Titel:        Mensch und Tier
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Mensch und Tier

ein Interview mit Sebastian Gronbach

Frage: Sebastian, wie würdest du deine Beziehung zu Tieren beschreiben, und wie hat sich diese im Laufe deines Lebens entwickelt (und wohin geht diese Entwicklung vielleicht noch)?

SG: Ich bin auf dem Land groß geworden und Tiere gehörten zu meinem Leben immer dazu - sowohl zu meinem äußeren Umfeld, als auch in meinem Herzensraum. Besonders natürlich Hunde und Katzen - aber auch Tiere der benachbarten Landwirtschaft: Kühe, Schweine Pferde. Außerdem baute ich Teiche für Frösche, hatte eine Landschildkröte, fütterte über Jahre eine große Spinne und lernte die Sprache von Tauben, für die ich morgens extra früh aufstand, um mit ihnen zu kommunizieren. Ich sage das so detailliert, um auszudrücken, dass meine Beziehung zu Tieren nicht an bestimmte Tiere gebunden war, sondern verschiedene fühlenden Wesen berührten mich auf die unterschiedlichste Weise. Natürlich auf kindlich-emotionale Weise, aber auch noch anders: Mich faszinierte ihre differenzierte Wesenhaftigkeit: Der Grundcharakter einer Kuh im Vergleich zu einer Taube, das typisch Spinnenhafte im Unterschied zu einer Katze. Vielleicht so, wie ein Kung-Fu Schüler die Stile der verschiedenen Tiere nachahmt, so ahmte ich für mich diese Seelengesten nach.
Radikal verändert hat sich meine Beziehung zu Tieren dann, als ich zunächst Vegetarier und dann Veganer wurde. Für mich sind es Brüder und Schwestern, für die ich mich verantwortlich fühle. Ich finde es übrigens zwar immer toll, wenn sich Menschen für vegan entscheiden, aber man sollte sich auch nichts darauf einbilden. Denn es ist letztlich wohl eine ganz natürliche Entwicklung, dass man heute in den Luxus hineinwächst Tiere nicht mehr als Nahrung zu brauchen und als Freund zu gewinnen. Ich genieße dabei besonders das wachsende Vertrauen zwischen der menschlichen Seele und der Tierseele. Vielen Märchen & Mythen erzählen uns, was passieren kann, wenn der Mensch sich als vertrauenswürdig erweist: Die Tiere werden unsere Lehrer, unsere Rettung in Not und vollbringen wahre Wunder. Sagen wir mal so: Bei einem geschätzten Verhältnis von 7 Milliarden Menschen zu 14 Trillionen Tieren wäre es sogar recht klug, wenn wir nicht 14 Trillionen Feinde, sondern Brüder & Schwestern hätten.

 
Frage: Du wurdest Vegetarier und dann Veganer. Ist das eine Lebenseinstellung für dich allein und privat, oder bist du der Meinung andere sollten deinem Beispiel folgen - und bist du hier auch als ein Aktivist unterwegs der gesellschaftliche Veränderungen möchte?
 
SG: Zunächst ist es eine rein private Lebenseinstellung. Aber zum einen färbt jeder Mensch auf seine Umgebung ab, und zum anderen lebe ich ja einigermaßen öffentlich, was dazu führt, dass Menschen mich immer wieder darauf ansprechen. Außerdem bieten wir bei Events in unserer "Akademie im Schloss Gesldorf" immer vegane Speisen an. Ich bin seit 5 Jahren Veganer und diese Ernährung hat in allen Quadranten einen Effekt auf mein Leben gehabt: Ich nehme nun jedes Tier als fühlendes Wesen wahr, weil ich emotional nicht mehr zwischen solchen Tieren und Tierprodukten unterscheiden muss, die man lieb hat und solchen, die lecker schmecken. Das erlebe ich als sehr entspannend. Körperlich konnte ich eine unangenehme und chronische Magen-Darm Erkrankung vollständig ausheilen und als ambitionierter Sportler (ich mache Kickboxen) regeneriere ich sehr schnell. Gesellschaftlich schätze ich die Gespräche über den Wandel der Werte bezüglich des Themas Tierrechte. Und auf der strukturellen Ebene ist eine vegane Lebensweise der vielleicht einfachste Weg etwas zur positiven Veränderung auf der ganzen Erde beizutragen. Kurz gesagt: Ich freue mich riesig über jeden, der Spaß daran findet diese Lebensweise einmal auszuprobieren und ermutige auch viele Menschen dazu. Obwohl mir das Leid der Tiere im Herzen weh tut, möchte ich jedoch daraus keinen Krieg gegen Menschen ableiten.

Frage: ... und wahrscheinlich auch keinen Krieg gegen Tiere, oder? Es wird ja nach wie vor so sein, dass die Fleischfresser unter den Tieren weiterhin ihre Mitwesen aufessen (müssen) um sich zu ernähren.


SG: Natürlich soll es keinen Krieg gegen fleischfressende Tiere geben. Übrigens: Eine verblüffende Erfahrung ist, dass unser Hund - wenn er die Wahl zwischen unserem veganen Essen und seinem Fleischfutter hat - vegan wählt. Aber das kann man sicher nicht auf alle Tiere übertragen. Es gibt fleischfressende Tiere und damit sind - vor allem wenn sie unsere Haustiere sind - echte Probleme verbunden. Hier geht aber es wiedermal nicht um gut oder böse, sondern um besser oder schlechter. Schlechter ist es zum Beispiel Futter zu kaufen, welches die Massentierhaltung skrupellos fördert, besser ist es Bio-Tierfutter aus artgerechter Haltung zu geben.


Frage: Ist dir ein fleischfressendes Tier genau so lieb wie ein vegetarisches, oder fühlst du da einen Unterschied?


SG: Nein, beide sind mir gleich lieb. Das jagende und das grasende Tier verkörpern verschiedene Energien, die es ja auch in mir gibt.
Frage: Dahinter steht ja auch eine noch tiefere philosophische Frage, was das eigentlich für ein Universum und Schöpfungsplan ist, in dem die Entwicklung zumindest auf der Erde Wege beschreitet, wo Lebewesen sich gegenseitig aufzuessen, um sich zu ernähren.

Provozierend gefragt: Ist Gott (auch) Kannibale?


SG: Ja - eine tolle Frage. Gott ist (auch) Kannibale. Mystisch gesagt erfährt Gott sich im Mineral als das Ruhende, in der Pflanze als das Wachsende, im Tier als das Fühlende, und dazu gehört auch zu fühlen, wie es ist Blut zu lecken. Im Menschen dann integriert Gott das Mineralische, das Pflanzliche und das Tierische. Er - oder sie - wird sich selbst bewusst. Und (um noch einen Moment in diesem Bild zu bleiben) im Veganer erfährt Gott wie es ist, wenn er - oder sie - aus der ernährungsmäßigen Determiniertheit aussteigt. Der bewusste und freiwillige Verzicht auf eine kurzfristige Explosion von Geschmacksnerven auf der eigenen Zunge im Tausch gegen Mitgefühl für völlig fremde Wesen muss für Gott eine tiefgreifende und völlig neue Erfahrung sein. Gehört das zum Schöpfungsplan? Zum Schöpfungsplan gehört, was wir aus unserem intelligenten Herzen heraus tun. Oder?


Frage: Du bringst den Entwicklungsaspekt hinein, der uns (und damit auch Gott) aus dem Kannibalismus herausführt. Für mich ist eines der ehrfürchtigsten Mysterien die unvorstellbare Freiheit, die im Schöpfungs- und Entwicklungsgeschehen offenbar angelegt ist – wir können uns aufessen oder anderweitig umbringen, aber wir müssen es nicht. Wir können auch, wie du sagst, aussteigen und uns weiter entwickeln. Daran knüpft meine nächste Frage an: Die Bewegung veganer Ernährung lehnt ja nicht nur den Verzehr, sondern die Nutzung von Tieren durch den Menschen generell ab. Das würde jedoch, zu Ende gedacht, auch bedeuten dass es keine Haustiere mehr gäbe, keinen Zirkus mit Tieren, keine Zoos, keine Tiere in der Landwirtschaft (als Nutztiere) … Oder wie siehst du das? Gibt es da eine Rangfolge und Prioritäten?

SG: Veganer sind keine homogene Gruppe. Es gibt die unterschiedlichsten Interpretationen dieser Lebensweise. Es eint sie allerdings alle, dass sie das Leid, die schmerzhafte Ausbeutung und wesensfremde Nutzung sukzessive beenden wollen. Zugunsten eines  Zusammenlebens, welches von der tiefen Achtung vor der Würde eines fühlenden Wesens geprägt ist. Eigentlich ergibt sich alles aus dieser Würde des Tieres als ein fühlendes Wesen. Vielleicht gibt es zunächst mehr Fragen als Antworten: Wie kann ich mit Hund und Katz und Pferd so zusammenleben, dass ich als Mensch an ihrer unglaublichen seelischen Präsenz teilhaben darf und ihnen gleichzeitig eine Lebensgrundlage ermögliche, die ihnen – einfach gesagt – Freude macht? Wenn ich im Zoo bin und sehe in die Augen eines Panters, und „sein Blick vom Vorübergehen der Stäbe so müd' geworden ist", wie Rilke beobachtete - bin ich dann Teilhaber seiner seelischen Präsenz oder Voyeur eines Traumas? Wenn eine Kuh-Herde auf der Wiese eines Bauernhofes grast, um den Dung für die Landwirtschaft zu produzieren – ist das ungerechtfertigte Nutzung? Oder vielleicht so etwas wie eine neue Würde der Kuh, weil sie tatsächlich nutzen darf ohne benutzt zu werden? Wenn hoch sensible Tiere in engen Zirkus-Käfigen gehalten werden, zu Unzeiten im grellen Licht vor lauter Musik zu Kunststücken gezwungen werden – ist das dann eine Begegnung, die unsere Fürsorge steigert und dem Tier dadurch positive Erfahrungen ermöglicht?
Und abschließend zu Deiner Frage der Rangfolge und Prioritäten. Ich denke tatsächlich, dass es eine Rangfolge der Tiere geben darf. Die integrale Karte kann uns dort eine große Hilfe sein, damit die Komplexität dieser Frage uns nicht so sehr verwirrt, dass sie uns zu absolutistischen Antworten verführt. Äußerlich zum Beispiel dadurch, dass wir auf die biologische Entwicklung schauen: Von Tieren ohne zentrales Nervensystem zu Tieren mit Reptiliengehirn zu Säugetieren mit limbischen System zu Säugetieren mit Neocortex. Einfacher gesagt: Das Verspeisen einer Muschel kann anders bewertet werden als das Schlachten eines hoch entwickelten Säugetieres. Ich glaube wir fühlen alle, dass in der Mensch-Tier-Beziehung noch ein enormer Entwicklungsspielraum ist – ein Potential des gegenseitigen Verstehens und Lernens. Ich persönlich lerne lieber von Tieren, als sie zu essen.




(aus: integrale perspektiven Nr. 28)




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