Titel:        Interview Wolfgang Aurose
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Wolfgang Aurose – Evolution der Nationenseelen für die weltzentrische Gesellschaft

MH: Wolfgang, ich möchte meine erste Frage mit einem Satz aus den Klappentext deines Buches Die Seele der Nationen. Evolution und Heilung einleiten. Dort steht: „Erstarkende Nationalgefühle ohne seelische Integration dürfen niemals die Antwort sein auf wirtschaftliche Krisen und ihre Bedrohlichkeit für den Einzelnen wie seine Nation.“ Was meinst du mit „seelischer Integration“ im Hinblick auf Nationen?

WA: Dieser Satz ist wie eine aktuelle Antwort auf das, was jeden Tag in den Zeitungen zu lesen ist. Er meint die Polarisierung und das Erstarken von nationalen Gefühlen, die nicht seelisch, sondern mythisch gegründet sind.

MH: Ich finde es beeindruckend, dass du dich für diesen sehr geladenen Begriff „Seele“ entschieden hast und nicht einen technischen Begriff gewählt hast, um das Innenleben von Gemeinschaft zu benennen.

WA: Das war keine leichte Entscheidung. „Seele“ ist ein inflationärer Begriff. Ich habe mich dafür entschieden, weil dieses Wort in Europa und Deutschland eine philosophische Tradition hat. Im deutschen Idealismus und in der Romantik ist Seele ein zentraler Begriff, und ich halte diese philosophischen Richtungen für Kernstücke deutschen Geistes. Ich möchte darauf zurückgreifen, auch an die damalige Konnotation von Nationenseele als „evolutionäre Innerlichkeit“. Hegel und Herder haben schon damals davon gesprochen. Eine weitere Bestätigung für diesen Begriff kommt von Sri Aurobindo, der auch ein wesentlicher Impulsgeber für das Buch ist. Er spricht, auch vor dem Hintergrund möglicher Missverständlichkeiten, bewusst von dem – nicht aus Indien stammenden Begriff –  „seelisches Wesen“. Ich denke jedenfalls, dass wir in Europa unseren Wurzeln Rechnung tragen sollten, auch mit einem Begriff wie „Seele“ als einer europäischen Tradition.

MH: Du hast bereits die Entwicklungsdimension angesprochen und betonst, dass sich jede Nation auch mit ihrer eigenen historischen Entwicklung auseinandersetzen muss, und zwar auch von innen her, als Voraussetzung für eine gute Weiterentwicklung in der Zukunft. Stichworte dazu sind Vergangenheitsbewältigung und Schattenarbeit. Worum geht es dir dabei?

WA: Was ich betrachte, ist die Seelengeschichte von Ländern, im Unterschied zu ihrer so genannten Geistesgeschichte. Bei ersterer geht es vor allem um die besondere Identitätsentwicklung, und nicht nur um die vielschichtige Kultur oder faktische Historie eines Landes. In diesem Sinn ist Nation im Tiefsten eine seelische Werte- und Erfahrungsgemeinschaft, mit Werten, die im Verlaufe der Geschichte innerlich errungen wurden. Deutschland hat eine sehr markante Seelengeschichte, gerade auch durch die Ereignisse während des Dritten Reiches, durch die das Land eine fürchterliche seelische Katastrophe erlitt bzw. sich für sie entschieden hatte. Daraus wurden nach dem Krieg Erfahrungen gezogen und eine gewisse Läuterung ist erfolgt. Das ist beachtenswert, auch im internationalen Vergleich, aber dieser Prozess muss weitergehen. Es geschieht insgesamt noch sehr selten, dass ein Land seine eigene Geschichte seelisch aufarbeitet. Dies ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung zur Reifung eines Landes, und damit meine ich ein Reifwerden für eine Weltgesellschaft als nächstes evolutionäres Ziel. Die Europäische Union ist nicht zuletzt auf Basis der Schattenarbeit der Deutschen und Franzosen und anderer Nationen entstanden. Die Antragstellung auf Mitgliedschaft in der EU beinhaltet interessanterweise auch heute eine Art Aufforderung zur innernationalen Schattenarbeit und Aufarbeitung als Voraussetzung für die Aufnahme. Das wird viel zu wenig gewürdigt, es wird überwiegend nur von den strukturellen und wirtschaftlichen Bedingungen gesprochen. Doch eine innere Reife bzw. die Bereitschaft, einen Reifungsprozess zu durchlaufen, wird indirekt vorausgesetzt und durch das Beispiel und den Druck der anderen Länder unterstützt – das ist ganz wichtig. In meinem Buch zitiere ich Jeremy Rifkins „Europäischen Traum“, der mit seiner wunderbaren Beobachterperspektive zu europäischer Selbst-Erkenntnis beitragen kann.

MH: Du weist nicht nur auf den Schatten von Nationen hin, sondern auch auf den seelischen Lichtaspekt, den jede Nation hat, als Stärken, die es zu finden und anzunehmen gilt, was gerade im Fall von Deutschland aufgrund der jüngeren Geschichte und Belastungen nicht so einfach ist. Wie kann es gelingen, dass ein Land auf eine gute Weise zu seinen Qualitäten steht?

WA: Das ist etwas, was jedes Land für sich selbst finden muss, da gibt es keinen allgemeinen Weg. Was es jedoch wohl fast immer braucht, ist sowohl die eigene kollektive Selbsterkenntnis als auch den Blick der anderen. Diese Balance ist wichtig. In Bezug auf Deutschland findet man Qualitäten z. B. im Idealismus und in der Romantik. Oder auch in der durchaus auch leidvollen und zwiespältigen Zeit zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, als ein großer Teil der Nobelpreise nach Deutschland gingen, und zwar nicht nur Physik und Chemie, sondern auch Literatur- und Friedensnobelpreise. Dabei wurden deutsche Stärken sichtbar. Durch derartige Betrachtungen, die in der subjektiven Erfahrung der Bewohner ihre Bestätigung finden müssen, kann jedes Land seine eigenen Qualitäten, sein jeweils einzigartiges Profil finden. Es gilt jedoch dabei zugleich zu lernen, auf die Schatten zu achten, die aus eben diesen spezifischen Stärken erwachsen können.
 
MH: Ist es möglich, diesen Seelengedanken einer Nation auch auf Religionsgemeinschaften anzuwenden? Dann wäre es auch innerhalb der Religionen notwendig sich mit beidem zu beschäftigen, den Schatten- und den Lichtaspekten z. B. des Christentums und des Islam, um auf eine gesunde Weise zu einer Weltgemeinschaft der Religionen zu kommen.

WA: Ja, in meinem integralen Verständnis sind nicht nur Individuen und Nationen, sondern ist   die ganze Welt „evolutionär beseelt“. Es existiert in allem ein sich entwickelndes und dabei individualisierendes Seelen- oder Bewusstseinsfeld, im Einzelnen am stärksten, aber bis zu einem gewissen Grad auch in Gemeinschaften wie Familien, Nationen und Religionen. Politische Nationen sind unter anderem deshalb etwas Besonderes, weil sie als Kollektiv, im Unterschied etwa zu Familien und Volkskulturen, eher die Möglichkeit haben, sich durch eine Verfassung, die auch immer wieder geändert werden kann, an neue evolutionäre Entwicklungen anzupassen. Religionen tun sich diesbezüglich meiner Erfahrung nach schwerer. Sie versuchen es zum Teil, wie etwa der Protestantismus, der sich ja der Entwicklung zur Moderne angepasst, vielleicht sogar zu viel angepasst hat, aber andere Religionen tun sich schwerer mit diesem evolutionären Wandel. Der Katholizismus und die orthodoxe Kirche tun sich schwer, der Islam und das orthodoxe Judentum zeigen ihre entsprechenden Grenzen und zumindest in Asien offenbaren auch Hinduismus und Buddhismus ein militantes Beharren. Doch im Prinzip wäre evolutionärer Wandel der Weg auch für Religionen.  

MH: Du bist nicht nur „theoretisch“ unterwegs, sondern auch sehr praktisch und konkret mit deiner Partnerin Soleil. Was bietet ihr zu diesem Thema an?

WA: Über Seele nur zu reden und dazu keine Erfahrungen anzubieten, wäre das gleiche Versäumnis begehen, das wir schon bei den Idealisten und Romantikern finden. Sie haben viel zur Seele entdeckt, aber sie boten keine konkrete Praxis und keine gesellschaftlichen Vermittlungswege dazu an. Hier muss Philosophie zur Erfahrungsmöglichkeit erweitert werden. Eine solche finden wir bei Rudolf Steiner, bei Sri Aurobindo, bei Ken Wilber. Sie alle sind sich im Klaren darüber, dass die seelisch-geistige Dimension heute auch erfahren werden muss (und kann), sonst bleibt sie bloßer Glaubensinhalt und persönlich und auch gesellschaftlich weitgehend unfruchtbar. Soleil und ich nähern uns einer derartigen Erfahrungsmöglichkeit in unseren „Soul of Nations“-Workshops an, in denen uns prägende Seelen- aber auch Schattenaspekte der jeweils eigenen Nation subjektiv erfahrbar werden können. Es handelt sich also um keine neue Glaubensphilosophie, die auf Seele basiert, sondern evolutionär gesehen um eine heute im größeren Ausmaß zugänglich gewordene Erfahrungsmöglichkeit. Es gibt auch andere Wege und Methoden, wie jemand mit dem Seelenfeld des Landes, in dem er oder sie lebt, in Berührung kommen kann. Man muss dazu nicht unbedingt in dem Land geboren sein – man spürt mit entsprechender Übung sowohl einzelne Licht- als auch Schattenaspekte dieses Landes in sich selbst. Daran kann man dann arbeiten, im Sinne einer Schattenarbeit, aber auch als Prozess der Integration und Annahme der Qualitäten – was manchmal genauso schwierig sein kann. Viele aus meiner Generation sperren sich etwa dagegen „deutsch“ zu sein. Deshalb geht es auch darum, Licht und Schatten auseinanderzuhalten. Da „Seele“ eine Doppelgestalt meint, d. h. sie sowohl eine jeweils einzigartige, evolvierende Identität, als auch zugleich ein uns alle vereinendes Feld darstellt, kann man von einer Art homöopathischen Effekt sprechen. Wenn ich an mir arbeite, dann bewirkt diese, im Verhältnis zum Ganzen winzig kleine Menge an Wirkung einen Einfluss auf mein Land. Dahinter steckt die ungeheure Kraft des in vielen Menschen heute relativ „geschulteren“ und seelisch weiter entwickelten Subjektiven – und damit arbeiten wir. Wenn wir als Einzelne das tun, dann geschieht das nicht nur für unsere persönliche Klärung und Entwicklung, sondern hat, in verschiedenen Graden, Auswirkungen auf die ganze Gesellschaft.

MH: Du lebst schon viele Jahre in den USA. Wie siehst du die USA? Von außen betrachtet sind sich die USA ihrer eigenen Größe ja sehr bewusst, vielleicht sogar etwas zu viel.

WA: Jedes Land hat seine spezifischen Schatten, und das gilt auch für die USA. Im Buch stelle ich die evolutionär einerseits fortgeschrittene Stellung Amerikas dar, im Hinblick auf die Selbstverwirklichung des Einzelnen, die ja, richtig verstanden, den evolutionär notwendigen Umschlagpunkt zu einem integralen Bewusstsein bildet. Das wird hier sogar in der Verfassung garantiert, als „pursuit of happiness“. Die Menschen in den USA wissen und spüren irgendwie, dass sie Vorreiter sind. Doch es gibt in den USA auch schwere Schatten, die dieser Qualität und den daraus erwachsenden Aufgaben entgegenstehen. Zu nennen wäre etwa ein meist republikanisch-fundamentalistisches Christentum, aber auch die eher unkritische New Age-Bewegung, die alle die Entstehung einer authentisch-amerikanischen, integralen Spiritualität verhindern, die etwa auf Ralph Waldo Emerson zurückgehen könnte. Das liegt meiner Ansicht nach in erster Linie an dem Bruch, den die Amerikaner gegenüber den Ureinwohnern des Landes vollzogen haben, den Indianern und der mit ihnen verbundenen und ausgeprägten, animistisch-schamanistischen Bewusstseinsphase dieses Landes. Diese wurde nicht integriert. Der Bruch hat leidvolle Auswirkungen nicht nur für die Betroffenen, sondern für die ganze Welt. Viele amerikanische Widersprüche lassen sich aus dieser bisher ausgebliebenen Integration erklären, wie das Fundamentalistische auf der einen und das sehr Fortschrittliche auf der anderen Seite.       

MH: Gibt es Heilungsansätze dazu in den USA?

WA: Ken Wilber und die integrale Bewegung sind in diesem Umfeld schon sehr wichtig. Ich lebe an der Westküste, die vom Geist her kalifornisch beeinflusst ist, und da ist Wilber kaum integriert. Ich habe Schwierigkeiten über ihn zu reden, da gibt es im New Age eine große Sperre. Ich habe viele spirituelle Freunde, die diesen Tiefen-Weg nicht beschreiten wollen. Wie sich das weiter entwickeln wird, weiß ich nicht, ich mache mir schon auch Sorgen um Amerika.

MH: Ich möchte gerne auf deine eigenen Wurzeln und Quellen zu sprechen kommen, Sri Aurobindo, Ken Wilber und Rudolf Steiner hast du schon erwähnt.     

WA: Ich gehöre zur Nachkriegsgeneration, und wurde in das Feld eines damals nicht bewältigten Traumas in Deutschland geboren. Ich konnte mich, wie viele meiner Generation, nicht mit meiner Heimat identifizieren, habe mich dann in der Welt umgeschaut, war in Indien, habe viel gesucht und auch viel gefunden und habe mich dann aufgemacht mit dem Gefundenen meine Heimat neu zu verorten und zu entdecken. In meinem Buch erwähne ich Ereignisse und Durchbrüche, die mir das eröffnet haben. Dafür bin ich sehr dankbar, fühle mich in dieser Dankbarkeit meiner Generation verpflichtet und habe auch aus dieser Haltung heraus das Buch geschrieben. Die Welt wartet auf den Beitrag jeder Nation, d. h. sie wartet auch auf den deutschen Beitrag. Die Deutschen haben einen atemberaubenden Fall erlebt und gelebt, die Absturzhöhe war ungeheuer hoch, es war, letztlich für die ganze Welt ein gewaltiger evolutionärer Rückschlag. Deutschland steht diesbezüglich auch international unter Beobachtung. Die Menschen in den anderen Ländern wollen sehen, wie Deutschland damit umgeht – und das Urteil ist bekannt: Deutschland gilt heute in weltweiten Umfragen als eines der angesehensten Länder in der ganzen Welt. Zu dieser seelisch-evolutionären Weiterentwicklung meines Landes beizutragen ist für mich ein wesentlicher Impuls. Der Blick von geschulten Beobachtern außerhalb des Landes, ich erwähnte es, ist für diesen Prozess mitentscheidend und oft initiierend. Sri Aurobindo ist jemand, der dies getan hat, gerade auch auf den deutschen Licht- und Schattenaspekt, und Wilber hat es auch getan, z. B. im Hinblick auf Idealismus und Romantik. Sie „durften“ das tun, was für mich und sehr viele Deutsche als tabu erschien. Diese „Erlaubnis“ zu haben, darüber zu sprechen und dazu eigene Erfahrungen zu machen, darum geht es auch in den Workshops.    

Ich möchte im Hinblick auf die integrale Bewegung noch sagen, dass Europa einen guten Mittelweg beschreiten kann zwischen, sagen wir, „indischer Hingabe“ und „amerikanischer Machbarkeit“. Das gilt auch für das, was das Integrale Forum und auch die Integral Europe Initiative zeigen. Ich finde das sehr ermutigend, und es ist für mich auch Ausdruck der wachsenden Seele Europas!

http://www.sunwolfcreations.com/


(aus: integrale perspektiven Nr. 30)



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