Titel:        Schulentwicklung mit System
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Schulentwicklung mit System am Beispiel der Bildung für Kinderrechte und Demokratie

Sonja Student

Seit ca. 15 Jahren arbeite ich in der Schulentwicklung für Kinderrechte/Menschenrechte und Demokratie: zuerst im bundesweiten Programm der Bund-Länder-Kommission „Demokratie lernen und leben“ als Mitglied des Leitungsteams in Rheinland-Pfalz, aktuell als Projektleiterin beim Aufbau von Modellschulnetzwerken für Kinderrechte in Hessen und bundesweit. Bei den Kinderrechten geht es um Menschsein und Menschenrechte für Kinder und Jugendliche von 0-18 Jahren, also von Anfang an. Kinder werden nicht länger als Objekte von Erziehung gesehen, sondern als Subjekte ihres Lebens. Seit der weltweiten Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention 1989 und ihrer Ratifizierung durch die Bundesrepublik Deutschland sind die Kinderrechte ein gültiger Werte- und Bezugsrahmen für die Gestaltung von Schule, auch wenn es sich noch nicht wirklich herumgesprochen hat. Ihr oberster Leitsatz ist das Wohl des Kindes („the best interest of the child“), mit den Prinzipien von Schutz, Gleichheit, Förderung und Partizipation.
Bei der Bildung für Kinderrechte und Demokratie handelt es sich um einen ganzheitlichen Ansatz. Dieser umfasst die Förderung einer weltzentrischen Haltung bei Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und allen an Schule Beteiligten, den Erwerb demokratisch-menschenrechtlicher Handlungskompetenzen, eine gerechte und fürsorgliche Schulkultur und eine unterstützende Schulstruktur. Dies ist nicht nur gültig für die Einzelschule als eigenes System, sondern ebenfalls für die größeren Systeme, z. B. das kommunale System als Schulträger, das Bildungssystem des jeweiligen Bundeslandes (Bildungspolitik in Deutschland ist Sache der 16 Bundesländer) sowie regionale Bildungslandschaften und länderübergreifende Systeme (Kultusministerkonferenz, Stiftungen und Stiftungsverbände). Das Ganze ist ganz schön komplex. Integral gesprochen geht es um die Berücksichtigung aller vier Quadranten (Haltungen, Kompetenzen, Kultur und System) auf der Höhe eines weltzentrischen globalen Bewusstseins.
Die Programme für Kinderrechte und Demokratie sind eine Antwort darauf, dass Schulentwicklung in Deutschland viele Jahre lang entweder auf Organisationsentwicklung und Funktionalität ausgerichtet war (z. B. der unselige Kampf um G8 oder G9 – also Abitur in 8 oder 9 Jahren) oder die Reduktion von Bildungszielen auf fragmentierte Fach- und Methodenkompetenzen vor allem im sprachlichen, mathematischen oder naturwissenschaftlichen Bereich. Kinder und Jugendliche werden dabei mehr als „Fächer auf zwei Beinen“ gesehen und nicht als ganze Menschen mit ihren Entwicklungspotenzialen und Entwicklungsbedürfnissen nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstwirksamkeit, Beteiligung und Verantwortung. Die persönlichen und gemeinschaftlichen Werte einer demokratischen, solidarischen und gerechten Gesellschaft haben Nischen in Inselfächern wie Ethik, Religion, Sozialkunde oder Gesellschaftslehre oder vereinzelten kreativen Projekten: Sie stehen jedoch nicht im Zentrum von Bildung und gemeinsam gelebter Schulkultur.

Schule als Haus der Kinderrechte als ein systemischer Ansatz


Der Verein Makista, deren Vorsitzende ich bin, arbeitet seit 2010 in Kooperation mit mehreren Partnern aus Staat und Zivilgesellschaft am Aufbau eines Modellschulnetzwerks für Kinderrechte - erst nur im Rhein-Main-Gebiet und seit 2015 in ganz Hessen. Aktuelle Partner sind UNICEF Deutschland, die Anna-Kathrin-Linsenhoff-UNICEF Stiftung, das Deutsche Kinderhilfswerk, das Land Hessen, die Zukunftsstiftung Bildung sowie kleinere Partner. Das Projektteam unterstützt die ca. 20 beteiligten Schulen (mehrheitlich Grundschulen) durch
Beratungen der Einzelschulen,
Studientage mit dem gesamten Kollegium,
ein Aus- und Fortbildungsprogramm mit Wahl- und Pflichtmodulen, das von den erfahrenen Schulen in Kooperation mit Experten für die neuen Schulen im Sinne des Voneinander-Lernens gestaltet wird,
Austausch in Netzwerktreffen sowie praxisnahe Materialien für alle Zielgruppen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Kinder und Jugendliche lernen in den Kinderrechteschulen u. a. ihr WIR durch Klassenräte in jeder Klasse gemeinsam zu gestalten, gewaltfreie Kommunikations- und Konfliktlösungen, ein solidarisches Miteinander in der Schulgemeinschaft und in der Kommune, Engagement für andere und insbesondere das Initiieren von Projekten für alle Kinder bei uns in Deutschland und weltweit.

Höhere Kultur als Magnet für Entwicklung


Wenn eine Schule solche weltzentrischen Werte ins Zentrum ihrer Entwicklung stellt, so wirken diese wie ein Magnet für Entwicklung und prägen das Zusammenleben aller an einer Schule Beteiligten. Es ist wie ein Samen höherer Entwicklung, der von Anfang an angelegt ist und mit dem Prozess des Aufwachsens zu seiner Zeit altersgemäß aufblühen kann. Jüngere Kinder können sich am Vorbild der Erwachsenen oder älterer Kinder und Jugendlicher orientieren, alle können sich und ihre Fähigkeiten in vielfältigen Gelegenheitsstrukturen erproben und ihre Erfahrungen auswerten. Kinder, die so leben und lernen, können oft viel mehr, als man ihnen zutraut. Sie haben Möglichkeitsräume für die Erprobung und Entfaltung ihrer Fähigkeiten. Dazu brauchen sie ihre eigene Zeit und ihr eigenes Lerntempo, jedoch keine fabrikmäßige Instruktion. Wir sind immer schon Gemeinschaftswesen und Einzelwesen, die aus einer Quelle kommen. Daher sind individuelle Entfaltung und Förderung des Gemeinsinns kein Gegensatz, sondern gehören zusammen: Einheit in Vielfalt mit dem gemeinsamen Werte- und Bezugsrahmen der Menschen- und Kinderrechte.

Peer-to-Peer oder miteinander leben, voneinander lernen


Wichtig im Programm ist das Peer-to-peer-Prinzip: Für die Kinder gilt das z. B. im Klassenrat oder in verschiedenen Lern- und Verantwortungsprojekten. In vielen Schulen übernehmen die älteren Kinder oder Jugendlichen die Verantwortung für die Jüngeren – als eine Art Lerncoach. Beim Lernen durch Lehren können sie ihr eigenes Verständnis vertiefen. Das Peer-Prinzip gilt auch für die Erwachsenen und die Schulen untereinander: Sie geben in Fortbildungen das weiter, was sie schon besonders gut können und lernen von anderen Schulen und erfahrenen Experten aus Praxis und Wissenschaft, die ihr Wissen und ihre reflektierte Erfahrung an die Schulteams weitergeben.

Integral bedeutet lebenslanges Lernen, Sein und Werden


Meine Arbeit in der Schulentwicklung ist Teil meiner integralen Lebenspraxis. Dabei hilft mir die integrale Landkarte, meine Aufmerksamkeit auf wesentliche Aspekte der menschlichen Potenzialentwicklung zu richten. Das erleichtert mir, auf das Ganze zu schauen und der Komplexität von Entwicklungsprozessen besser gerecht zu werden und Einseitigkeiten zu vermeiden. Ich kann meine eigenen Stärken dort einsetzen, wo sie gebraucht werden und ergänzende Kompetenzen und Expertise dort hinzuziehen, wo diese situationsgemäß gebraucht werden und mich mit anderen Netzwerken verbinden, die einem ähnlichen evolutionären Kulturimpuls folgen.
Entwicklung ist immer ein ganzheitlicher Prozess – in allen vier Quadranten, alle Gruppen in den jeweiligen Systemen müssen einbezogen werden. Um einzelnen Schulen diesen Prozesscharakter zu veranschaulichen, haben wir das „Haus der Kinderrechte“ als Instrument entwickelt. Ganz oben finden wir das Ziel des Systems Schule: Den Vorrang des Kindeswohls mit den übergeordneten Prinzipien von Gleichheit, Schutz, Förderung und Beteiligung; dann alle wichtigen Zielgruppen: Auf der linken Seiten die inneren Entwicklungsräume für Individuen und das WIR, die Kultur, auf der rechten Seite die organisatorischen Anforderungen. Ganz unten ist die Zeit oder Entwicklungsschiene, mit ihren Meilensteinen und einer gleichzeitigen Offenheit des Prozesses.
Was nicht abgebildet ist, ist das leere Blatt, auf dem das Haus steht – der „Spirit“ der Kinderrechte. Die Zuversicht in die Gutheit des Ganzen, die Begeisterung, das Beste zu geben, was jetzt möglich ist, und die Freiheit hinsichtlich des Ausgangs des Prozesses. Systemveränderungen sind sehr komplex und chaotisch. Sie brauchen viel Zeit, Ausdauer, Mut und Demut. Meine tiefste Quelle für das nachhaltige Engagement sind die nichtduale Freiheit von Allem und die aus der Freiheit erwachsene tiefe Verbundenheit mit allen Menschen, ob groß, ob klein.

Literatur und Links:
Edelstein, Wolfgang; Krappmann, Lothar; Student, Sonja: Kinderrechte in die Schule. Gleichheit, Schutz, Förderung, Partizipation.
Debus Verlag 2014, (ergänzend Portmann, Rosemarie: 2 CDs mit Unterrichtsmaterialien für Grundschule und Sekundarstufe und Makista Materialpaket für die Klasse)
Makista-Kinderrechtefilm.
www.kinderrechteschulen.de. Startseite unten
www.makista.de
www.kinderrechteschulen.de


(aus: integrale perspektiven Nr. 31)



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