Titel:        Integrale Ernährung – eine Entdeckungsreise
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Integrale Ernährung – eine Entdeckungsreise

Sven Werchan

Was bedeutet es für mich, ein Alltagsthema wie Ernährung aus integraler Perspektive zu betrachten und vor allem zu erleben?

Es lässt mich zuerst einmal staunen. Meine Ernährung – wow, was für ein komplexes Thema! Das sind ja nicht nur Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, d.h. das, was ich jeden Tag esse. Meine Ernährung, das ist auch eine Welt von körperlichen Empfindungen, Geschmackserfahrungen, lustvollen Höhepunkten, schmerzhaften Völlegefühlen, Erinnerungen und Ritualen, Sehnsüchten und Verlangen. Es umfasst eine reiche innerliche Welt des Erlebens, einschließlich der Gedanken und Gefühle, Einstellungen und Idee, die ich rund um dieses Erleben habe. Wie positioniere ich mich gegenüber all den Vorschriften und Empfehlungen, die ich bezüglich der „richten“ Ernährung schon gehört habe?

Klar, meine Ernährung, das ist die Summe all meiner Entscheidungen rund ums Essen. Ist mir bewusst, wie weitreichend die Konsequenzen meiner Entscheidungen sind? Die reichen von meinem Wohlbefinden über meine langfristige körperliche Gesundheit und Fitness bis weit hinein in die globale Ökonomie und Ökologie.

Durch die integrale Perspektive erlebe ich mein Ernährungsleben viel reicher und wirklicher gegenüber einer oft anzutreffenden Fokussierung auf Teilaspekte wie Gewicht, Gesundheit oder Erzeugung von Nahrung. Es kommt mir manchmal vor, als ob wir viel zu dicht vor einem großen Bild stehen und dadurch nur einzelne Bildpunkte sehen können. Die integrale perspektive lässt mich das ganze Bild meiner und unserer Ernährung sehen. Es ist ein Sehen, das mich tiefer berührt als reines Ernährungswissen.

Wenn ich mich selbst als bio-psycho-soziales Wesen erlebe, dann ist auch meine Ernährung ein bio-psycho-soziales Phänomen. Da geht es um weit mehr als die Zahlen, Daten und Fakten der optimierungsorientierten Ernährungsratgeber, egal ob das Ziel Gesundheit, Traumfigur oder eine ethisch einwandfreie Ernährung ist.

Mein Umgang mit dem Essen ist tief in meiner individuellen Geschichte verwurzelt. Essen habe ich von meinen Eltern gelernt, Menschen, die Krieg und Hunger noch unmittelbar erlebt haben. In meinem Essverhalten stecken die Regeln und Rituale meiner Familie und meiner Kultur. In meinen Entscheidungen für Art und Herkunft meines Essens drücken sich meine Werte ebenso aus wie meine finanziellen Möglichkeiten. Was und wie viel ich esse hängt von meinem Wissen über Ernährung genauso ab, wie von meinem aktuellen Körperbewusstsein und meiner Fähigkeit, im Moment zu spüren was und wie viel davon mir beim Essen wirklich gut tut.

Der integrale Bezugsrahmen entwirrt, klärt und ordnet dieses Wirrwarr an Informationen, Empfindungen und Gefühlen. Was hat wo seinen Platz? In welchen Bereichen spüre ich Veränderungsbedarf und was für Ressourcen habe ich? So entsteht eine Einfachheit hinsichtlich der oft schwer zu überblickende Komplexität des Phänomens Ernährung.

Wer bin ich beim Essen? Was und wie viel tut mir gut? Das erfahre ich nicht aus Büchern, auch wenn die Anregungen geben können, Verschiedenes auszuprobieren. Das kann ich erleben, wenn ich in der Lage bin, mich gleichsam von außen anzuschauen, wenn ich den Prozess der Entscheidungen rund ums Essen zum Gegenstand meiner Betrachtung mache. Es ist ein achtsam erforschender Umgang mit mir als essendem Menschen. Dies zu tun, erlebe ich als einen ganz realen Entwicklungsweg. Gelegenheiten zu praktizieren bietet jeder Tag, bis ans Ende unseres Lebens. Nochmal wow! Was für ein Feld an Möglichkeiten darin liegt. Es ist sicher nicht übertrieben zu behaupten, dass in unserem Umgang mit dem Thema Ernährung ein Stück Zukunft unseres Planeten liegt.

Eine umfassendere Sicht auf unsere Ernährung in die Welt zu bringen, ist Ziel des Projekts Integrale Ernährung. Es geht um nicht weniger als die Heilung unserer Ernährung, was Hunger, Übergewicht, Genuss und Ökologie umfasst. Dies beginnt bei mir selbst und meinem Ess-Bewusstsein. Es geht außerdem darum, diese Erweiterung der Betrachtung in unsere Kultur zu tragen. Wie schauen wir auf das Thema Ernährung?

Von dort führt der Weg rasch zur Frage, wie gehe ich, wie gehen wir mit Gesundheit und Heilung allgemein um? Dem Einfluss der Ernährung ist dabei das Thema Bewegung ebenbürtig. Auch hier gilt es, den veränderten Lebensbedingungen unserer Welt ganzheitlich zu begegnen und entsprechende Antworten für sich zu finden.

Aus: integrale perspektiven Nr. 32



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