurückfällt und der „Mob regiert“.

  • Die Beteiligung unterschiedlichster Menschen über ein größeres Entwicklungsspektrum führt zu einer größeren Vielfalt, aus der bessere Lösungen entstehen, wenn diese Vielfalt kohärent und integriert zusammengeführt wurde.

  • Es braucht fähige Moderatoren und Hüter [guardians] des Verfahrens und der Prozesse, die u. a. die Integration der unterschiedlichen Perspektiven unterstützend begleiten bzw. bewerkstelligen.

  • Die Frage nach der benötigten (und erwünschten) Diversität ist zu stellen und zu beantworten (Alter, politische Orientierung, geografisch, ethisch, Wertesysteme, Entwicklungsebene, Spiritualität/Religion usw.)

  • Die Frage der Implementierung bzw. des Beginns von und mit Crowdocracy: „Klein zu beginnen scheint die besten Möglichkeit zu sein – um dann Stück für Stück zu wachsen“.

Es geht im Buch auch um die Frage, wie die von Wilber immer wieder erwähnten integralen Prinzipien, wie „jeder hat recht“, „wahr, aber nur teilweise wahr“ bzw. „niemand ist so schlau, sich zu 100% zu irren“ in eine integrative Entscheidungsfindung auf hohem Niveau überführt werden können. (Für eine ausführliche Diskussion dazu siehe auch den Excerpt B von Wilber3).

Die Einleitung des Buches beginnt mit den Worten: „In diesem Buch geht es um die Macht der Ideen und nicht um eine Idee von Macht.“ Diese Macht der Ideen ist kein Selbstzweck sondern Mittel zum Zweck, um das, was die Autoren als wilde Probleme bezeichnen, zu lösen. Für diese werden sechs Haupteigenschaften angegeben: Ein wildes Problem hat vielfache Interessenhalter4, vielfache Ursachen, vielfache Symptome, vielfache Lösungen und es entwickelt sich ständig.

Im Kapitel 1: Introducing Crowdocracy wird Crowdocracy vorgestellt, als eine Weiterentwicklung bestehender Demokratien. Dazu haben zwei Faktoren wesentlich beigetragen: erstens die technologische Entwicklung (Internet) und zweitens das Verständnis hinsichtlich kollektiver Intelligenz. Gleichzeitig wird auf bereits bestehende Entwicklungen in Richtung einer Crowdocracy hingewiesen (die Einbeziehung der gesamten Bevölkerung beim Entwurf einer neuen Verfassung in Island, Online-Petitionen, Wikipedia, Linux, Crowdfunding). Gleichzeitig weisen die Autoren des Buches immer wieder darauf hin, dass es nicht damit getan ist, einfach nur basisdemokratisch zu entscheiden. „Menschengemeinschaften (oder Massen) können dirigiert und manipuliert werden. Ohne ein robustes System und institutionalisierte Regeln und Verfahren (die selbst wiederum gemeinschaftlich zu erstellen sind) können die Massen auf die gleiche Weise beeinflusst werden, wie das heute durch Machtinteressen Einzelner geschieht.“ Wenn diese Integration jedoch gelingt, eröffnen sich völlig neue Perspektiven: „Wir haben die historische Möglichkeit, uns von zynischen und misstrauischen Zuschauern unseres gegenwärtigen politischen Systems hin zu engagierten Teilnehmern und Handelnden in der Regierung und Verwaltung unserer Gemeinschaften zu verändern.“

Kapitel 2: Is Democracy still Fit for Purpose? stellt die Frage, ob unsere Demokratie noch für das, was sie leisten soll, geeignet ist. Dabei werden zuerst die enormen Fortschritte, welche die Demokratie gebracht hat, gewürdigt. Sie wird nach wie vor für die beste aller Regierungsformen gehalten, im Vergleich zu den vorhandenen Alternativen. Die Autoren führen jedoch Gründe an und führen diese dann aus, warum ihrer Meinung nach Demokratie den Zenit ihrer Möglichkeiten überschritten hat:

- Demokratie bedeutet nicht, dass die Mehrheit regiert.

- Der Hauptteil der Macht wird durch Lobbyinteressen ausgeübt.

- Demokratie fördert oberflächliche unzureichende Themenbehandlungen.

- Demokratie fördert Teilung und Spaltung.

- Politiker kämpfen mit einer zunehmenden Komplexität.

- Demokratie ist keine Meritokratie5.

- Politiker sind selber Getriebene und haben insofern auch keine eigene Stimme und Wahlmöglichkeit.

- Das System fördert Eigeninteressen und Skandal.

Die Punkte werden dann ausführlich und mit konkreten Beispielen erörtert. Die Autoren fassen zusammen:

„Es ist an der Zeit, dass die Stimmen der Menschen zählen und gehört werden, in einem System, an dem sich alle effektiv beteiligen können und welches Korruption und Manipulation weitgehend verhindert. Dieses System basiert nicht auf irgendeiner Art von Elite (einer chinesischen Meritokratie, einer geldbasierten amerikanischen Elite oder einer auf Bildung oder Klasse basierenden Elite in Großbritannien). In diesem System entscheiden die Menschen einer Gemeinschaft selbst ihre eigene Zukunft, und überlassen dies nicht einigen wenigen schlechtinformierten, schlecht ausgerüsteten, unvorbereiteten und korrupten Egoisten… Was unseren Entwurf von allen anderen vorgelegten Entwürfen unterscheidet ist, dass wir den politischen Entscheidungsprozess allen zur Verfügung stellen wollen, und uns damit gegen eine repräsentative Demokratie entscheiden.“

Kapitel 3: A Brief History of Governance: How Did We Get Here? gibt einen historischen Überblick darüber, wie sich Regierungsformen entwickelt haben, als eine Evolution von Regierung, Entscheidungsfindung und Machtausübu

Auch dies wird ausführlich und beispielhaft erörtert.

„Die Demokratie wurde zu einem Bestseller. Sie wurde von westlichen Eliten weltweit exportiert, teilweise auch durch Gewaltanwendung. Als ein Ergebnis ist die Anzahl der „Demokratien“ auf der Welt von 45 in 1970 auf 115 in 2010 angestiegen. Doch der Übergang ist oft nicht einfach. Einen Despoten oder eine Militärjunta loszuwerden ist sehr viel einfacher als eine lebendige Demokratie zu etablieren, und manchmal stürzt ein Land eine schlimmere Katastrophe als vorher und der Mob regiert.“

„Seit dem Jahr 2000 hat die Demokratie viel von ihrem Glanz verloren. Westliche Demokratie wird zunehmend gleichgesetzt mit Korruption, Schulden und Nichtfunktionieren. Darüber hinaus wird sie auch mit dem Kapitalismus gleichgesetzt, welcher seinerseits als reformbedürftig gesehen wird.“

Die Autoren diskutieren in diesem Zusammenhang das chinesische Modell einer kommunistischen Autokratie, die eine „einzigartige Mischung aus Bürokratie und Meritokratie darstellt, mit dem klaren gemeinschaftlichen Ziel der Einheit der Nation.“ Ebenso betrachtet werden die Entwicklungen in der Ukraine, Argentinien, Venezuela, Ägypten, dem Nahen Osten, Südafrika, der Türkei und anderen Länder. Auch in Europa ist die Integrationsbewegung zu einem Stillstand gekommen: „In vielen europäischen Ländern hat die beabsichtigte Integration zunehmend ethnozentrische Kräfte hervorgebracht.“

Kapitel 4: The Wise Crowd or the Angry Mob? stellt eine ganz entscheidende Frage im Zusammenhang des Buchthemas (und beantworte diese auch): Wie kann man sicherstellen, dass bei einer Massenbeteiligung an Entscheidungen nicht der Mob regiert? Oder: „Gibt es eine Weisheit der Vielen, oder sind die Massen dumm und wandeln sich zu einem wütenden Mob?“ Eine generelle Skepsis diesbezüglich hat George Bernard Shaw wie folgt formuliert: “Demokratie ersetzt eine Wahl durch die inkompetenten Vielen durch Ernennung einiger korrupter Einzelner.“

Die Autoren führen anhand von Beispielen auf, wie bei unterschiedlichen Themenstellungen die Weisheit der Vielen zu besseren Einschätzungen kam als Expertenwissen.

„Eine ‚überlassen wir das doch den Experten‘-Haltung hat zu mehr schädlichen Nebenprodukten der Demokratie geführt als der Lobbyismus und das Eigeninteresse… Dies bedeutet nicht, dass wir nicht weiterhin Innovatoren und Visionäre brauchen, doch darüber hinaus brauchen wir jeden.“

Doch wie kann das Wissen der Vielen zum Vorschein gebracht, organisiert, prozessiert und integriert werden? Hierfür werden von den Autoren vier Bedingungen genannt:

1. Vielfalt von Wissen und Meinung.

2. Unabhängigkeit des Denkens und der Zusammenarbeit.

3. Dezentralisierung von Macht.

4. Integration.

Für diese Bedingungen oder Prinzipien wird ausführlich erläutert, welchen Beitrag sie zu weisen Entscheidungen leisten. Der gesamte Prozess, vor allem jedoch der Schritt der Integration, erfordert eine anspruchsvolle Moderation.

„Integration fördert die Einnahme der Perspektive einer zweiten Person. Dies ist die vielleicht herausforderndste Augabe, um die Weisheit der Vielen einzubeziehen, weil wir uns so sehr an dialektische Argumentationen von richtig und falsch gewöhnt haben. Wenn jemand die Perspektive einer ersten Person einnimmt, setzt er sich leidenschaftlich für das ein, woran er oder sie glaubt. Alternativ dazu ist es verbreitet, eine Beobachterperspektive einer dritten Person einzunehmen, aus der heraus Situationen mittels Daten und Fakten erklärt werden. Echte Integration transzendiert und bewahrt beides und wählt das Beste der beiden Ansätze, um daraus eine neue, verbesserte und gemeinschaftliche Position zu finden, mit der die meisten einverstanden sein können (mittels der Einnahme der Perspektive einer zweiten Person, bei der man sich in die anderen hineinversetzt).“

Kapitel 5: The Principles of Crowdocracy in Action erläutert die Prinzipien, nach denen Crowdocracy arbeitet und funktioniert. Dazu werden Beispiele bereits funktionierender Online-Zusammenarbeiten vorgestellt. „Der nächste revolutionäre Schritt ist eine auf den Vielen basierende Revolution, die bereits überall auf der Welt im Stillen stattfindet.“ Wie das funktionieren kann bzw. schon funktioniert wird für die Bereiche Waren und Dienstleistungen, Forschung, Organisationen, Politik/Regierung und Aktivismus anhand konkreter Beispiele ausführlich erläutert. Die Autoren schlussfolgern:

„Was die Macht des Einzelnen, die Existenz der sozialen Medien und die Möglichkeit für jeden Bürger, sich zu artikulieren betrifft, ist der Genius bereits aus der Flasche geschlüpft. Es gibt kein Zurück mehr – die Menschen sind vertraut damit, ihre Meinung zu äußern und tun dies auch. Es ist daher entscheidend notwendig, dass wir damit beginnen, diese Entwicklung zu organisieren… Crowdocracy ermöglicht das Beste, was eine Gruppe oder Gemeinschaft zu bieten hat, hervorzubringen, bei gleichzeitiger Verringerung von weniger hilfreichem Gruppenverhalten wie Herdendenken, Konformität und Mobbing.“

Kapitel 6: How will Crowdocracy work? stellt die konkrete Arbeitsweise von Crowdocracy vor. Ein wesentliches Element dabei ist die Übernahme der von der Demokratie hervorgebrachten Gewaltenteilung (Legislative/Gesetzgebung, Exekutive/Vollzug und Judikative/Rechtsprechung). Es werden Beispiele angeführt, wo die Gewaltenteilung in heutigen Demokratien nicht mehr funktioniert. Anschließend daran erläutern die Autoren ihre Vorstellungen der Verbindung von Gewaltenteilung mit Crowdocracy. „In der Crowdokratie kehren wir zu einer viel strikteren Interpretation der Gewaltenteilung zurück und betonen insbesondere die Rolle der Legislative durch alle Bürger.“

„Die Gemeinschaft wird zu einer Gemeinschaft der Gesetzgebung mit der Macht, Gesetze vorzuschlagen und zu verabschieden. Die Amtsträger der Exekutive werden von der Gemeinschaft ernannt und sind damit im Hinblick der verabschiedeten Gesetze vollzugsberechtigt im Rahmen der delegierten Verantwortung der Gemeinschaft. Die unabhängige Judikative ist für die Rechtsprechung zuständig und hat die Funktion eines Hüters des crowdokratischen Prozesses.“

Diese crowdokratischen Funktionen und Rollen werden dann im Einzelnen erläutert.

Dabei werden auch allgemeine Grundsätze herausgearbeitet:

1. Jeder kann und sollte ermutigt werden sich am crowdokratischen Prozess zu beteiligen.

2. Keine Delegation der Vielen ihrer Macht an Repräsentanten.

3. Halb-Anonymität (als einen mittleren Weg zwischen totaler Anonymität, hinter der sich Menschen verstecken können, und keiner Anonymität, die Menschen daran hindern kann, sich zu beteiligen – „die Hüter des Prozesses haben Zugang zu unserer Identität“).

4. Allgemeine Grundregeln sind in einer Verfassung niedergelegt.

5. Es gibt einen integrativen Prozess.

Der crowdokratische Prozess selbst wird in sechs Phasen unterteilt: Vorschlag, Ausarbeitung, öffentliche Konsultation, letzte Überprüfung, Abstimmung, Umsetzung.

Nach der Erläuterung dieser Phasen geben die Autoren zwei fiktive aber konkrete Beispiele, um anschaulich zu erläutern, wie der crowdokratische Prozess funktionieren kann. Im Beispiel 1 geht es um eine fehlende Straßenbeleuchtung, im Beispiel 2 um den Bau einer Brücke.

Die Autoren fassen zusammen:

„Anders als es teilweise auf bestehenden Online-Plattformen geschieht, ist der [crowdokratische] Prozess kein Weg in die Anarchie, welcher der Menge gestattet, sich in einem wütenden Mob zu verwandeln. Mit einer starken Verfassung, klaren Verfahrensregeln, klaren Rollen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten können wir die Weisheit der Vielen hervorbringen, ohne die Schattenseiten von Gruppendynamiken anzustoßen.“

Im Kapitel 7: The Road to a New Reality diskutieren die Autoren Möglichkeiten der Einführung von Crowdokratie.

„Die Erkenntnisgrundlagen von Crowdocracy sind solide – unter den richtigen Umständen wird die größere Gemeinschaft fast immer zu besseren Entscheidungen kommen als eine kleine Gruppe, selbst wenn diese Gruppe aus Experten besteht. Das scheint unserer allgemeinen Intuition zu widersprechen, doch es ist eine der solidesten Erkenntnisse der Sozialwissenschaften. Vergessen wir dabei nicht, dass ein derartiges Wissen ein emergentes Phänomen ist – die Intelligenz, die aus der Gemeinschaft kommt, ist mehr als die Summe ihrer Teile… Crowdocracy transzendiert und bewahrt Demokratie.“

Wie kann nun etwas wie Crowdokratie am besten eingeführt werden? Dies sollte nicht geschehen, wie es teilweise mit der Demokratie versucht wurde, als eine Auferlegung oder ein Aufzwingen vermeintlich „entwickelter Nationen“ gegenüber vermeintlich weniger weit entwickelten Nationen. Da keine Entwicklungsstufen übersprungen werden können, gilt: „Ausgangspunkt für eine crowdokratische Revolution sind Länder und Gemeinschaften, in denen Demokratie und vorzugsweise eine Sozial-Demokratie bereits als Regierungsform bestehen oder angestrebt werden.“ Dabei gilt es, insbesondere die Angst vor einer Übernahme der Macht durch einen Mob anzusprechen:

„Die Angst vor dem Mob ist gerechtfertigt. Schaut man sich in der Geschichte um, entdeckt man zahllose Beispiele für die Dummheit der Massen. Menschen können, unter den falschen Umständen, weit hinter die ethischen Standards einer Zivilisation zurückfallen und daher müssen wir ein System schaffen, welches uns vor unserer eigenen destruktiven Natur schützt. Wenn dieses System von der Gemeinschaft selbst geschaffen wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Mitglieder der Gemeinschaft seinen Regeln folgen.“

Und natürlich ist auch eine Gemeinschaft selbst vor schlimmen Entscheidungen nicht gefeit, doch das gilt auch für die Demokratie. „Eine Mehrheit brachte Sokrates dazu, sich umzubringen, eine Mehrheit verhalf Hitler zur Macht. Überall auf der Welt führen formelle oder informelle Mehrheiten auch zu irrationalen, fremdenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen und sexistischen Ideologien.“ Die Autoren diskutieren dann die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Übergangsmodelle:

1. Top/Down Übergang, angeführt durch eine entsprechend weit entwickelte politische Führungspersönlichkeit.

2. Den Beginn in einem großen Maßstab.

3. Den Beginn in kleinem Maßstab.

4. Die Entwicklung in und aus dem bestehenden System heraus.

Die Empfehlung der Autoren lautet, mit Crowdokratie im kleinen Maßstab zu beginnen, auf der Basis einer vertrauenswürdigen und sicheren Technologie, welche die Zusammenarbeit ermöglicht.

Kapitel 8: A Crowdocratic Future, wirft einen Blick in die Zukunft.

„Eine Bewegung von der Demokratie mit gewählten Repräsentanten hin zu einer Welt, in der wir alle politische Verantwortung übernehmen, ist eine sich entwickelnde Möglichkeit, um unsere gemeinschaftliche Kraft der Entscheidungsfindung freizusetzen. Dies würde grundlegend die Macht von einigen wenigen auf die Vielen übertragen.“

Die Autoren geben dann Einblicke, wie eine derartige Welt aussehen würde, unterteilt in die drei Hauptperspektiven von ES (für Politiker, Staatsdiener, Medien, Lobbygruppen, das Geschäftsleben, Länder und die Monarchie); ICH und WIR.

Kapitel 9: Crowdocracy: Wicked and Wise Context stellt dieses Buch in den Gesamtzusammenhang der Wicked and Wise - Buchserie, und fasst dabei den Inhalt des Buches Wicked and Wise zusammen.

Unter Biographies werden die Autoren Alan Watkins und Iman Stratenus vorgestellt.

Das Buch Crowdocracy ist ebenso bodenständig wie visionär. Auf dem Boden der großen Errungenschaften der Demokratie, bei gleichzeitiger Betrachtung der Probleme und Grenzen, die sich dabei mehr und mehr zeigen, wird, auf der Basis aktueller soziologischer Erkenntnisse, die konkrete Vision einer wirklichen „Herrschaft des Volkes“ (demokratia: demos – Volk, kratein – herrschen) aufgezeigt. Wir können, dass ist die ermutigende Botschaft, die technologischen Möglichkeiten der Vernetzung untereinander dazu benutzen, alle Menschen zu politischen Mitgestaltern und Teilhabern zu machen. Unter den richtigen Rahmenbedingungen, welche die Autoren erläutern – und das ist ganz entscheidend – können wir so das Beste aus unserem gemeinschaftlichen Miteinander hervorrufen, für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, und zur Lösung der aktuellen Menschheitsherausforderungen.

(aus: Online Journal Nr. 60)

 

1 Siehe hierzu auch den Band 1 dieser Buchsereie: Wicked & Wise. Eine Online-Übersetzung bietet für das englische „wicked“ folgendes an: böse, boshaft, gemein, niederträchtig, sündhaft, schlecht, schlimm, gottlos, frevelhaft, übel. Ich (mh) habe mich für das Wort „wild“ zur Übersetzung entschieden.

2 Siehe hierzu auch die Ausgabe Nr. 47 des Online Journals mit einem ausführlichen Beitrag zum diesem Buch.

3 The Many Ways We Touch—Three Principles Helpful for Any Integrative Approach

www.kenwilber.com/Writings/PDF/ExcerptB_KOSMOS_2003.pdf

4 Das englische stakeholder hat unterschiedliche Bedeutungsdimensionen wie Interessenvertreter

Anspruchsberechtigte, Projektbeteiligte, Anspruchspersonen, Anspruchsberechtigte Interesseneigner, (relevanter) Akteure.

5 D. h. auf Leistung und durch Leistung erworbener Verdienste beruhend.

 



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